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"Jahr der Blindgänger" und eine ungewollte Explosion: Die größten Bombenfunde in Dresden

Mal vergehen drei Jahre zwischen zwei Funden, mal tauchen vier Blindgänger in einem Jahr auf: Eine kurze Chronik der größten Dresdner Bombenfunde und ihrer Folgen seit 2013.

Von Dominique Bielmeier
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Die am Mittwoch gefundene 250-Kilogramm-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg nach ihrer Entschärfung. Immer wieder tauchen in Dresden Blindgänger auf.
Die am Mittwoch gefundene 250-Kilogramm-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg nach ihrer Entschärfung. Immer wieder tauchen in Dresden Blindgänger auf. © Robert Michael/dpa

Dresden. Auch 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schlummert in Dresdens Erdboden ein tödliches Erbe, das zuletzt bei Bauarbeiten in der Friedrichstadt am Mittwochvormittag zum Vorschein kam: eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe amerikanischer Bauart, abgeworfen zwischen dem 13. und 15. Februar 1945. Einer von unzähligen Blindgängern, die damals die Stadt verschonten und dafür heute zur Gefahr werden.

Denn die lange Zeit unter der Erde sorgt nicht unbedingt für eine Verringerung der Gefahr des Sprengsatzes, wie - glücklicherweise sehr seltene - Unglücksfälle in Deutschland zeigen: 2019 explodierte auf einem Acker im hessischen Limburg eine Bombe mit Langzeitzünder und hinterließ dabei einen riesigen Krater. Verletzt wurde niemand. 2014 detonierte ein Blindgänger bei Baggerarbeiten in Euskirchen bei Bonn, der Baggerfahrer kam ums Leben, acht Menschen wurden verletzt.

Aber auch, wenn bereits Spezialkräfte dabei sind, die Bombe unschädlich zu machen, kann noch etwas schiefgehen: 2010 starben drei Menschen bei der missglückten Entschärfung einer Weltkriegsbombe in Göttingen. Und auch in Dresden kam es erst vor vier Jahren zu einer ungeplanten Teil-Detonation.

Welche großen Bombenfunde die Dresdner in den vergangenen Jahren in Atem hielten - ein Überblick:

2021: Eine Nacht lang bangen in der Friedrichstadt

Noch kein Jahr liegt der letzte Bombenfund in Dresden zurück und auch damals taucht der Blindgänger bei Bauarbeiten im Stadtteil Friedrichstadt auf: Am Nachmittag des 12. November, einem Freitag, wird der 250 Kilogramm schwere amerikanische Sprengsatz in einer Baugrube an der Ecke Fröbelstraße/Semmelweisstraße gefunden. Zuvor hat es seit mehr als drei Jahren keinen Fund einer Fliegerbombe in Dresden mehr gegeben. Dafür hält dieser nun tausende Menschen eine Nacht lang in Atem.

Denn anders als beim aktuellen Fall entscheiden die Spezialisten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst damals, dass noch am Abend evakuiert und entschärft werden muss. Bei den Bauarbeiten war die Bombe bewegt worden, was die Arbeit für den Kampfmittelbeseitigungsdienst potenziell immer noch gefährlicher macht.

So müssen schließlich über 7.000 Menschen in der Nacht zum Samstag ihre Wohnungen und Häuser verlassen, der Evakuierungsradius um die Fundstelle beträgt 800 Meter. 400 von ihnen kommen in Notunterkünften unter. Auch ein Obdachlosenheim, eine Asylunterkunft und ein Pflegeheim müssen teilweise evakuiert werden.

Gerade für ältere Anwohner ist die Nacht mit vielen Ängsten verbunden. "Es war wie Krieg", sagt damals die 80-jährige Isolde Poike sichtlich bewegt gegenüber Sächsische.de. Sie ist gegen 23 Uhr von Einsatzkräften besucht und über die Evakuierung informiert worden und verbringt die Nacht schließlich in der Notunterkunft in der 35. Oberschule.

Um Punkt 6.15 Uhr sind die beiden Zünder ausgebaut und die Bombe ist entschärft. Damit enden auch die Evakuierungsmaßnahmen und Straßensperren.

