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Bettler kehren auf Dresdens Straßen zurück

Im Lockdown waren sie kaum zu sehen, nun aber sind bettelnde Familien wieder in der Stadt unterwegs. Woher kommen sie?

Ein Bettler wartet auf dem Pirnaischen Platz in Dresden darauf, dass Passanten Geld in seinen Becher werfen.
Ein Bettler wartet auf dem Pirnaischen Platz in Dresden darauf, dass Passanten Geld in seinen Becher werfen. © Sven Ellger (Archiv)

Dresden. Sie sind in der Dresdner Neustadt unterwegs, in der Innenstadt, aber auch am Schillerplatz: Menschen, die um Geld betteln. Manche sitzen vor Bäckern oder Supermärkten, andere laufen mit dem Becher die Straße entlang und sprechen gezielt Passanten an. Waren sie während des harten Lockdowns kaum zu sehen, sind die Menschen jetzt wieder öfter in der Stadt unterwegs. Woher kommen sie, verstoßen sie damit nicht gegen das Bettelverbot, und was genau bewegt sie zum Geldsammeln? Das sagen Ordnungsamt und Dresdner Hilfsorganisationen über die aktuelle Lage.

Wie viele Menschen, die um Geld bitten, sind unterwegs?

Laut Dresdner Ordnungsamt handelte es sich bei den in den vergangenen Wochen angesprochenen bettelnden Personen überwiegend um Erwachsene. "Drei der festgestellten Personen waren Jugendliche im Alter von 14, 15 und 17 Jahren. Das äußere Erscheinungsbild kann jedoch den Eindruck erwecken, dass es sich um Kinder handelt", so die Stadt. Die Jugendlichen im Alter von 14 und 15 Jahren seien mit ihrem Vater vor Ort gewesen. Woher die Familien stammen, ist nicht in jedem Fall klar. "Zum Teil stammen diese Familien aus der Slowakei", so das Ordnungsamt. Angesprochen hatten die Ordnungshüter die Bettler in der Neustadt und in Klotzsche.

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Darüber hinaus sei in der Neustadt eine größere Gruppe von neun Personen unterwegs. "Zu dieser liegen bislang keine Beschwerden wegen des Bettelns vor. Bei einer Kontrolle in einem anderen Zusammenhang konnte festgestellt werden, dass alle Personen dieser Gruppe volljährig sind", heißt es auf SZ-Anfrage aus dem Rathaus.

Warum betteln die Menschen?

Laut des Bündnisses Bettellobby befinden sich die betroffenen Familien in einer Zwickmühle, die Armut, Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit hervorruft. Das Bündnis kritisierte schon 2018, dass das Bettelverbot die Armut und Notlagen nur verstärke. Ohne Arbeit finden sie keine Wohnung, ohne Meldeadresse können die Kinder keine Kita oder Schule besuchen. "Manche verdienen ihr Geld erstmal legal auf Baustellen oder in der Gastronomie. Zum Teil werden Einzelne um ihre Löhne betrogen. Manchen bleibt nichts anderes übrig, als auf Grund ihrer Armut und Perspektivlosigkeit zu betteln", so Angehörige der Bettellobby. Ohne sichere Bleibe bleibe ihnen nur, die Kinder mit zum Betteln zu nehmen. Für viele wäre es keine Alternative, die Kinder alleine zu lassen.

Auch Diakonie-Sprecherin Natalie Fechner beobachtet, dass aufgrund des Lockdowns 2020 viele Hilfesuchende „strandeten“ und vor allem polnische Hilfesuchende Unterstützung bei der Diakonie suchten. "Hilfen waren Fahrkarten nach Polen und/oder Lebensmittelgutscheine. Auch 2020/2021 kamen Menschen aus Osteuropa zu Beratungen in die Kirchenbezirkssozialarbeit, Wohnungsnotfallhilfe und zur Bahnhofsmission", so Fechner.

Wenn Menschen mit großen finanziellen Schwierigkeiten kommen, dann gehe es meistens um Beschaffung von Wohnraum oder Hilfen im Umgang mit dem Jobcenter oder dem Sozialamt. In diesem Bereich würden die Zahlen kontinuierlich, aber moderat steigen. Eine Vermittlung erfolge entweder über die evangelischen Pfarrämter, durch die orthodoxen Pfarrer der russischen und rumänischen Gemeinden oder über die Caritas. "Die Familien sprechen sehr oft in den Pfarrämtern oder direkt im Anschluss an Gottesdienste bei den Pfarrern vor."

Wird das Bettelverbot kontrolliert?

Nach langer Debatte beschloss der Stadtrat Ende Januar 2018 das Bettelverbot in Dresden. Das heißt, das Betteln von und mit Kindern unter 14 Jahren untersagt ist. Dagegen gab es große Proteste, vor allem von freien Trägern und von der Bettellobby, die befürchteten, dass die Familien in die Illegalität gedrängt werden könnten.

Das Ordnungsamt betont, dass es das Verbot weiter kontrolliert. "Im Rahmen der regulären Streifengänge achten die Gemeindlichen Vollzugsbediensteten auch auf derartige Verstöße." Diese Aufgabe sei Bestandteil der täglichen Kontrolltätigkeiten und in allen Bereichen Stadt. 2021 wurden bisher fünf Personen wegen Bettelns durch den Gemeindlichen Vollzugsdienst kontrolliert. Unter diesen waren drei Jugendliche. "Ein Verstoß wegen aggressiven Bettelns lag in einem Fall vor", so das Ordnungsamt auf SZ-Anfrage. Im Jahr 2021 seien bisher keine Kinder vom Gemeindlichen Vollzugsdienst beim Betteln festgestellt worden.

Welche Hilfsangebote gibt es seitens der Stadt für die Kinder?

Bekommt das Jugendamt Informationen zu bettelnden Kindern, will es, so betont die Stadt, die Lebensumstände kennenlernen und die Familien unterstützen. Sollte ein Bedarf an sozialpädagogischer Unterstützung festgestellt werden, sind auch Hilfen zur Erziehung möglich. In Einzelfällen müsse eine Inobhutnahme des Kindes geprüft werden.

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