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Gesundheitsamtsleiter: Im Auge des Corona-Tornados

Als die Corona-Lage unbeherrschbar wird, übernimmt Frank Bauer die Leitung des Amtes für Gesundheit und Prävention. Wer ist der Mann der Regeln und Verbote?

Siebentagewoche - die gilt nicht nur für die 250 Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, sondern auch für dessen Chef Frank Bauer.
Siebentagewoche - die gilt nicht nur für die 250 Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, sondern auch für dessen Chef Frank Bauer. © PR

Dresden. Es gibt Jungs, die wollen Astronaut werden. Oder Stuntman. Mindestens Feuerwehrmann. Frank Bauer wusste als Teenager: Ich gehe mal in die Verwaltung. Weil er schon in seiner Jugend so präzise und ordentlich war? "Darüber gibt es verschiedene Meinungen", sagt der Leiter des Amtes für Gesundheit und Prävention und lacht.

Sein Büro auf der Ostra-Alle jedenfalls wirkt nicht unaufgeräumt. Dr. Bauers Schreibtisch sieht nach Arbeit aus und der Konferenztisch nach Stress: Neben Wasserflaschen und Gläsern eine große Schale Süßkram. Nervennahrung. Die können der Amtsleiter und sein Team seit Monaten gut gebrauchen.

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Sie agieren im Auge des Tornados. Während Corona ringsum das Leben der Menschen durcheinanderwirbelt und am Fachwerk der Gesellschaft rüttelt, muss die Behörde so besonnen und fachlich fundiert wie möglich Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die Menschenleben retten und Biografien zerstören können.

Entscheidungen, die dem Wissensstand über das Verhalten eines tödlichen Virus' vorauseilen müssen und unweigerlich angreifbar sind.

Nach einem viermonatigen Intermezzo als Chef des Dresdner Schulamtes ist der 32-Jährige im November des vergangenen Jahres in seine Wiege zurückgekehrt. Die hatte erneut heftig zu schaukeln begonnen, denn die zweite Welle der Pandemie fiel deutlich aggressiver aus, als die erste im Frühjahr. Die Infektionszahlen stiegen rasant.

"Eine surreale Zeit"

Während seines dualen Studiums an der Verwaltungsfachhochschule Meißen war die Stadtverwaltung der Landeshauptstadt Frank Bauers Praxisbetrieb. Dort blieb er auch nach der Ausbildung, durchlief verschiedene Stationen, wurde schließlich Abteilungsleiter, zuständig für grundlegende Verwaltungsaufgaben und die Überwachung der Ausübung von Heilberufen.

Über das Thema Heilberufe hat Frank Bauer noch am Fuße der Pandemie promoviert, nach zwei berufsbegleitenden Masterstudien, zunächst des Wirtschaftsrechts, anschließend der Sozialwissenschaft.

Wenn Frank Bauer doch Stuntman geworden wäre, dann vermutlich in Hollywood. Mit Anfang 30 die zweite Amtsleitung zu bekleiden, lässt auf Ehrgeiz und klare Ziele schließen. Das Studieren nach dem Dienst, am späten Abend und am Wochenende, sei für ihn eine willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag gewesen, sagt er.

Als der Mann im Amt, der Verordnungen formuliert, rechtlich prüfen lässt, wenn nötig modifiziert, erlebte Bauer den März 2020 mit. Anwendung des Infektionsschutzgesetzes in einem nie dagewesenen Ausmaß: Konzertverbote, Restaurant-, Laden-, Schulschließungen, Maskenpflicht, Mindestabstände. Eine "surreale Zeit", wie er sagt. Selbst nach längerem Nachdenken fällt ihm kein treffenderes Wort ein als dieses.

"Wir mussten handeln, obwohl wir eigentlich unwissend waren", sagt er über die ersten Wochen einer Bedrohungslage, die sich noch nicht greifen ließ. Inzwischen sei das anders. Entsprechend haben sich die Herausforderungen seiner Arbeit verändert. Nur kleiner sind sie nicht geworden, schon gar nicht seit November in der Verantwortung des Amtsleiters.

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Wenn Frank Bauer spätestens 7.30 Uhr in seinen Arbeitstag startet, bewegt ihn vor allem ein Anspruch: "Ich muss immer auf dem aktuellen Stand der Dinge sein, stets im Blick haben, was sich gerade ändert, nichts verpassen, um notfalls schnell reagieren zu können." Das tut er nicht allein. Unter seiner Leitung agiert ein Corona-Krisenstab, der sich ständig abstimmt und berät.

