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Der letzte Dresdner Rutschen-Elefant

Einst waren die Beton-Skulpturen auf Spielplätzen in der ganzen DDR zu finden. Ihr Dresdner Erschaffer hat auch mit fast 90 Jahren noch nicht genug von der Kunst.

Johannes Peschel erinnert sich noch gut an die Entstehung seiner ersten Elefantenrutsche.
Johannes Peschel erinnert sich noch gut an die Entstehung seiner ersten Elefantenrutsche. © privat

Dresden. Von einem "Ungetüm" schrieb die Sächsische Zeitung liebevoll, als vor 59 Jahren ein aus Beton gegossener Elefant an der damaligen Ernst-Thälmann-Straße in der Dresdner Innenstadt den "jubelnden Kindern" zum Klettern und Rutschen übergeben wurde.

Als Spielgerät mag er heute nicht mehr die strengen Normen erfüllen, und doch hat dieser hohle Elefant mit den Messingstoßzähnen seinen Platz in dem Innenhof an der Weißen Gasse verteidigt, steht bei den Kindern aus der Nachbarschaft hoch im Kurs und erinnert viele ältere Dresdner an ihre eigene Kindheit.

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1962 als Prototyp entstanden, wurde die Gussform anschließend noch für einen zweiten Elefanten genutzt, der bis heute seinen Platz im Leipziger Palmengarten hat. In den Jahren darauf entstand eine vereinfachte Form aus 14 Betonfertigteilen, die sich in der ganzen DDR verbreitete. Auch an der Prager Zeile war lange Zeit einer dieser Elefanten zu finden.

Auch mit fast 90 Jahren arbeitet Johannes Peschel noch immer jeden Tag am Stein.
Auch mit fast 90 Jahren arbeitet Johannes Peschel noch immer jeden Tag am Stein. © Marion Doering

Was die wenigsten wissen: Erschaffen wurden die Formen von den drei Bildhauern Egmar Ponndorf, Vinzenz Wanitschke und Johannes Peschel, die damals für die Produktionsgenossenschaft Kunst am Bau in Dresden wirkten.

Von ihnen lebt heute nur noch Peschel, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert. "Wir wurden damals beauftragt, verschiedene Spiel- und Klettergeräte zu schaffen, die ohne großen Aufwand herzustellen und variabel aufstellbar sein sollten", erinnert er sich. Neben anderen Tieren wie Enten und Hühnern entstand daraufhin auch der Elefant in der Weißen Gasse, dessen Rüssel eine Rutschbahn aus Messing erhielt.

"In Dresden gibt es die Messingplatte heute leider nicht mehr", sagt Peschel, der auch den neuen Anstrich "albern" findet, aber dennoch froh ist, dass das Werk erhalten geblieben ist. Vor sechs Jahren wurde der Elefant vom Landesamt für Denkmalpflege als Kulturdenkmal erfasst und anschließend restauriert.

Für die einen ist er heute einfach ein Blickfang, für manchen Experten aber viel mehr als das. "Kunsthistorisch führt uns der Elefant eine äußerst sensible und innovative Umgangsform mit dem Werkstoff Beton vor Augen, die in den Zeiten des wirtschaftlichen Mangels in der DDR weitgehend selten und hier geradezu exemplarisch ist", findet etwa der Dresdner Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Ulrich Hübner.

Ein Garten wie eine Galerie

Da fühlt sich auch der Erschaffer geschmeichelt, der mit fast 90 Jahren noch nicht genug von der Bildhauerei hat. Mit seiner Frau Eva, früher selbst weithin beachtete Bildhauerin, lebt Peschel in einem ausgebauten historischen Gehöft in Omsesitz, das den Besucher heute eher an eine Galerie erinnert. Im Innenhof, im Foyer, in der Werkstatt - überall stehen Skulpturen aus Sandstein, Beton und Marmor, darunter zwei überlebensgroße Abbilder der Peschels.

Einige seiner öffentlich sichtbaren Monumente und Skulpturen in Dresden sind seit der Wende verschwunden, darunter ein 1975 gestalteter Zementblock am Haus der Presse, der die Vereinigung von KPD und SPD darstellte. "Das ist doch klar, dass das weg musste", zeigt er heute Verständnis, "aber sicher ist auch manches weggerissen worden, was man hätte stehen lassen können."

Die "Denkerin" ist eine von Hunderten Skulpturen in Garten und Haus von Familie Peschel.
Die "Denkerin" ist eine von Hunderten Skulpturen in Garten und Haus von Familie Peschel. © Marion Doering

Erhalten geblieben sind unter anderem die 1964 eingeweihte Bronzeplastik "Schüler und Lehrer beim Polytechnischen Unterricht" vor dem Marie-Curie-Gymnasium und die "Stumme Kattrin", deren Nachguss seit 2016 vor dem Bertolt-Brecht-Gymnasium steht. "Das Original stand vor einer Schule am Terrassenufer und wurde 2014 gemaust", sagt Peschel.

Noch immer arbeitet er in seinem ganz privaten Atelier jeden Tag an Steinen oder formt Modelle aus Ton. "Es macht Spaß und man muss sich ja beschäftigen", sagt er und schmunzelt. Vorwiegend nutzt er inzwischen Beton. Sandstein sei immer schwieriger zu bekommen und für Bronze sei das Portemonnaie nicht groß genug. Verkauft werden inzwischen nur noch die wenigsten seiner Werke. Dafür könne er sich aber in seiner Kreativität frei entfalten.

Elefanten sucht man vergeblich unter all den Figuren. "Ich freue mich, wenn das letzte Dresdner Exemplar in Ehren gehalten wird", sagt Peschel, "aber alles hat seine Zeit".

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