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"Auf einmal standen sie vor der Tür"

Über einen Leserbrief in der SZ fanden Günter Schreiber aus Dresden und eine Familie aus dem Westen 1989 zusammen. Eine Wende-Geschichte.

Noch immer mit viel Stil: Günter Schreiber lebt seit zwei Jahren im Pflegewohnzentrum Friedrichstadt.
Noch immer mit viel Stil: Günter Schreiber lebt seit zwei Jahren im Pflegewohnzentrum Friedrichstadt. © René Meinig

Dresden. "Ich habe nicht das Recht, mich in die inneren Angelegenheiten der DDR einzumischen und ich will es auch nicht." Mit diesen Worten beginnt ein Leserbrief, der am 14. November 1989 in der Sächsischen Zeitung abgedruckt wurde. Das war fünf Tage, nachdem in Berlin die Mauer gefallen war. Geschrieben wurde der Brief aber davor.

Er stammte von einer Familie aus Niedersachsen, die es leid war, von den Deutschen im Osten ferngehalten zu werden. "Wir sehnen uns nach Kontakt, spontan und vorbereitet, mit den Menschen, die in der DDR wohnen", heißt es in dem Leserbrief weiter.

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In Dresden las an diesem Dienstagmorgen auch Günter Schreiber aufmerksam die Zeitung. Nie hatte er bis dahin Beziehungen in den Westen geknüpft. Auch Verwandte gab es dort keine. "Jetzt aber sagte mir mein Gewissen, dass ich unbedingt Kontakt aufnehmen muss", erinnert sich der 91-Jährige. "Und das tat ich dann auch und schrieb einen Brief zurück."

Mit Ernst (r.) und Christina (2.v.r.) aus Niedersachsen verbindet Günter (hier mit seiner Frau Ingeborg) eine jahrzehntelange Freundschaft.
Mit Ernst (r.) und Christina (2.v.r.) aus Niedersachsen verbindet Günter (hier mit seiner Frau Ingeborg) eine jahrzehntelange Freundschaft. © René Meinig

Günter Schreiber hat diese Geschichte schon oft erzählt, aber noch immer funkeln dabei seine Augen. Für den Termin mit der Presse hat er sich seinen besten Anzug angezogen und fein säuberlich die Krawatte gebunden. Er will Stil beweisen, so wir er es sein Leben lang gepflegt hat. 

"Größter Fan der Waldschlößchenbrücke"

Der gebürtige Dresdner wuchs in Löbtau auf und wurde noch kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs als Soldat eingezogen. Später verdiente er sein Geld als Klempner und wohnte zusammen mit seiner Frau Ingeborg am Waldschlößchen. Als "größter Fan der Waldschlößchenbrücke" machte er bereits vor fünf Jahren eine kleine Zeitungskarriere, nachdem er über Jahre den Bau der Brücke akribisch dokumentiert hatte. Seine Sammlung wurde damals sogar an das Stadtarchiv übergeben.

Seit zwei Jahren wohnt Schreiber nun im Pflegewohnzentrum Friedrichstadt an der Wachsbleistraße. Zuvor hatte hier auch seine Frau ihre letzten Monate verbracht. Kurz nachdem er zu ihr ins Heim gezogen war, schlief sie ein. Nach 58 Jahren Ehe.

Da auch ihr gemeinsamer Sohn viel zu früh starb, ist Günter Schreiber seitdem allein. Oder er wäre es zumindest - wenn da nicht 1989 dieser Briefwechsel in den Westen gewesen wäre.

Nachdem er den Leserbrief beantwortet hatte, dachte Günter Schreiber 1989 zunächst nicht weiter darüber nach. Bis es ein paar Wochen später plötzlich an der Haustür klingelte. "Beim Öffnen erblickte ich eine Dame und einen Herrn, die sich als Ehepaar vorstellten und mir sagten, dass sie die Verfasser des Leserbriefs in der SZ seien", erinnert er sich. "Wir konnten es erst gar nicht fassen, freuten uns aber umso mehr, dass wir den ersten westdeutschen Besuch begrüßen durften."