Bauer ist Chef von rund 250 Mitarbeitern. Regulär. "Davon sind allein mit Corona 115 Kollegen beschäftigt", sagt er. Sie erhalten Unterstützung von aktuell 130 Verwaltungsangestellten aus anderen Ämtern, 40 Landesbediensteten, 20 Studierenden und 20 Bundeswehrsoldaten. Die wurden beordert, um die Kontaktnachverfolgung zu sichern, Bescheide auszustellen und in Coronafragen zu beraten.

"450 Konzepte geprüft, es musste schnell gehen"

Dieses Aufgabenfeld war Ende des Jahres völlig aus dem Ruder gelaufen. "Die Infizierten stiegen ab Ende Oktober exponentiell an." Das bedeutet, sie vervielfachten sich innerhalb eines Zeitabschnittes um etwa den vorhergehenden Wert.

"Es war uns aufgrund der Menge nicht mehr möglich, die Kontakte nachzuverfolgen." Allein dafür standen zu der Zeit 50 geschulte Mitarbeiter aus den eigenen Reihen des Amtes zusätzlich bereit. Das habe nicht gereicht, sagt Frank Bauer.

Raus aus der Kontaktnachverfolgung, rein in die Hygienekonzeptprüfung - auch diese Notwendigkeit ließ sich nicht umgehen, sobald im Sommer Lockerungen möglich wurden.

"Wir haben rund 450 Konzepte geprüft, das musste schnell gehen, hingen doch Konzerte, Theateraufführungen und ganze Restaurantbetriebe daran." Das Go für Veranstaltungen der Jazztage geriet in Kritik, nachdem dort das Publikum in sogenannte Infektionsgruppen eingeteilt worden waren. Dass Bestimmungen unterschiedlich ausgelegt wurden, auch das gehörte zu den Problemen der Zeit.

Infektion: Bearbeitung wieder am selben Tag

Inzwischen arbeite sein Team noch immer alte Infektionsfälle ab, nach wie vor in Siebentagewoche, um jedem, der es benötigt, einen entsprechenden Bescheid über die Dauer seiner Corona-Quarantäne zukommen zu lassen. "Aber wir sind inzwischen wieder in der Lage, eine neu gemeldete Infektion zumeist noch am gleichen Tag zu bearbeiten."

Dresdens Inzidenzwert hat die 70 unterschritten. Ein großer Erfolg, wie Frank Bauer findet, der nur gemeinschaftlich möglich geworden war. Klar, Rostock macht noch Besseres vor.

Die 200.000-Einwohner-Stadt hat die 50er Marke längst hinter sich gelassen und wirkt vorbildhaft. Fragt sich der Amtsleiter hier und da, was andere können und wir nicht? "Ich interessiere mich sehr dafür, wie vergleichbar große Kommunen die Dinge angehen", sagt er. "Aber ganz ehrlich: Für große Vorbilder fehlt mir die Zeit."

"Zahlen waren nicht mehr beherrschbar"

Da sind schließlich noch all die anderen Aufgaben, die neben Corona Angelegenheit des Amtes für Gesundheit und Prävention sind: Wasser- und Umwelthygiene, amtsärztliche Untersuchungen vor Schuleinführung, gesundheitliche Begutachtung von Polizisten und Feuerwehrleuten, sozialpsychiatrische Beratung. Norovirus, Tuberkulose, Influenza, sexuell übertragbare Krankheiten - all das ruht nicht, während die Pandemie alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Gut drei Monate ist Frank Bauer jetzt im Amt. Enttäuschungen? "Es ist kein angenehmes Gefühl zu sehen, wenn die Dinge entgleiten wie Ende des Jahres, als die Zahlen nicht mehr beherrschbar waren." Aber persönlich enttäuscht worden sei er nie. Im Gegenteil: "Ich habe großartige Mitarbeiter, für die ich dankbar bin."

Bleibt ein Wunsch zum Schluss und für die Zukunft: "Auch wir Entscheider sind Menschen und leiden unter den Einschränkungen. Nicht wirtschaftlich, aber seelisch. und sozial." Der Ausblick auf baldige Lockerungen, gebe ihm Kraft, sagt Frank Bauer: "Endlich mal wieder die Nase unbeschwert in die Sonne halten."

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