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"Die deutschen Wohnungen sind so sauber"

Wie die 23-jährige Javohira Inoyatova aus Tadschikistan in Dresden zur Alltagsbegleiterin für Senioren wurde.

Javohira Inoyatova ist jüngst für ihren Bundesfreiwilligendienst nach Dresden gezogen.
Javohira Inoyatova ist jüngst für ihren Bundesfreiwilligendienst nach Dresden gezogen. © Sven Ellger

Dresden. Stille kann krank machen. Auch in Dresden nutzen daher immer mehr ältere alleinstehende Menschen die Möglichkeit, sich mit einem Alltagsbegleiter etwas Leben ins Haus zu holen. Wenn der Besucher dann auch noch die Küche putzt - um so besser. Den meisten Senioren geht es aber vor allem um nette Gesellschaft.

Wenn es Javohira Inoyatova ist, die an der Tür klingelt, dann steht in der Regel auch das Gesprächsthema schon fest. "Tadschikistan, wo liegt das denn?"

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Etwas Negatives über ihr Heimatland will die 23-Jährige nicht berichten. Mit strahlenden Augen erzählt sie von ihrem Leben in dem kleinen Hochgebirgsland in Zentralasien, das sie nur verlassen habe, weil ihr zu Hause die berufliche Perspektive fehlte. Sie spricht über sehr kalte Winter und sehr heiße Sommer, aber nicht davon, dass Tadschikistan laut Amnesty International einer der repressivsten Staaten der Welt ist, dass Präsident Emomali Rahman ein autoritäres und korruptes Regime anführt, und dass ein großer Teil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt.

Taschengeld statt Lohn

Eine Bekannte brachte Javohira Inoyatova, die gern Javo genannt wird, vor fünf Jahren auf die Idee, nach Deutschland zu gehen. Damals hatte sie gerade in der Hauptstadt Duschanbe, etwa drei Stunden von ihrer Heimatstadt entfernt, eine Ausbildung im Bereich Ökonomie begonnen, von der sie sich jedoch nicht allzu viel versprach.

Stattdessen begann sie bald, Deutsch zu lernen und meldete sich für ein Au-Pair-Programm in Deutschland an. Nach einer Verzögerung durch die Corona-Pandemie landete Javo schließlich im Sommer 2020 bei einer Au-Pair-Familie in Hamburg, wo sie elf Monate lang drei Mädchen betreute.

Als ihr Visum auslief, machte sie sich Gedanken, wie es in Deutschland für sie weitergehen könnte. Bei ihren Recherchen stieß sie auf den Bundesfreiwilligendienst, über den sich in der Regel junge Menschen außerhalb von Beruf und Schule für das Allgemeinwohl engagieren können. Neben dem ökologischen und kulturellen Bereich ist das auch im Sozialwesen möglich. Statt Lohn gibt es ein Taschengeld, vor allem aber viele Erfahrungen und einen Pluspunkt im Lebenslauf.

Javohira Inoyatova kommt aus Tadschikistan und macht in Dresden ihren Bundesfreiwilligendienst in der Pflege. Foto: Sven Ellger
Javohira Inoyatova kommt aus Tadschikistan und macht in Dresden ihren Bundesfreiwilligendienst in der Pflege. Foto: Sven Ellger © Sven Ellger

Rasch kam Javohira Inoyatova in Kontakt mit dem Unternehmen Warmes Herz, das Alltagsbegleiter für Senioren vermittelt. Nach einem Video-Telefonat mit dem Chef des Dresdner Standorts machte sie sich auf den Weg nach Sachsen. "Ich dachte mir, erst Kinder und jetzt ältere Menschen, das passt doch."

Über den Paritätischen Wohlfahrtsverband, der auch Weiterbildungen für sie organisiert, bekam sie ein WG-Zimmer in Bannewitz, das sie sich mit einer kolumbianischen Mitbewohnerin teilt. Von hier aus geht es nun jeden Morgen mit Bus und Bahn in Richtung Dresden. Vor sechs Wochen startete Javo ihren Dienst beim Warmen Herz. Hier wird sie zunächst als Springer eingesetzt, hilft die Hälfte der Zeit im Büro aus, vertritt aber auch regelmäßig erkrankte Kollegen bei den Seniorenbesuchen.

"Wir sind froh, dass wir Javo haben", betont Firmenchef Uwe Krenz. "Sie ist unser Sonnenschein und lacht den ganzen Tag. Unsere Senioren verstehen sich auf Anhieb sehr gut mir ihr." Das liege unter anderem daran, dass viele ältere Menschen noch enge Beziehungen zu Russland und zur russischen Sprache hätten. Da Russisch neben Tadschikisch die zweite Landessprache in ihrer Heimat ist, hat Javo bei vielen Senioren von Anfang an einen Stein im Brett. Allerdings müsse sie sich Mühe geben, deutlich und nicht zu schnell zu sprechen. Manchmal habe sie auch noch selbst Probleme, starken sächsischen Dialekt zu verstehen.

Matheaufgaben in der Freizeit

"Viele wollen wissen, wo ich herkomme, aber ich möchte auch alles über die deutsche Kultur erfahren", sagt sie. Anders als bei einem regulären Pflegedienst werden Alltagsbegleiter nicht nach Leistung, sondern nach Zeit bezahlt. Normalerweise kann Javo daher etwa zwei Stunden mit den Senioren verbringen, mit ihnen spazieren oder zum Arzt gehen oder im Haushalt helfen. "Ich war überrascht, wie sauber die deutschen Wohnungen sind."

Nach Feierabend trifft sich Javo gern mit ihren neuen Freunden aus aller Welt, die sie in Dresden kennengelernt hat. In ihrem Zimmer tanzt sie gern vor sich hin, schaut indische Filme und löst mit großer Leidenschaft Matheaufgaben, um ihr Wissen aus der Schule nicht wieder einzubüßen.

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Ihr Chef Uwe Krenz macht sich derweil schon Gedanken, wie es für seinen Schützling nach dem Bundesfreiwilligendienst weitergehen könnte. "Ich denke, eine richtige Ausbildung wäre wohl das Beste für sie", sagt er. In der Pflege könne es wegen ihrer zierlichen Statur möglicherweise schwer für sie werden. "Ich bin mir aber sicher, dass sie ihren Weg gehen wird."

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