2018: Teilexplosion während der Entschärfung in Löbtau

Die Entschärfung eines Blindgängers in Löbtau im Jahr 2018 ist die bislang wahrscheinlich heikelste im Dresdner Stadtgebiet. Nicht nur, weil die britische Bombe, die am 22. Mai von Bauarbeitern an der Ecke Löbtauer Straße/Wernerstraße entdeckt wird, mit 250 Kilogramm recht schwer ist. Weil der Zünder wohl beim Anheben der Bombe durch die Bauleute in sie hineingedrückt wurde, muss die Entschärfung zunächst abgebrochen werden. "Das Risiko, dass sie detoniert, beträgt 50 Prozent", erklärt damals Polizeisprecher Thomas Geithner.

9.000 Menschen haben da ihre Wohnungen in Löbtau und der Friedrichstadt schon verlassen müssen, auch mehrere Pflegeheime wurden geräumt. Außerdem wurde der Luftraum über der Innenstadt gesperrt. Mehr als zwei Tage wird der Ausnahmezustand letztlich dauern, zwei Nächte können die Menschen nicht in ihre Wohnungen zurück.

Entschärft wird die Bombe schließlich aus sicherer Entfernung mit einer "Raketenklemme", die auf dem Zünder aufgebracht wird. Betonsteine, Wassertanks und Dämmmaterial sollen die Folgen einer möglichen Explosion mindern. Zu dieser kommt es schließlich auch, zumindest zu einer Teildetonation, bei der auch Dämmmaterial Feuer fängt.

Es bleibt ein Restrisiko: Könnten das verbliebene Material und ein möglicher Rest des Zünders noch explodieren? Als der Rest der Bombe abgekühlt ist, zeigt sich: Er stellt keine Gefahr mehr dar. Die mit Abstand größte Evakuierungsaktion seit dem letzten großen Hochwasser kann endlich enden.

Die Geschichte der Fliegerbombe endet auf dem Stadtfest 2018: Dort können ihre Reste bei der "Blaulichtmeile" am Landtag betrachtet werden.

2016 und 2014: Bombenfunde in Friedrichstadt, Räcknitz und Altreick

150 Kilogramm ist die amerikanische Fliegerbombe schwer, die am 22. Januar 2016 auf der Baustelle für die Ballsportarena an der Magdeburger Straße gefunden wird. Fünf Hotels, vier Pflegeheime sowie etliche Wohnungen und Büros müssen evakuiert werden. Über 800 Menschen sind betroffen.

Auch am 30. September dieses Jahres wird eine Fliegerbombe von Arbeitern entdeckt: Sie liegt auf der Baustelle an der Heinrich-Greif-Straße in Räcknitz und wiegt 250 Kilogramm. Rund 2.000 Menschen müssen ihr Zuhause verlassen und dürfen erst nachts zurückkehren.

Zwei Jahre zuvor, am 12. August 2014, müssen deutlich mehr Menschen wegen einer gefundenen Bombe evakuiert werden: Die 250-Kilo-Bombe amerikanischer Bauart vertreibt vorübergehend 5.800 Menschen aus ihren Wohnungen.

2013: Das "Jahr der Blindgänger" in Dresden

Das Jahr 2013 dürfte einem Mann in besonderer Erinnerung geblieben sein: André Nitzsche. Der Baggerfahrer hat Glück im Unglück, als er Anfang Dezember gleich zwei 250 Kilogramm schwere Fliegerbomben in der Augsburger Straße in Striesen ausgräbt, ohne dass ihm dabei etwas passiert.

Beim zweiten Mal ist immerhin bereits ein erfahrener Kampfmittelräumer dabei. Danach ist Nitzsche den gefährlichen Job endlich los - auf dem offenbar stark getroffenen Gelände macht nun eine Firma weiter, die auf explosive Funde spezialisiert ist. Am 5. und 6. Dezember sind jeweils 1.800 Menschen von der Evakuierung betroffen.

Es sind bereits Bombe Nummer 3 und 4, die in diesem Jahr in Dresden gefunden werden. Auch am 6. September wird auf der Baustelle für die neue Rettungswache an der Gerokstraße in der Johannstadt ein 250-Kilo-Blindgänger entdeckt. 5.000 Anwohner müssen vorübergehend ihre Wohnungen verlassen. Das "Jahr der Blindgänger" begann außerdem bereits explosiv: Am 22. Januar hat ein Baggerfahrer auf dem Gelände einer Schule in der Zirkusstraße in der Pirnaischen Vorstadt eine amerikanische Fliegerbombe erwischt.