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500 Dresdner Kinder aus Familien geholt

Im Lockdown verschärften sich in einigen Dresdner Familien die Probleme mit Vernachlässigung und Gewalt. Jugendliche reagierten teils mit Alkoholexzessen.

Wenn es zu Übergriffen auf Kinder kommt, dann muss das Jugendamt eingreifen.
Wenn es zu Übergriffen auf Kinder kommt, dann muss das Jugendamt eingreifen. © Symbolfoto: Patrick Pleul/dpa

Dresden. Der Lockdown ist für alle Dresdner Familien eine harte Zeit. Das ständige Aufreiben zwischen der Betreuung und dem Beschulen der Kinder und dem eigenen Job zermürbt viele Eltern. Wenn dann noch Suchtprobleme oder psychische Erkrankungen der Eltern hinzukommen, muss teilweise das Jugendamt eingreifen.

Wie viele Kinder mussten 2020 in Obhut genommen werden?

Die Zahl der Mädchen und Jungen, die aus ihren Familien geholt werden müssen, steigt. Waren es im Jahr 2010 noch 376 Kinder, musste das Jugendamt 2018 schon 453 in Obhut nehmen. Und im Jahr 2020 gab es im Kinder- und Jugendnotdienst und in der Mädchenzuflucht 683 Inobhutnahmen von insgesamt 497 Kindern und Jugendlichen. Darunter waren 88 unbegleitet eingereiste ausländische Minderjährige, so die Stadt.

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Jüngere Kinder werden in der Regel nur einmalig aus den Familien genommen. Ältere Kinder und Jugendliche werden dagegen häufiger mehrfach in Obhut genommen oder melden sich selbst bei den Trägern. Bis 31. Januar 2021 zählte das Jugendamt schon 50 Inobhutnahmen bei 43 Kindern für dieses Jahr.

Häufige Gründe warum die Kinder vom Jugendamt aus den Familien genommen werden müssen, sind Überforderung, Krankheit, Gewalt bis hin zu Suchtproblemen, beobachtet auch Annett Seidel von der Diakonie. Genauso Krankheiten der Eltern.

Führte der Lockdown zu mehr Konflikten in den Familien?

Der Lockdown im vergangenen Frühjahr und erneut ab Dezember 2020 wirkte sich in mehrfacher Hinsicht auf Familien mit Kindern aus. "Einerseits berichteten Eltern, vor allem alleinerziehende Elternteile, in dieser Zeit verstärkt von Existenzängsten und fühlten sich alleingelassen", so das Dresdner Jugendamt auf SZ-Anfrage.

Andererseits hätten die Eltern die Mehrfachbelastungen zu spüren bekommen, die im Rahmen von Homeschooling den Lernstoff ihrer Kinder begleiten sollten, gleichzeitig im Homeoffice arbeiten und auch die Aufsicht der Kinder übernehmen mussten. Dies führte zu Überforderungen der Eltern. Bei Jugendlichen wurden Bildungen großer Gruppen mit Alkoholexzessen beobachtet, hoher Medienkonsum und soziale Isolation.

Welche Rolle spielten geschlossene Schulen und Kitas?

"Kinder und Jugendliche sind in ihren Rechten und ihrer Entwicklung durch die aktuellen Schließungen von Kita und Schule und aller anderen Einrichtungen stark beeinträchtigt", so die Vizepräsidentin des Kinderschutzbundes Sabine Andresen. Längere Schließungen würden die Bildungsmöglichkeiten erheblich einschränken und zu einer Verschärfung von Ungleichheit führen.

Im Jahr 2020 wurden während der Zeit der Lockdowns deutlich mehr Kindeswohlgefährdungen gemeldet, als in den Vorjahren, so das Dresdner Jugendamt. Allerdings kamen diese Meldungen weniger aus Kitas und Schulen, sondern verstärkt aus der Nachbarschaft und von der Jugendhilfe, die in Kontakt zu belasteten Familien standen.

Nach Ende der Schul- und Kitaschließungen war gerade in den letzten zwei Wochen vor den Sommerferien ein deutlicher Anstieg der Meldungen aus Schulen und Kitas zu verzeichnen, so die Stadt.

Wie viele Plätze in Pflegefamilien gibt es aktuell?

Kann ein Kind nicht bei seinen leiblichen Eltern bleiben, kommt es in eine Wohngruppe oder nach Möglichkeit zu Pflegeeltern, die es aufnehmen. Es werden jedoch kontinuierlich Pflegefamilien gesucht. Das Jugendamt versucht, für jedes Kind die geeignete Familie zu finden, welche seinen Bedarfen am besten gerecht werden kann.

Das sei bei hohen Bedarfen des Kindes oder ungeklärter Perspektive nicht immer einfach. Mit Stand Ende Januar haben 303 Pflegefamilien 365 Pflegekinder betreut. Eine Familie kann auch mehrere Kinder aufnehmen. Aktuell wird für neun Kinder eine Familie gesucht.

Wenn ein Kind aufgrund von Gewalt oder Drogen in der Familie ganz schnell von zu Hause weg muss, gibt es die familiäre Bereitschaftsbetreuung (FBB). Hier gibt es in Dresden 15 Plätze plus Notplätze. Doch auch hier sucht das Jugendamt. Mit Stand 17. Februar mussten 18 Kinder bei FBB-Familien untergebracht werden, es fehlen mindestens drei Familien.

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