merken
PLUS Dresden

Dresdens OB: "Da hat jemand nicht zu Ende gedacht"

Dirk Hilbert ist entschieden gegen die bevorstehende Schließung der Impfzentren. Im SZ-Interview erklärt er, weshalb.

Oberbürgermeister Dirk Hilbert hält die Pläne für die Schließung der Impfzentren für unausgegoren.
Oberbürgermeister Dirk Hilbert hält die Pläne für die Schließung der Impfzentren für unausgegoren. © Sven Ellger

Dresden. Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) blickt sorgenvoll auf die steigenden Corona-Zahlen. Er wendet sich gegen die Pläne der sächsischen Landesregierung, das Impfzentrum in der Messe Ende September zu schließen. Warum er gegen das Vorhaben interveniert und weshalb er gerne einen Klimabürgermeister in Dresden hätte, erklärt das Stadtoberhaupt im Gespräch mit der SZ.

Herr Hilbert, Sie haben Urlaub in Italien gemacht. Ist das angenehm bei bis zu 40 Grad?

ECHT.SCHÖN.HIER
Sachsen entdecken und erleben
Sachsen entdecken und erleben

Lernen Sie unbekannte Orte der Region kennen - wir geben Ihnen Insidertipps um die Heimat neu zu erkunden und lieben zu lernen.

Wir waren mit dem Wohnmobil in Italien unterwegs. Das Problem war eher, dass nachts Minimum 27 Grad Außentemperatur und es in dem Wohnmobil entsprechend heiß war. Deshalb haben wir uns in Sizilien für ein paar Nächte auf einem Bauernhof eingemietet – mit Klimaanlage und Pool.

Was kann man bei so einer Hitze überhaupt unternehmen?

Wir sind da hart im Nehmen und schauen uns trotzdem die Städte an. Nach dem Wandern taten einem schon mal die Beine abends weh. Trotzdem gab es selten Ruhetage.

Die Hitze und Unwetter mit Fluten in Deutschland zeigen den Klimawandel. Wollen Sie die Gelegenheit nutzen, wenn die Gemeindeordnung entsprechend geändert wird, als achten Beigeordneten den von Ihnen vorgeschlagenen Klimabürgermeister einzuführen?

Mein Ansatz für Dresden ist generell, gesellschaftlich relevante Themen zu bündeln. Das haben wir vor einigen Jahren mit dem Thema Bildung gemacht. Zu diesen Themen gehören aber auch Klima sowie Gesundheit. Deshalb habe ich vor eineinhalb Jahren unter anderem vorgeschlagen, einen Geschäftsbereich Klima zu etablieren. Die jüngsten Ereignisse haben gezeigt, wie sinnvoll dies ist. Es ist eine Frage der Effizienz, also die Frage, worauf wir uns fokussieren und Schwerpunkte durch ein eigenes Ressort sichtbar machen. Die Änderung der Gemeindeordnung, einen weiteren Beigeordneten zu ermöglichen, ist eine Option und eine Frage, die dann diskutiert werden muss.

Sind Sie für acht statt sieben Bürgermeister?

Die Initiative dazu kommt aus Leipzig und hängt mit der vergangenen OB-Wahl dort zusammen. In Dresden gab ja bis 2001 acht Beigeordnete und von 1990 bis 1994 sogar elf. Es gibt also Gründe dafür und dagegen. Dresden ist seit 2001 stark gewachsen, und es gibt zahlreiche gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Das kann durchaus dafür sprechen, einen weiteren Verantwortungsträger zu etablieren. Jetzt muss auch erstmal der Landtag über eine Änderung der Gemeindeordnung entscheiden.

Wofür sind Sie denn?

Ich bin da nicht festgelegt. Das muss diskutiert werden und dann der Stadtrat entscheiden. Ich halte sechs oder acht Beigeordnete für sinnvoller als die sieben, die wir jetzt haben. Denn derzeit gibt es eine relative Ungleichverteilung der Zuständigkeiten, einige Ressorts sind sehr breit aufgestellt, andere weniger. Die Aufgaben könnte man bei sechs oder acht Beigeordneten besser verteilen. Das werde ich mit den Stadträten diskutieren, und ich denke schon, dass ich von allen die größte Verwaltungserfahrung habe. Der Anspruch muss sein, für die Bürger den maximalen Nutzen zu erreichen.

Die Infektionszahlen steigen. Wird es einen weiteren Lockdown in Dresden geben?

