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Trost in der Klinik: "Sie hat vor Angst so sehr geweint"

Pfarrer Christoph Behrens steht Kranken und Sterbenden bei. Auch auf Intensivstationen, wo Corona selbst den stärksten Glauben herausfordert.

Licht von oben: Christoph Behrens ist katholischer Pfarrer und hauptamtlich Krankenhausseelsorger - eine Aufgabe voller Trauer und, wie er sagt, auch Glück.
Licht von oben: Christoph Behrens ist katholischer Pfarrer und hauptamtlich Krankenhausseelsorger - eine Aufgabe voller Trauer und, wie er sagt, auch Glück. © Sven Ellger

Dresden. Vielleicht ist Christoph Behrens Büro das winzigste der Stadt. Einem einzigen Besucher kann er dort auf Mindestabstand gegenüber sitzen. Doch weder ist der Schreibtisch sein wahres Wirkungsfeld, noch kommen die Menschen zu ihm. Der Priester geht zu ihnen. Seine Gemeinde sind die Kranken und Versehrten, Leidenden und Sterbenden. In diesen Wochen und Monaten mehr denn je.

Als Krankenhausseelsorger steht Pfarrer Behrens schon seit fünf Jahren an Klinikbetten, früher in Leipzig, nun gut ein Jahr in Dresden. Patienten rufen ihn, Angehörige bitten um seine Unterstützung, Ärzten und Pflegern folgt er in die Krankenzimmer. Wen er dort bestärkt, im Bleiben oder im Gehen, hat Gründe dafür, sich einem fremden Mann zutiefst verletzlich zu zeigen.

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"Ganz gezielt rufen mich vor allem Menschen des katholischen Glaubens zu sich und bitten beispielsweise um die Krankensalbung", sagt Behrens. Da die katholische Kirche hierzulande unterrepräsentiert ist, seien das nicht all zu viele. Doch wie die insgesamt vier Pfarrer, die den Patienten, ihren Familien und dem Klinikpersonal des Universitätsklinikums Dresden beiseite stehen, lebt er die Ökumene.

So wie vor einem Arzt jeder Kranke gleich ist, bringt auch Christoph Behrens jedem Bedürftigen seinen Beistand. Nicht immer geht es dabei um christliche Zeremonien. Häufig lebt er seine Aufgabe als Priester in der Zweisamkeit mit einem Menschen, der sich ohne ihn allein gelassen fühlte.

Desinfizierte Bibel und Schutzmontur

Corona und Einsamkeit sind im Laufe des vergangenen Jahres zu einer Einheit verschmolzen. Menschen erleben Einsamkeit in der verordneten Kontaktsperre, verbringen Tage und Wochen der Krankheit ohne Besuch von ihren Angehörigen oder sterben allein auf den Intensivstationen. Wie elementar seine Rolle als Mittler zwischen Dies- und Jenseits sein kann, das erfährt Pfarrer Behrens fast jeden Tag.

Denn alles was sich jenseits einer milchverglasten Tür zur Intensivstation abspielt, entzieht sich dem Einblick und Einfluss jedes sorgenvollen Angehörigen. Nach wie vor sind zum Schutz vor Corona Besuche in Krankenhäusern streng untersagt. Zwar informieren Ärzte, Pfleger und Therapeuten Familienangehörige über den Verlauf der Krankheit. Doch in den Wochen ihrer Schwerstarbeit im Kampf um Tausende Coronapatienten blieb keine Zeit für eingehende Übermittlungen.

"Die Angehörigen haben rasch verstanden, dass ich darf, was sie nicht dürfen: Nach ihren Angehörigen sehen und erfahren, wie sie sich fühlen", erzählt Christoph Behrens. Jemanden entsenden zu können, der sich um das Seelenheil des mit dem Tod ringenden Vaters, der Mutter, des Ehemanns oder der Ehefrau sorgt, blieb für die diesseits Zurückgebliebenen ein wichtiger Trost.

