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Ansturm auf das Dresdner Impfzentrum

Erst war es geschlossen worden, am Mittwoch hat es wiedereröffnet: Der Start des Impfzentrums hat mit Warteschlangen begonnen. Wie es nun weitergeht.

Von Sandro Rahrisch
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Mehr als 100 Meter reichte die Warteschlange vorm Dresdner Impfzentrum am Mittwochmorgen.
Mehr als 100 Meter reichte die Warteschlange vorm Dresdner Impfzentrum am Mittwochmorgen. © Christian Juppe

Dresden. Das Ende ist zu weit weg, als dass es Julia Müller erblicken könnte. Reichlich 200 Menschen stehen vor ihr und bilden eine Schlange, die am Portal des Dresdner Messefoyers beginnt und am Parkplatz vorbei bis zu der Kreuzung reicht, an der die Straßenbahnen in die Gleisschleife rollen. Fast 150 Meter sind das - vergleichbar mit der vollen Breite des Altmarktes. Und mit jeder ankommenden Straßenbahn wird die Reihe länger – 30 Minuten, bevor das Impfzentrum an diesem Mittwochmorgen wiedereröffnet wird.

Alles nur Impfwillige, die sich boostern lassen möchten? Nein, Julia Müller will heute ihre Erstimpfung abholen und steht dafür im Regen. Ohne zu wissen, ob sie überhaupt drankommen wird. „Ich habe bis jetzt meine Tochter gestillt und wollte mich erst danach impfen lassen. Das ist jetzt der Fall.“ Ihr Hausarzt impfe zwar auch. Doch frühestens im Februar hätte die junge Dresdnerin dort einen Termin bekommen, sagt sie. „Das ist mir zu spät. Ich arbeite ab nächstem Jahr wieder in der Pflege, bis dahin hätte ich gern meine Impfung.“

Julia Müller hat sich am Mittwoch ihre Erstimpfung in der Messe abgeholt.
Julia Müller hat sich am Mittwoch ihre Erstimpfung in der Messe abgeholt. © Christian Juppe

Ob sie diese bekommen wird? Noch gehört Julia Müller nicht zu denjenigen, die ein Terminkärtchen bekommen haben. Gegen 9.15 Uhr haben Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes damit begonnen, Zettel in Blau, Grün, Orange, Rot und Rosa zu verteilen. Darauf stehen Uhrzeiten, zu denen die Wartenden hereingelassen werden. Wer so einen Zettel in der Hand hält, hat seine Impfung an diesem Tag sicher. Er ist die Eintrittskarte fürs Impfzentrum.

Eine Notlösung, wenn man so möchte. Denn eigentlich sollten Termine vorab über das Internet gebucht werden können, um den Menschen ein unnötiges Warten in der Kälte zu ersparen. Das Buchungsportal wird aber voraussichtlich erst am Freitag um 13 Uhr freigeschaltet werden können, erklärt DRK-Sprecher Kai Kranich am Mittwoch. Dann seien Termine ab dem kommenden Montag, 6. Dezember, buchbar. Bis dahin müssten Impfwillige spontan vorbeischauen und hoffen, dass sie ein Terminkärtchen bekommen.

Sozialarbeiterin Elisabeth von der Heilsarmee schenkt am Mittwoch Tee an die Wartenden aus.
Sozialarbeiterin Elisabeth von der Heilsarmee schenkt am Mittwoch Tee an die Wartenden aus. © Christian Juppe

Und dass es nicht regnet. Immerhin hat sich die Heilsarmee den Wartenden angenommen und verteilt Tee. 70 Liter habe man dabei, sagt Sozialarbeiterin Elisabeth Hannapp, die mit ihrem Team Tee ausschenkt.

Nicht mehr bangen, nur warten, heißt es für eine junge Frau, die seit 8.30 Uhr vor dem Foyer steht. Sie hat bereits ein Kärtchen erhalten. Es sei ihr dritter Anlauf, an die Zweitimpfung zu kommen, erzählt sie. Im Prohliser Bürgersaal hatte sie sich bereits angestellt, ebenso vorm Rathaus. Doch immer vor ihr sei Schluss gewesen, weil der Impfstoff aus war. Und ihr Hausarzt impfe nicht.

