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Der Aufstieg des "Odol-Königs" aus Dresden

Karl August Lingner zählt zu den größten Unternehmern der Dresdner Industriegeschichte. Der König der Mundhygiene starb an Zungenkrebs.

Eine schier unglaubliche Geschichte: "Odol-Königs" Karl August Lingner
Eine schier unglaubliche Geschichte: "Odol-Königs" Karl August Lingner © SZ-Archiv

Es ist eine schier unglaubliche Geschichte. Der rasche Aufstieg des Karl August Ferdinand Lingner hat die Dimension des amerikanischen Traums: Vom mittellosen Niemand zum Multimillionär, Industriellen, Mäzen und Wohltäter. Heute lebt sein Erbe im Deutschen Hygiene-Museum sowie im Sächsischen Serumwerk und im Lingner-Schloss fort. Reich gemacht hat ihn vor allem das Odol-Mundwasser. Lingner wurde nachgesagt, er habe den Deutschen das Zähneputzen beigebracht. Vor 105 Jahren ist er am 5. Juni 1916 in Berlin gestorben. Er wurde nur 55 Jahre alt. Die Dresdner Nachrichten berichteten die "überraschende Kunde" vom Tod seiner "Exzellenz Lingner". Er sei an den Folgen einer Halsoperation in Berlin aus dem Leben geschieden..

Eigentlich stammte Lingner aus Magdeburg. Die Familie war wenig begütert, der Vater starb zeitig, die Zeugnisnoten des Sohnes waren eher mäßig, erlaubten aber eine kaufmännische Ausbildung.

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Meilenstein des Produktmarketings: Werbung mit der markanten Flasche "Odol"-Mundwasser.
Meilenstein des Produktmarketings: Werbung mit der markanten Flasche "Odol"-Mundwasser. © Der Aufstieg des "Odol-Königs" aus Dresden

Doch Lingner hatte andere Pläne. 1883 ging er als 22-Jähriger nach Paris, um Musiker zu werden. Er wohnte in einer Mansarde, mietete sich ein Klavier. In den Akten des Konservatoriums taucht sein Name jedoch nicht auf. Vermutlich arbeitete er tagsüber, um sich Geld für den abendlichen Privatunterricht zu verdienen.

Krank und abgebrannt gab er zwei Jahre später seine Studien in Paris auf und ließ sich in Dresden nieder. Lingner fand bei der Nähmaschinenfabrik Seidel & Naumann eine Anstellung als Korrespondent. Eventuell hat er schon dort erkannt, wie wichtig Reklame ist. Denn wo sich Lingner seinen später so erfolgreichen Werbestil angeeignet hat, als Werbung fast noch als unseriös galt, ist unbekannt.

Lingner war ehrgeizig. 1888 gründete er zusammen mit dem Techniker und Tüftler Georg Wilhelm Kraft eine gemeinsame Firma für praktische Gebrauchsartikel. Die Zusammenarbeit hielt nicht lange an, ein anderer Mann beanspruchte bald Lingners volle Aufmerksamkeit. Es war der Chemiker Richard Seifert, dieser bot das Rezept für ein neuartiges antiseptisches Mundwasser an. Es passte genau in die damalige Zeit, als Mediziner wie Robert Koch die Wirkung von Bakterien entdeckt hatten. Mundpflege erschien zunehmend wichtig. Seifert kümmerte sich um Rezept und Herstellung, Lingner um Flasche, Namenszug und Reklame - das Erscheinungsbild des Mundwassers, das im "Dresdner Chemisches Laboratorium Lingner" hergestellt wurde und "Odol" hieß. Lingner setzte alles ein, was er übers Verkaufen gelernt hatte.

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"Odol" gilt als Meilenstein des Produktmarketings. Allerdings erwies sich die Herstellung der markanten, mundgeblasenen Flasche mit dem Seitenhals als technisch schwierig. Vier Jahre nach dem Odol-Start 1897 wurde der Firmensitz an die Nossener Straße, in eine ehemalige Klavierfabrik, verlegt und später erweitert. Der rasche Erfolg von "Odol" verblüffte wahrscheinlich Lingner selbst. In nur wenigen Jahren erwirtschaftete er ein Vermögen. Neben den Lingner-Werken gründete er das Sächsische Serum-Werk. Die von ihm erworbene "Villa Stockhausen", das Lingner-Schloss, stattete er mit Pool und Orgel aus. Der Jachtanleger am Anwesen erlaubte Spazierfahrten in die Stadt. Affären etwa zu Schauspielerinnen trugen ihm einen schillernden Ruf ein.

Außerhalb seiner Unternehmen engagierte sich Lingner mit einer Kinder-Poliklinik, einer Desinfektorenschule, einer Lesehalle und einer Zentralstelle für Zahnhygiene. Er arbeitete mit den besten Künstlern seiner Zeit zusammen. Dann entdeckte er ein Medium, das ihm besonders geeignet schien, den "Ernst der hygienischen Dinge" zu verkünden: Ausstellungen. Die "Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911" zeigte ihn an der Seite des Königs.

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Der Erfolg der Ausstellung ließ bei Lingner den Traum von einem "National-Hygiene-Museums" reifen, dem späteren "Deutschen Hygiene-Museum". Er selbst wurde mit Ehrungen überhäuft: wirklicher Geheimer Rat mit dem Titel Exzellenz, Ehrenbürger der Stadt Dresden, Ehrendoktor der Medizin an der Universität Bern. Lingners Tod erlaubt eine gewisse Ironie: Der Mann, der sich so für die Mundhygiene eingesetzt hatte, starb an Zungenkrebs.

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