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"Für die Kinder wäre das eine Katastrophe“

Dresdens Erzieher sollen einen Tag in der Woche weniger arbeiten. Offenbar fehlt der Stadt sehr viel Geld. Was das für Familien, vor allem aber auch die Erzieher bedeutet.

Müssen in Dresden die Kita-Öffnungszeiten gekürzt werden?
Müssen in Dresden die Kita-Öffnungszeiten gekürzt werden? © dpa/Jens Kalaene (Symbolfoto)

Dresden. Völlig übernächtigt tritt sie am frühen Morgen ihren Dienst an, blickt mit kleinen, glasigen Augen in die Gesichter der Kinder. Am Abend war sie wieder kellnern, um sich ein paar Euro dazuzuverdienen. Von der Kita in die Kneipe, sozusagen. Es sei nicht die einzige Kollegin, die mit ihrem Lohn nicht um die Runden kommt, erzählt eine Dresdner Erzieherin der SZ. Andere würden nach der Arbeit bei Familien babysitten oder als Pflege-Aushilfe jobben. Und nun? Nun droht das Geld noch knapper zu werden.

Ein Großteil der städtischen Erzieher hat in der vergangenen Woche Post erhalten. Der Kita-Eigenbetrieb hat darin angekündigt, die Arbeitszeit auf 32 Stunden die Woche herabzusetzen. Weniger Stunden, weniger Lohn. Möglich machen es die sogenannten 32-Stunden-plus-X-Verträge, die viele Erzieher abgeschlossen haben. Das heißt, der Kita-Eigenbetrieb garantiert, dass die Mitarbeiter mindestens 32 Stunden in der Woche arbeiten können und entsprechend bezahlt werden. Je nachdem, wie viele Kinder in den Einrichtungen betreut werden, kann die Arbeitszeit bis auf 40 Stunden die Woche raufgesetzt werden. Das muss der Eigenbetrieb zwei Wochen im Voraus ankündigen. Andersherum kann er die Stunden wieder reduzieren, sollte er weniger Personalbedarf haben. Das ist jetzt geschehen. Aber in einem bisher nicht bekannten Ausmaß.

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Großteil der Erzieher mit flexiblen Verträgen

Wurden in den vergangenen Jahren immer wieder einmal Stunden angehoben und wieder abgesenkt, je nach Kita unterschiedlich, sollen ab dem 19. Oktober pauschal alle Erzieher mit solchen Verträgen nur noch 32 Stunden arbeiten, erzählt Verdi-Gewerkschaftssekretärin Daniela Kocksch. Es soll sich um rund 2.500 Mitarbeiter handeln, die betroffen sind. „Das wäre für die Erzieher, die Kinder, aber auch die Eltern eine Katastrophe.“ Die Stadtverwaltung korrigierte diese Angabe am Freitag und spricht von etwa 1.000 Betroffenen.

„Schon jetzt gibt es zu wenige Arbeitskräfte in den Kitas, um den Betreuungsschlüssel einzuhalten“, erzählt eine andere Erzieherin. In ihrer Einrichtung fehlten seit mindestens zwei Jahren eineinhalb Stellen. Die Leiterin bettle beim Eigenbetrieb immer wieder aufs Neue um die Stellenbesetzung – vergeblich. Wie der Schlüssel auch nur annähernd eingehalten werden soll, wenn die vorhandenen Erzieher jetzt auch noch kürzer arbeiten, sei nicht nachvollziehbar. Vermutlich laufe es auf eine Verkürzung der Kita-Öffnungszeiten hinaus.

„Wir werden das an den Kindern merken, sie werden auffälliger“

Außerdem würden die Erzieher-Teams zerrissen, wenn Kollegen ständig in stark unterbesetzten Kitas aushelfen müssten. „Wir werden das an den Kindern merken, sie werden auffälliger. Die Elternbeschwerden werden zunehmen.“

Manche Kollegen würden sich ernsthaft Gedanken machen, den Eigenbetrieb zu verlassen und zum Beispiel nach Freital zu wechseln, weil sie sich die Arbeit in Dresden schlichtweg nicht mehr leisten könnten. „Viele junge Kollegen haben für ihre lange Ausbildung einen Kredit aufgenommen, in der Hoffnung, voll arbeiten zu können.“ Mit einem Nebenjob sei das so eine Sache. Denn die Erzieherverträge sehen auch vor, dass die Mitarbeiter zwischen 6 und 18 Uhr abrufbereit sind – selbst bei 32 Stunden.

Offenbar fehlt Geld in Millionenhöhe

Über die Gründe für die Entscheidung des Kita-Eigenbetriebes wird spekuliert. Offenbar fehlt Geld in Höhe von rund 15 Millionen Euro, unter anderem weil Elternbeiträge während des Corona-Lockdowns ausfielen und immer noch viele Familien im Homeoffice arbeiten, sodass sie ihre Kinder nicht in die Kitas schicken. Verdi-Bezirksgeschäftsführer Daniel Herold stellt aber auch klar, dass das Kita-Personal nicht dazu da sei, Haushaltslöcher zu stopfen. Die Stadt habe eine Fürsorgepflicht zu erfüllen.

Die Streiks an diesem Freitag gehen auf einen Aufruf der Bildungsgewerkschaft GEW zurück, betont Verdi. Die Erzieher-Stunden-Problematik habe mit dem Arbeitskampf nichts zu tun, auch wenn sie dort mit thematisiert wird, betont Herold. Ziel von Verdi sei es, mit der Stadt einvernehmlich eine Lösung zu finden. „Wir suchen auf jeden Fall den Dialog.“ 

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