"Ich mache das, weil mir der Druck zu groß geworden ist"

Mit dabei hat die Frau ihren Vater, der sich bislang sperrte, mit einem mRNA-Präparat wie jenem von Biontech geimpft zu werden. „Ich mache das jetzt, weil mir der Druck zu groß geworden ist und die Impfpflicht kommen soll“, sagt er. „Das und die möglichen Konsequenzen daraus machen mir Angst.“ Eigentlich möchte er nach wie vor nicht geimpft werden, macht der Mann klar. „Ich selbst bin gesund und habe große Angst vor der Impfung.“ Es gebe viele Berichte im Internet über Todesfälle nach der Impfung und über Menschen, die den Impfstoff nicht vertragen hätten. Gedrängt fühle er sich nun und hätte viel lieber auf einen Totimpfstoff gewartet. Der gesellschaftliche Druck, der auf Ungeimpfte erzeugt werde, bezeichnet der Dresdner als „modernen Krieg“.

Und die Tochter? „Ich mache das vor allem wegen des Urlaubs, da bin ich ehrlich“, sagt sie. Allerdings wolle sie auch bald in der Altenpflege anfangen. Sich dafür täglich testen lassen, das möchte sie nicht. Auch das sei ein Grund für die Corona-Schutzimpfung.

Aus Überzeugung lässt sich Alex impfen, der nur wenige Meter weiter hinten in der Schlange steht. „Ich sehe das als Verantwortung gegenüber der Gesellschaft“, so der 39-Jährige. „Die Sache ist die: Wer sich schon hat impfen lassen, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir nicht schon den Kollaps erleben. Ganz klar.“

Impfen ist Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, sagt Alex.
Impfen ist Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, sagt Alex. © Christian Juppe

Es ist fünf Minuten nach zehn Uhr, als der Leiter des Impfzentrums vor die Tür tritt und es mit wenigen Worten eröffnet. Er erklärt den Wartenden, was es mit den Farben auf den Kärtchen auf sich hat. Demnach gibt es für jede Farbe im Impfzentrum einen Schalter, an dem sich die Impfwilligen anmelden müssen. Wer das hinter sich hat, folgt seiner Farbe über Linien auf dem Boden. Sie führen direkt zur Impfkabine. Dort werden die Vakzine von Biontech, Moderna und Johnson & Johnson angeboten – je nach Empfehlung der Impfkommission und welcher Impfstoff gegebenenfalls zuvor verabreicht wurde. Nach der obligatorischen 15-minütigen Wartezeit, die nach de Piks folgt, hat man es geschafft.

Geimpft wird in der Messehalle 3.
Geimpft wird in der Messehalle 3. © dpa

Geimpft wird nicht wie im Sommer in der großen Messehalle 4, sondern in der kleineren Halle 3. Dort ist alles etwas kleiner und kompakter, sagt Ulrike Peter vom DRK. Das muss erst einmal reichen. Zunächst sollen pro Tag bis zu 700 Impfungen in der Messe stattfinden können. Das sind etwa halb so viele, wie noch im Sommer an dieser Stelle durchgeführt wurden. Auch deshalb spricht das DRK zunächst nicht von einem Impfzentrum, sondern einer Impfstelle. Mit dem Begriff versuche man auch ein Stück weit, die Erwartungshaltung abzubauen, die womöglich vorhanden ist, wenn man an den Sommer zurückdenkt, so Kranich.

Draußen steht noch Julia Müller. Mit zwei Stunden Wartezeit rechnet sie, als gerade ein Mann auf sie zugeht und ihr einen Zettel reicht. Sie hat es geschafft, sie wird heute geimpft werden. „11.40 Uhr bin ich dran. Da werde ich nochmal nach Hause fahren.“

Die anfängliche Menschen-Schlange ist bereits wenige Minuten nach der Öffnung des Impfzentrums zu einer Traube vorm Eingang zusammengeschrumpft. Manche sind noch einmal nach Hause gefahren und kommen zu der ihnen zugewiesenen Zeit wieder. Andere sind bereits in der Messehalle und werden geimpft. „Die Mitarbeiter geben alles“, wird das DRK am Mittag twittern.

Mindestens bis Ende März 2022 soll das Impfzentrum geöffnet bleiben.

Öffnungszeiten, Anfahrt, Terminvergabe: Alles rund um die Impfung im Dresdner Impfzentrum erfahren Sie hier.