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Auch Dresdner Engel brauchen Beschützer

Dana Krause restauriert Skulpturen, Reliefs und Mosaiken. Sie ist eine Marmorexpertin, deren Können gerade Friedhöfe mehr denn je brauchen.

Dank Dana Krause und ihrem Team können Besucher des Dresdner Johannisfriedhofs den Engel von Gustav Heinrich Eberlein auf dem Grab der Familie Roetzschke wieder bewundern.
Dank Dana Krause und ihrem Team können Besucher des Dresdner Johannisfriedhofs den Engel von Gustav Heinrich Eberlein auf dem Grab der Familie Roetzschke wieder bewundern. © Sven Ellger

Dresden. Diese Leichtigkeit fasziniert Dana Krause immer wieder neu. Weiß sie doch, wie viel Schwere auch darin steckt: Überlebensgroße Figuren, filigran und feinsinnig, gearbeitet aus einem einzigen, riesigen Marmorblock - vor dieser Leistung früherer Bildhauer verneigt sich die Restauratorin.

Gustav Heinrich Eberlein ist solch ein Künstler, dem sie gern über die Schulter geschaut hätte. Doch sein Engel, der die Grabstätte der Familie Roetzschke auf dem Johannisfriedhof in Tolkewitz zu einem Ort des Stehens und Staunens macht, entstand Generationen vor ihr.

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Gerade erst ist die Skulptur aus Dana Krauses Werkstatt zurück auf den Friedhof gekehrt. Nach aufwändiger Restaurierung wirkt sie nun wieder rein und befreit. Sogenannte Vergipsungen und Farbschichten, teils durch Umwelteinflüsse entstanden, teils menschengemacht, hat die Marmorspezialistin zusammen mit ihrem Team der Christoph Hein Restauratorengesellschaft in mühevoller Handarbeit abgetragen.

Die Restauratorin Dana Krause befreit am Grab der Familie Bäumer eine Engelsfigur von Vergipsungen, die durch Umwelteinflüsse entstanden sind - eine Sisyphusarbeit.
Die Restauratorin Dana Krause befreit am Grab der Familie Bäumer eine Engelsfigur von Vergipsungen, die durch Umwelteinflüsse entstanden sind - eine Sisyphusarbeit. © Sven Ellger

Sie haben gespült und gebürstet, dem Material Verfärbungen entzogen, es gefestigt und gewachst, sodass die Engelsfigur nicht wie neu, sondern als das zu erleben ist, was der Künstler gewollt und die Zeit hinzugefügt hat.

"Es geht nicht immer darum, eine Plastik oder ein Relief zurück in den ursprünglichen Zustand zu versetzten", sagt Dana Krause. Das sei manchmal auch nicht möglich. Die Witterung nagt über Jahrzehnte an Flügel- und Nasenspitzen, Fingern und Haarsträhnen, Blütenblättern und Inschriften. Die Restauratorin ersetzt mit größtem Feingefühl nur das, was für den Gesamteindruck nötig ist.

"Unsere Aufgabe ist es, so viel wie möglich an originaler Substanz und Wirkung zu erhalten." Gelegentlich gebiete auch das Budget den restauratorischen Möglichkeiten Einhalt. Doch nicht das Optimale ist zwingend erstrebenswert, sondern das Sinnvolle.

Vergangenheit zieht tief in den Stein

Eine solche Entscheidung war auch in Absprache mit den Auftraggebern der Engelrestaurierung zu treffen. "Die Skulptur muss über eine lange Zeit hinweg an einem anderen Ort gestanden haben", sagt Dana Krause. Dort tropften ganz sicher von einem Vordach die vom Niederschlag gelösten Kupfersulfate auf die Figur.

Sie drangen so tief in den weißen Marmor ein, dass der Engel im Rückenbereich und im Faltenwurf seines Gewandes tiefgrüne Verfärbungen aufwies. Zwar lassen sie sich mithilfe von chemisch wirkenden Substanzen dem Stein wieder entziehen. Doch wer die Figur auf dem Roetzschke-Grab genau betrachtet, wird den zarten grünlichen Schein hier und da noch bemerken.

Auch ganz herkömmliche Zahnbürsten kommen zum Einsatz, wenn Restauratoren millimeterdicke Verschmutzungen von Marmoroberflächen entfernen. Dafür braucht es Zeit und Geduld.
Auch ganz herkömmliche Zahnbürsten kommen zum Einsatz, wenn Restauratoren millimeterdicke Verschmutzungen von Marmoroberflächen entfernen. Dafür braucht es Zeit und Geduld. © Sven Ellger

"Mit weiteren Behandlungen hätten wir wahrscheinlich auch diese Farbveränderungen entfernen können", sagt Dana Krause. Doch die Restaurierungskosten wären damit gestiegen. Fünfmal war die Entfärbungspaste bereits angewendet worden. Wäre es gut, dem Kunstwerk die Erinnerung an seine Vergangenheit gänzlich entziehen? Nicht nur Menschen formen ihre Geschichte.