Ich hoffe nicht. Aber die Entwicklungen im Sommer haben gezeigt, wie schnell die Infektionen steigen. In Portugal, Frankreich und Spanien ging das besorgniserregend schnell. Für die Entwicklung in Deutschland und in Dresden sind zukünftige Beschränkungen nicht auszuschließen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist geringer. Die Zahl der Geimpften und Genesenen sollte die Infektionsgeschwindigkeit verringern. Auch der Ansatz, auf Klinik-Kapazitäten statt auf die reine Inzidenz zu schauen, ist richtig. Sachsen hat dies bereits im Frühjahr so gemacht und diese Grenzwerte nicht gerissen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Impfwilligkeit der Dresdner?

Wir sehen Statistiken, die ein Indiz geben, aber keine saubere Beurteilung erlauben. Weil sie noch große Lücken aufweisen und nur eingeschränkt wiedergeben, woher die Personen kommen. Es gibt auch keine Zahlen der Genesenen. Wir bekommen keine exakte Zahl derer, die einen weitgehenden Infektionsschutz haben. Es ist nur klar, wie viele Personen in Dresden geimpft wurden, nicht woher sie kommen, die Stadt erhält keine Angaben mehr, wie viele über 80-Jährige geimpft sind, weil ja nicht nur in Impfzentren geimpft wird, sondern auch bei Hausärzten. Ich bedauere das zutiefst, weil ich gerne wissen würde, wie viele der am meisten gefährdeten Dresdner noch keinen Impfschutz haben. Aber diese Zahlen hat die Stadt nicht, kann sie nicht erheben, und andere Institutionen stellen sie nicht zur Verfügung.

Es ist zwar erfreulich, dass wir deutlich niedrigere Sterbezahlen haben und weniger Infizierte in Kliniken behandelt werden müssen. Aber es ist erschreckend, dass wir da keine klare statistische Auswertung bekommen. Im Moment ist der Anteil der Durchgeimpften so, dass man sagen kann, die städtischen Angebote werden gut nachgefragt. Das zeigt, dass es sinnvoll ist, dass wir früh eingestiegen sind und Angebote gemacht haben. Zum Beispiel das Impfen in größeren Firmen wie Robotron und Sachsenenergie und mit mobilen Teams bei Dynamo-Spielen, anderen größeren Veranstaltungen und in den Stadtteilen. Mit den mobilen Teams haben wir bereits fast 5.000 Dresdner erreicht, zusammen mit den Angeboten in Firmen und der Stadtverwaltung selbst sind es rund 10.000. Diese niedrigschwelligen Angebote sind wichtig. Dennoch ist unklar, wie viele durchs Raster fallen, weil sie die Notwendigkeit nicht sehen oder zu bequem sind.

Wie bewerten Sie, dass das Dresdner Impfzentrum geschlossen werden soll?

Ich bin klar gegen den Rückbau der Impf-Infrastruktur. Am 6. September geht die Schule wieder los und gemeinsam mit den Schulbehörden gibt es Planungen, dass ganzen Klassen und Jahrgangsstufen Impfangebote unterbreitet werden. Am 24. September soll aber das Dresdner Impfzentrum geschlossen werden. Der Infektionsschutz ist mit den Abständen zwischen erster und zweiter Impfung zeitlich gar nicht realisierbar. Da hat jemand nicht zu Ende gedacht. Die Impfzentren bieten die effizienteste Logistik. Aber wir wissen auch, dass einige Bürger die Angebote eher vor Ort brauchen. Deshalb wäre es gut, parallel auch die mobilen Teams fortzuführen. Deshalb wäre mein Vorschlag, die Organisation den Kommunen zu überlassen, und das Land beziehungsweise der Bund trägt weiter die Kosten der Impfungen.

Steigen die Zahlen bald erneut drastisch?

Weiterführende Artikel

"Sie haben es nicht geschafft, sich impfen zu lassen"

"Sie haben es nicht geschafft, sich impfen zu lassen"

Über 5.000 Dresdner sind vor Baumärkten und Einkaufszentren geimpft worden. Nun will die Gesundheitsbürgermeisterin ein neues Impfzentrum einrichten.

Das tun sie ja bereits. Allerdings auch, weil Corona aus Ländern mit einer höheren Inzidenz erneut nach Deutschland schwappt. Bei uns war es im Winter die Nähe zu Tschechien, jetzt ist es in Nordrhein-Westfalen die Nähe zu Frankreich oder den Niederlanden.

Mehr zum Thema Dresden