Verspäteter Besuch im Westen

Anderthalb Stunden lang hätten sie damals mit Ernst und Christina über Gott und die Welt geplaudert. Vor dem Abschied luden die Gäste die Dresdner dann spontan zum Gegenbesuch in Niedersachsen ein, was allerdings damals unmöglich war. Günter Schreiber erholte sich gerade erst von seiner Operation, bei der ihm ein bösartiger Tumor entfernt worden war. "Deswegen habe ich auch die aufregende Zeit vor dem 9. November verpasst und konnte mir auch mein Begrüßungsgeld nicht abholen."

Wie sollte er jetzt in den Westen kommen? Er könne doch auch liegend im Krankenwagen transportiert werden, schlugen die Gäste vor. "Da mussten wir laut lachen, denn eine Strecke wären immerhin 300 Kilometer gewesen."

Stattdessen reisten Ingeborg und Günter Schreiber erst zwei Jahre später nach Hattorf im Landkreis Göttingen. "Es war unsere erste Reise in den Westen. Das war schon aufregend." Schnell habe sich eine enge Freundschaft mit Ernst und Christina entwickelt. Aller zwei Jahre habe man sich besucht und die umliegenden Städte erkundet.

"Sie haben uns ohne Vorbehalte akzeptiert und in ihre Familie integriert." In den folgenden Jahren hätten sie viele frohe Tage und Abende miteinander verbracht, "bei sächsischem Wein und französischem Bier".

"Zum Glück vier Tage frei bekommen"

Auch nach Schreibers Umzug ins Pflegeheim und Ingeborgs Tod wird die Freundschaft weiter gepflegt - dabei hatten Ernst und Christina 1989 mehr als 100 Zuschriften auf ihren Leserbrief erhalten. Erst im vergangenen Jahr fuhr die Familie wieder vor dem Pflegeheim in Dresden vor und nahm Schreiber mit. "Zum Glück habe ich hier vier Tage frei bekommen."

Die Mitarbeiter im Heim wissen, ihren "Onkel Günter", wie er sich selbst gern nennt, können sie sowieso nicht bremsen. In guter Form läuft er schon mal aus dem Speisesaal im Erdgeschoss bis in sein Zimmer im fünften Stock. Jede Art von Abwechslung tut ihm gut. Ein Kurzurlaub im Niedersachsen kommt da besonders gelegen.

"Wir haben immer den Wunsch geteilt, dass sich viele Menschen unserer vereinten Heimat bald so gut wie wir verstehen mögen", sagt Schreiber.  Heute, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, sei dieser Wunsch aktueller denn je.


Günter Schreiber hat auch eine lyrische Ader und veröffentlicht regelmäßig Gedichte in der Hauszeitung des Pflegeheims. Seine Zeilen zum Coronavirus wollen wir Ihnen nicht vorenthalten: 

Corona zum Trotz

Liebe Pflegeheimbewohner lasst euch sagen:

Corona hat die halbe Welt schon fest beim Kragen.

Die Viruskrankheit hat es bis heute nicht gegeben,

darum müssen wir jetzt ständig Obacht geben,

dass wir im Heim das Virus nicht erleben.

Die Nähe zu den Freunden, die wir gern gesucht,

wird nun zum Abstand halten leider umgebucht.

Von allem Hände waschen, überhaupt Hygiene sind jetzt sehr gefragt, 

müssen uns alle daran halten, sind wir auch schon hoch betagt.

Ja, ihr lieben Mitbewohner: Hört bitte auf das Personal. 

Sollte Corona bei uns ein Opfer finden, wird's für alle eine Qual. 

Wir können uns zurzeit noch ganz schön frei bewegen,

doch schnell kommt auch für uns das Aus.

Lieber hier in Quarantäne eine Zeit lang leben,

Als für immer "Servus" sagen - dann eventuell im Krankenhaus.


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