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"Es wachsen nur noch Unwillen und Dummheit"

Seit Fred Schlicke vor zwei Jahren seinen Kleingarten abgab, beobachtet der Dresdner mit Grausen, was damit passiert. Er will jetzt aufklären.

"Was ich nicht kenne, kann ich nicht schützen": Fred Schlicke sorgt sich um den Artenschutz.
"Was ich nicht kenne, kann ich nicht schützen": Fred Schlicke sorgt sich um den Artenschutz. © SZ/Henry Berndt

Dresden. Er ist mal richtig gern hierhergekommen. In seiner Parzelle fand Fred Schlicke Ruhe und konnte die Natur dabei beobachten, wie sie sich auslebte. Dabei maß der Kleingarten nahe der Kiesgrube Leuben, den der heute 88-Jährige ab 2011 pachtete, gerade einmal 140 Quadratmeter. "Ich habe von Anfang an großen Wert darauf gelegt, mehr Leben in den Garten zu locken und nicht nur einseitig auf den Ertrag zu schauen", sagt er.

Mit viel Zeit und Liebe zum Detail legte er ein Feuchtbiotop an, in dem sich das Regenwasser sammelte. Darüber baute er eine Brücke. "Der Aushub vergrößerte die Oberfläche durch Hochbeete und stützende Trockenmauern, die nach der Bepflanzung von der Tierwelt besiedelt wurden." Das ganze Jahr über blühte es irgendwo.

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So sah seine Parzelle aus, als Fred Schlicke sich noch selbst um sie kümmerte.
So sah seine Parzelle aus, als Fred Schlicke sich noch selbst um sie kümmerte. © privat

Bald konnte Schlicke in seinem Garten Eidechsen, Siebenschläfer, sechs verschiedene Mäusearten und seltene Fische beobachten. Die Zauneidechsen seien mit der Zeit so zahm geworden, dass er ihnen Mehlwürmer mitbrachte und sie aus der Hand fütterte. "Ich wollte sie immer mal kartieren, aber dazu bin ich nicht mehr gekommen."

In seinem Verein sahen nicht alle das Feuchtbiotop mit Freude, aber da er nebenbei auch genug Obst und Gemüse erntete, ließ der Vorstand ihn gewähren.

Im Jahr 2019, nach acht Jahren, reifte bei Schlicke der Gedanke, sich aus Altersgründen von seinem Garten zu verabschieden. Aber es sollte ein gleitender Übergang sein. Mit seinem Nachfolger vereinbarte er, dass er für seine fachliche Hilfe weiterhin Zugang zum Garten behalten dürfe.

Was danach genau passierte, darüber will Fred Schlicke nicht mehr im Detail sprechen. Er will auch weder den Namen der Kleingartenanlage noch sonst irgendwelche Namen nennen. "Für mein Anliegen spielt das keine Rolle", sagt er. "Mir geht es nicht um Rechthaberei oder darum, mich zu rächen. Mir ist es wichtig, unser Gespür für das zu schärfen, was ringsum längst selten wird und still versiegt."

Die Zauneidechsen waren so zutraulich, dass Schlicke sie aus der Hand füttern konnte.
Die Zauneidechsen waren so zutraulich, dass Schlicke sie aus der Hand füttern konnte. © privat

Der Nachfolger habe ihn aus der Parzelle gedrängt und sie danach erneut weitergeben. Sofort hätte auch Schlicke den Garten zurückgenommen, weil er ahnte, was nun folgen würde. Doch er bekam nicht die Gelegenheit dazu.

Wenn er heute hierherkommt, dann ärgert er sich. Jedes Mal. Und doch kommt er immer wieder. Er kann nicht glauben, was aus seiner Parzelle geworden ist. Feuchtbiotop, Trockenmauer, Eidechsen - alles ist weg. "Planiert", wie er sagt.

Vom Tor aus kann er das Unheil sehen. "Da unter der Brücke hat der Zaunkönig genistet." Das Wasser im Teich habe er immer mehrfach genutzt und damit unter anderem den Garten gedüngt. Aquaponik heißt das, erklärt der frühere Berufsschullehrer für Naturwissenschaften. Er habe das Prinzip bereits in den 60er-Jahren in seinem Grundstück in Borthen genutzt, als von diesem Fachbegriff noch gar keine Rede war.

Gerade das Thema Wasser liegt ihm am Herzen. Hoher Nutzen bei niedrigem Verbrauch sollte das Ziel sein. "Wir werden bald alle gar keine andere Wahl mehr haben, als unser Wasser mehrfach zu nutzen", prognostiziert er. "Das wird zu einer knappen Ressource." Fluten und Dürren lägen näher beieinander, als so mancher glauben möge.

Das Wasser in seinem Garten nutzte Schlicke mehrfach. Auch als Gestaltungselement.
Das Wasser in seinem Garten nutzte Schlicke mehrfach. Auch als Gestaltungselement. © privat

Überall sei in den vergangenen Monaten und Jahren vom Klimawandel, vom Umwelt- und Naturschutz die Rede. Auch in den Kleingärten sei das Thema - theoretisch - angekommen. Naturbelassenheit sei das Wort der Stunde. "Aber was nützt das ganze Palavern, wenn in der Praxis nichts passiert."

Wer wisse heute schon, dass Hornissen viel zahmer als Wespen sind und was die Vorteile von Permakultur sind. "Was ich nicht kenne, kann ich nicht schützen."

Man habe doch inzwischen schon kaum noch Artenvielfalt. "Ältere wie ich können beurteilen, was alles schon verschwunden ist an Käfern, Schmetterlingen, Hautflüglern, Fliegen, Libellen und Heuschrecken, an Lurchen, Kriechtieren, Vögeln und Kleinsäugern. Das einzige, was zu wachsen scheint, sind Unwillen, Dummheit und Gleichgültigkeit!"

Nur mit Mühe kann Fred Schlicke seine Emotionen im Zaum halten, aber jetzt, wo er das losgeworden ist, ist er langsam bereit für den Heimweg.

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