Dana Krause zum Beispiel prägte das Praktikum, das sie als Voraussetzung für ihr späteres Studium in Dresden begann. "Damals war es nötig, zwei Jahre lang Erfahrungen in der Praxis zu sammeln, bevor man sich an einer Hochschule bewerben konnte", erzählt die 43-Jährige. Auf diese Weise fand sie den Weg in Christoph Heins Firma und hatte dort die einmalige Möglichkeit, an der Restaurierung des Altars der Dresdner Frauenkirche mitzuarbeiten. "Für diese großartige Chance habe ich mein Praktikum um ein drittes Jahr verlängert."

Restaurator ist nicht gleich Restaurator. Erhaltenswert sind historische Möbel, Stoffe, Metallarbeiten, Schriften, Drucke und Gemälde. Während des Studiums, das Dana Krause in Hildesheim absolvierte, spezialisierte sie sich bereits auf das Restaurieren von Steinobjekten und Architekturoberflächen.

Von Schlösser und Gärten zu den Friedhöfen

In Kambodscha wirkte sie ein halbes Jahr lang in einem deutschen Team an der Tempelanlage Angkor Wat mit. "Ziel der Restauratoren war es, die Einheimischen für ihre Kulturschätze der mehr als 100 Tempelanlagen zu sensibilisieren und dabei anzuleiten, ihre Kulturgüter selbstständig zu erhalten." Später verbrachte sie ein weiteres Praxissemester in Mexiko.

Inzwischen gibt es kaum ein berühmtes historisches Gebäude in Dresden, an dem die Restauratorengesellschaft, die Dana Krause seit drei Jahren im Sinne ihres Mannes, Christoph Hein, leitet, nicht gearbeitet hat: Neben der Frauenkirche finden sich der Dresdner Zwinger, das Dresdner Schloss und der Große Garten unter den Referenzen. Im Barockgarten Großsedlitz ist ihre Expertise ebenso gefragt wie auf der Festung Königstein. Dazu nehmen inzwischen einen großen Aufgabenbereich die Dresdner Friedhöfe ein.

Auch dem Grab der Familie Eschebach auf dem Johannisfriedhof hat Dana Krauses Restauratorengesellschaft Christoph Hein zu alter Schönheit und Dauerhaftigkeit verholfen.
Auch dem Grab der Familie Eschebach auf dem Johannisfriedhof hat Dana Krauses Restauratorengesellschaft Christoph Hein zu alter Schönheit und Dauerhaftigkeit verholfen. © Sven Ellger

Dana Krause braucht auf dem Johannisfriedhof nur eine Grabstätte weiterzugehen, um schon beim nächsten Auftrag Halt zu machen: Neben der Familie Roetzschke haben die Arbeiten an einer großen Skulptur am Grab der Familie Bäumer begonnen.

Eine Praktikantin, die kurz vor ihrem Studium steht, wie Dana Krause vor gut 20 Jahren, hat den Marmorengel mit einer dicken Paste überzogen. Es sieht aus wie vertrocknete Zuckerwatte, ist aber eine mit sogenanntem Hirschhornsalz versetzte Zellstoffflocken-Kompresse. Die mit dem Ammoniumcarbonat angereicherte Masse wirkt mehrere Stunden ein und löst Gipsablagerungen von Jahrzehnten.

Luftverschmutzungen haben über die Dauer der Zeit eine solch feste, mehrere Millimeter dicke Schicht gebildet, die nur auf diese Weise zu lösen ist. Doch selbst dann lässt sich die Vergipsung nicht einfach abwaschen. Dana Krause greift zu einer Zahnbürste und bürstet mit sanftem Druck und Geduld über ein marmornes Palmblatt. Viel Wasser, diverse Spachteln und Bürsten braucht die Restauratorin, um das Weiß des ursprünglichen Materials zutage zu fördern.

"Der Johannisfriedhof ist mehr als nur ein Friedhof"

Sowohl der Roetzschke-Engel als auch dieser werden in ihrer Obhut bleiben. "Es ist nötig, restaurierte Skulpturen im Freien alle drei bis vier Jahre zu warten und zu pflegen, damit ihr Zustand so gut erhalten bleibt", erklärt die Restauratorin.

Allen weiteren Grabmalen einen Besuch abzustatten, zu deren Restaurierung sie viel erzählen kann, wird ein ausgedehnter Spaziergang. Er führt zum Grab der Familie Eschebach mit seinem edlen Mosaik und der trauernden Frauenfigur aus Carrara-Marmor. Zur Grabstätte Schmidt mit ihren zarten Reliefs und der Pforte zur Ewigkeit. Zur Grabstätte Gukassian mit dem Marmorrelief, wo ein Engel die Seele der jung Verstorbenen sanft entgegennimmt.

"Der Johannisfriedhof ist viel mehr als nur Friedhof", sagt Dana Krause, die als Mitglied des Freundeskreises auch Führungen anbietet. Er ist Park, Geschichtsbuch, Lehrstück und Ruhepol zugleich. Ein Ort, an dem die Gedanken wandern können - zu denen, die hier angekommen sind und denen, die mit ihnen leben.

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