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"Das kann man einem 84-Jährigen nicht zumuten"

Zum zweiten Mal innerhalb von nur wenigen Wochen streiken die Lokführer und legen auch in Dresden viele Züge lahm. Viele Reisende zeigen sich genervt.

Die GDL hat einen zweiten Streik ausgerufen, um ihren Forderungen nach mehr Lohn Nachdruck zu verleihen. Auch in Dresden stehen viele Züge still.
Die GDL hat einen zweiten Streik ausgerufen, um ihren Forderungen nach mehr Lohn Nachdruck zu verleihen. Auch in Dresden stehen viele Züge still. © Christian Juppe

Dresden. Es herrscht eine Stimmung am Montagmittag in der großen Vorhalle des Dresdner Hauptbahnhofs, die ein bisschen an Resignation erinnert. Viele Menschen sitzen auf gepackten Koffern und schauen immer wieder entnervt auf die große Anzeigetafel an der Bahnhofswand oder informieren sich im Reisezentrum der Deutschen Bahn.

Eine von ihnen ist Ludmilla Wied aus dem Münsterland. Gemeinsam mit drei langjährigen Freundinnen hat die 59-Jährige in den vergangenen Tagen die Bastei in der Sächsischen Schweiz und die Sehenswürdigkeiten der Dresdner Altstadt besichtigt. Eigentlich hatten sie geplant, am Dienstag wieder zurück in den Westen der Republik zu reisen. Doch nach derzeitigem Stand wird ihr Zug erst am Mittwoch wieder fahren. Das bedeutet, dass die Freundinnen noch eine weitere Nacht in ihrem Hotel in der Münzgasse an der Frauenkirche verbringen müssen - schön, aber teuer.

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"Wenn ich Lokführer wäre, fände ich den Streik schon nachvollziehbar. Aber als Betroffene finde ich es unmöglich", sagt Ludmilla Wied. Doch Däumchen drehen kommt für die vier quirligen Damen an ihrem dazugewonnenen Tag nicht infrage: "Wir werden uns die Stadt anschauen. Da gibt es schließlich noch viel zu sehen."

Gemeinsam mit ihren drei Freundinnen möchte Ludmilla Wied aus dem Münsterland wieder nach Hause. Doch ihre Fahrt verzögert sich um einen Tag.
Gemeinsam mit ihren drei Freundinnen möchte Ludmilla Wied aus dem Münsterland wieder nach Hause. Doch ihre Fahrt verzögert sich um einen Tag. © René Meinig

Ähnlich pragmatisch sieht es auch Hans Severin, ebenfalls aus dem Münsterland. "In meinem Alter hat man so viel erlebt. Ich trage das fatalistisch." Und tatsächlich strahlt der 67-Jährige eine tiefe Gelassenheit aus. Anstatt sich aufzuregen, fragt er sich angesichts immer besserer Technologien im Bereich des autonomen Fahrens, ob man überhaupt noch Lokführer braucht.

Vielleicht stammt dieser Fortschrittsoptimismus aus seiner Tätigkeit als Wissenschaftler an der Hochschule Geisenheim, in deren Rahmen er auch die Technische Universität in Dresden besucht hat. Im Gegensatz zu vielen anderen an diesem Tag hat er noch Glück und wird nur mit einer Verzögerung von zwei Stunden in seiner Heimat ankommen.

Ebenfalls etwas länger unterwegs sein wird man vom Dresdner Hauptbahnhof nach Hoyerswerda oder Cottbus. Auf diesen Strecken gibt es einen Ersatzmix aus Bussen und Zügen.

Die Linie S1 zwischen Meißen Triebischtal und Bad Schandau soll derweil nur noch jede Stunde fahren, eventuell auch nur jede Zweite. Dabei verkehren die Züge nur zwischen Coswig und Pirna, während zwischen Meißen und Coswig sowie zwischen Pirna und Bad Schandau Notbusse fahren sollen.

Die S3 zwischen Tharandt und Freiberg soll im Stundentakt über Ersatzbusse bedient werden, und die Züge der Mitteldeutschen Regiobahn in Richtung Zwickau werden laut Bahn zusätzlich in Freital-Deuben halten.

Der Wissenschaftler für Lebensmittelchemie Hans Severin hat Dresden im Rahmen einer wissenschaftlichen Kooperation mit der Technischen Universität Dresden besucht. Sein Zug verspätet sich um zwei Stunden.
Der Wissenschaftler für Lebensmittelchemie Hans Severin hat Dresden im Rahmen einer wissenschaftlichen Kooperation mit der Technischen Universität Dresden besucht. Sein Zug verspätet sich um zwei Stunden. © René Meinig

Helmut Scholz macht das alles kaum froh. Der 84-jährige Nordrhein-Westfale hat zusammen mit seiner Frau den Weg von Erftstadt bei Köln auf sich genommen, um in Dresden seine Kinder zu besuchen. Jetzt möchten die beiden wieder zurück in die Heimat. "Da reisen wir einmal im Jahr zu den Kindern und dann haben wir so ein Theater", beklagt Scholz. Wegen des Lokführerstreiks würde sich seine Fahrzeit von etwas über sieben Stunden auf nun neun Stunden verlängern.

Doch das ist nicht das Schlimmste für ihn: "Wir müssten fünfmal umsteigen. Das kann man einem 84-Jährigen nicht zumuten." Nach jetzigem Stand wird er sich am Dienstagmorgen von seinem Sohn mit dem Auto nach Leipzig fahren lassen, um anschließend von dort mit dem ICE nach Köln zu fahren. Ob dieser dann kommt, könne man nur hoffen. Seine Frau ergänzt: "Wenn private Angestellte streiken, interessiert das niemanden, aber die Lokführer können direkt das ganze Land lahmlegen. Gefühlt streiken die jedes Jahr."

Helmut Scholz ist sauer: Zusammen mit seiner Frau hat er seine Kinder in Dresden besuchen wollen. Doch auch seine Heimfahrt wird durch den Streik erschwert.
Helmut Scholz ist sauer: Zusammen mit seiner Frau hat er seine Kinder in Dresden besuchen wollen. Doch auch seine Heimfahrt wird durch den Streik erschwert. © René Meinig

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Dieser Ansicht widersprechen dürfte der Pressesprecher der GDL in Mitteldeutschland, Andreas Uhlig. "Der Bahnstreik ist das allerletzte Mittel. Erst wenn auf dem Verhandlungsweg nichts mehr möglich ist, nutzen wir diesen Hebel." Es gebe nie den richtigen Zeitpunkt für einen Streik. Davon geht der 41-Jährige aus. Dabei sei Streiken ein legitimes Mittel in einer Demokratie. "Wir möchten, dass dieses zukunftsweisende Verkehrsmittel so attraktiv gestaltet wird, dass mehr Leute damit fahren." Dafür brauche es laut dem ehemaligen Lokführer jedoch mehr Personal in allen Bereichen: von der Weichenwartung, über die Bordgastronomie bis hin zur Fahrkartenkontrolle. Geeignetes Personal könne man aber nur dann anlocken, wenn dieses gut bezahlt werde.

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