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Der Dresdner Kleingarten-Chronist

Für Werner Porges zählen nicht nur die Kartoffeln von heute. Dank seiner Akribie bleiben einzigartige historische Dokumente für die Nachwelt erhalten.

Werner Porges will auch die Geschichte seines Vereins Drescherhäuser in Löbtau noch schwarz auf weiß festhalten.
Werner Porges will auch die Geschichte seines Vereins Drescherhäuser in Löbtau noch schwarz auf weiß festhalten. © Sven Ellger

Dresden. Kleingartenordnungen sind keine Wunschzettel. Das war schon im Jahr 1925 so. Damals hieß es in einer Gartenordnung der Kolonie „Dresdener–Häuser“ in Löbtau, dass für alle durch Fuhrwerk an Wegen, Toren und Zäunen entstandenen Schäden der Gartenbesitzer hafte. Außerdem wurde in dem Regelwerk unter anderem festgehalten, dass zwischen April und Oktober keine Tauben frei herumfliegen dürften. Die Haltung von Kleintieren wie Hühnern, Enten, Gänsen und Kaninchen war damals noch möglich und gehörte für viele dazu. Grundsätzlich verboten war dagegen das Drachensteigen in der Anlage sowie das Sprengen der Beete mit dem Schlauch - was heute in trockenen Zeiten oft unvermeidbar ist.

Werner Porges muss schmunzeln, wenn er einige der Formulierungen liest. "Das ist so kompliziert formuliert", sagt er, wobei das für heutige Kleingartenordnungen wohl noch immer gilt. Das historische Dokument hütet Porges in einem Ordner. Nichts soll verloren gehen.

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Traditionspfleger suchen Nachwuchs

Der 69-Jährige mit dem besonderen Faible für Geschichte studierte zu DDR-Zeiten Pädagogik und arbeitete später als Restaurantleiter, unter anderem im Schillergarten und im Strandhotel Stadt Wehlen. 2009 ging er in Rente und sieht sich heute vor allem als Bewahrer.

Seit vielen Jahren engagiert er sich daher auch in der Arbeitsgemeinschaft Geschichte und Traditionspflege, die sich regelmäßig in den Räumen des Stadtverbandes Dresdner Kleingartenfreunde trifft. Die AG hat zurzeit fünf Mitglieder und sucht dringend Nachwuchs. "Auf zehn Schultern ließe sich die Arbeit deutlich besser verteilen", sagt er. Und es gebe viel zu tun. Schließlich feierten Jahr für Jahr etliche Dresdner Vereine ihr 100-jähriges Bestehen.

Nächster Höhepunkt der AG ist der traditionelle Tag der Chronisten am 6. November, zu dem Geschichtsinteressierte aus vielen Dresdner Kleingartenvereinen zum Austausch zueinanderfinden. "Leider sind zur Wendezeit viele Dokumente weggeschmissen worden", sagt Porges. "Vielleicht hat mancher ja gedacht, er müsse was verbergen." Dennoch hätten zahlreiche Vereine bereits umfangreiche Chroniken erarbeitet. "Das will ich für die Drescherhäuser unbedingt auch noch angehen."

Seit 1980 im Vorstand

Selbstverständlich ist Porges auch selbst Gärtner mit Herz und Seele. Seine Parzelle im Verein Drescherhäuser nahe des Bramschtunnels übernahm einst sein Vater im Jahr 1975. Genauso lange ist auch Werner Porges hier Mitglied. Der Kleingartenverein mit heute 101 Parzellen wurde 1917 gegründet und gehörte damals zur Gartenkolonie „Dresdener–Häuser“.

Die bis heute erhaltene Laube in seinem Garten habe sein Großvater einst mit Rundhölzern aus der Heide errichtet, sagt Porges. Nach dem Tod des Vaters übernahm er offiziell den Pachtvertrag und kommt bis heute fast jeden Tag hier her.

"Du darfst dich nicht zum Sklaven deines Gartens machen und musst auch mal die Beine hochlegen dürfen", betont er, wobei seine Parzelle äußerst gut in Schuss ist. Während seine Frau für die Blumen zuständig ist, kümmert er sich um den Anbau. Die Kartoffeln standen dieses Jahr besonders gut, und auch der Salat kann sich sehen lassen.

Seit 1980 - und damit seit mehr als 40 Jahren - ist Porges Teil des Vereinsvorstandes. Zeitweise war er selbst Vorsitzender, meist aber der Stellvertreter, der den Chefs den Rücken freihielt. Und so ist es bis heute.

Ehrennadel-Sammlung komplettiert

"Werners Einsatz ist einfach unbeschreiblich", sagt Regina Hauptvogel, die den Verein seit 2008 leitet. "Er nimmt mir so viel ab und kümmert sich um die Anliegen der Pächter."

So viel Engagement über eine so lange Zeit bleibt nicht ungesehen und so schlug sein Verein ihn kürzlich für die Auszeichnung mit der Goldenen Ehrennadel des Stadtverbandes vor. Im Juni erhielt er sie aus den Händen von Dresdens oberstem Kleingärtner Frank Hoffmann. Und wieder mal schloss sich damit ein Kreis. Die silberne und die bronzene erhielt er bereits in den Jahren zuvor.

Die Arbeitsgemeinschaft Geschichte und Traditionspflege trifft sich jeden dritten Dienstag im Monat um 14 Uhr in der Geschäftsstelle des Stadtverbandes Dresdner Kleingartenfreunde im Seidnitz-Center, Enderstraße 59, 01277 Dresden. Gäste sind herzlich willkommen.

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