Als ihn die Klinikleitung Anfang August des vergangenen Jahres fragte, ob er bereit sei, Coronapatienten auf der Intensivstation zu besuchen, hatte der Priester keine Zweifel. Natürlich werde er diese Aufgabe übernehmen. Ohne Angst war er nicht. Doch die anfängliche Furcht vor Ansteckung trat bald hinter einem routinierten Hygieneprozedere zurück. Statt sich die Stola über die Schultern zu legen, zieht Christoph Behrens einen Kittel über, streift Maske und Visier übers Gesicht und zieht zwei Paar Gummihandschuhe übereinander: "In meiner Schutzmontur bin ich äußerlich von Ärzten und Pflegern nicht zu unterscheiden."

Pfarrer Christoph Behrens im Raum der Stille am Dresdner Uniklinikum. Gottesdienste und Andachten können hier zum Schutz vor Corona nur im kleinen Rahmen stattfinden.
Pfarrer Christoph Behrens im Raum der Stille am Dresdner Uniklinikum. Gottesdienste und Andachten können hier zum Schutz vor Corona nur im kleinen Rahmen stattfinden. © Sven Ellger

Sterbenden gegenüber zu treten, die dem diesseitigen Leben schon entrückt scheinen, und von denen Christoph Behrens viele Lagen Kunststoff trennen, ist auch für ihn eine Grenzerfahrung. Wohltuende, entlastende Gespräche sind nicht mehr möglich, wenn das Koma den Körper ruhig hält. "Zu einer Frau kam ich, bevor sie sediert und beatmet werden sollte. Sie hat vor Angst so sehr geweint."

Doch der Priester ging zu ihr, nicht um Sakramente zu spenden als das, was man wörtlich letzte Ölung nennt. "Die Krankensalbung soll Stärkung und Ermutigung sein", sagt Behrens. Seine Bibel hat er dabei, die er gründlich desinfizieren muss, und ein winziges Metalldöschen. "Davon habe ich mir eine Menge im Internet bestellt", erzählt er. Er brauche sie für das Öl, mit dem er dem Kranken rituell Stirn und Hände salbt. "Die Dose darf das Krankenzimmer nicht wieder verlassen, ich muss sie wegschmeißen."

Tod verwalten, statt heilen und pflegen

Nicht nur den Kranken und Sterbenden spendet der Seelsorger Mitgefühl. "Ich denke an all die vielen Klinikmitarbeiter, die eigentlich Menschen heilen und gesund pflegen, aber wochenlang nur den Tod verwalten konnten." Auch sie riefen den Priester, wenn sie sahen, dass ein Patient Beistand braucht - unabhängig vom Glauben.

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Am meisten beschäftigen die Menschen Dinge, die sie vermeintlich falsch gemacht haben in ihrem Leben. Und die Sorge vor Strafe, weil sie nicht glaubten. Doch Pfarrer Behrens kann sie trösten: "An Gott zu glauben, ist keine Bringschuld." In Menschen, die nicht an Gott glauben, sehe er keine verlorenen Seelen, sagt er, "vor jedem Lebensentwurf habe ich Ehrfurcht. Gott hat sich etwas dabei gedacht."

Jeden Tag war Pfarrer Behrens auf den Coronastationen der Uniklinik gefragt, als die Fallzahlen explodierten. Inzwischen wird er ein-, zweimal die Woche gerufen. Doch nicht nur für Coronapatienten ist er da.

Zuletzt habe er Eltern gesprochen, deren schwer mehrfach behindertes Kind verstorben ist. "Sie haben es so innig geliebt, und auch ich habe keine Antwort darauf, weshalb so etwas passieren muss." Doch den Wunsch der Taufe kann der Priester in solchen Fällen noch erfüllen, und nicht selten wird er um den Gottesdienst zur Beerdigung gebeten.

Wer im Internet nach Christoph Behrens Namen sucht, findet Erklärung auf die Frage, wie ein Mensch so viel Trauer aushalten kann. Der Pfarrer malt. "Licht von oben" ist seine Homepage überschrieben. Es leitet und stärkt ihn. Doch ein wenig muss der Erdenmensch nachhelfen.

Seit er Krankenhausseelsorger ist, sei das Malen und Zeichnen ein Ausgleich für die Berührung mit den Grenzsituationen menschlichen Lebens geworden, sagt er. Bei aller Schwere: "Ich habe ein gutes Gefühl, weil meine Arbeit sinnvoll ist."

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