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Die Dresdner Corona-Sammlung wächst

Seit Beginn der Krise hat das Stadtarchiv bereits Tausende Dokumente gesammelt. Zu Briefen, Fotos und Skulpturen kommen nun noch bärtige Stoffmasken.

"Die Authentizität des Augenblicks": Stadtarchivar Thomas Kübler (r.) übernimmt Corona-Dokumente von Veranstalter Mirco Meinel.
"Die Authentizität des Augenblicks": Stadtarchivar Thomas Kübler (r.) übernimmt Corona-Dokumente von Veranstalter Mirco Meinel. © Sven Ellger

Dresden. Die witzigen Stoffmasken mit Vollbart oder Goldzahn haben nie ein Gesicht zu Gesicht bekommen. 15.000 Stück hatte Mirco Meinel im vergangenen Herbst bestellt, um sie an die Besucher seiner Dinner-Show Mafia Mia auszugeben.

Kurze Zeit später mussten die Shows dann trotz aller kreativen Hygienekonzepte doch abgesagt werden, nachdem die Zahl der Corona-Infektionen wieder gestiegen war. Den aktuellsten Regeln zufolge reichen Stoffmasken inzwischen gar nicht mehr aus.

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Zumindest einige Exemplare der Mafia-Mia-Masken haben nun aber noch eine Bestimmung gefunden. Als ein Stück Zeitgeschichte werden sie Teil einer einzigartigen Sammlung im Dresdner Stadtarchiv, die das Leben in der Pandemie für die Nachwelt festhält.

Unter der Überschrift "Corona-Erinnerungen für die Ewigkeit" hatte das Stadtarchiv bereits im Frühjahr 2020 als erste Einrichtung ihrer Art in Deutschland die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, Material zu sammeln und dem Stadtarchiv zur Verfügung zu stellen.

Archiv-Mitarbeiterin Mandy Ettelt zeigt einige der Schätze aus der Corona-Sammlung.
Archiv-Mitarbeiterin Mandy Ettelt zeigt einige der Schätze aus der Corona-Sammlung. © Sven Ellger

Neben rund 20.000 Dokumenten aus den Dresdner Ämtern sind dadurch bereits rund 11.000 Einzeldokumente von Dresdnerinnen und Dresdnern zusammengekommen, darunter Briefe, Fotos, Videos, Tagebücher und Schnelltest-Packungen. Selbst handgeschriebene Witze gehören dazu. "So viel Material haben wir noch nie zu einem Thema der Gegenwart bekommen", sagt Archivdirektor Thomas Kübler.

Verantwortlich für die Sammlung im Stadtarchiv ist Mandy Ettelt, die stellvertretend für die vielen Übernahmen einige Objekte herausstellt. Aus den Regalen und Kartons im Magazinraum 18 hat sie unter anderem bunte Steine geholt, die im vergangenen Frühjahr während des ersten Lockdowns noch neben Hunderten anderen die Besucher des Dresdner Waldparks erfreuten.

Der zehnjährige Mattheo hat einen Aufsatz über seine eigene Corona-Erkrankung geschrieben, den er in den kommenden Tagen persönlich ins Stadtarchiv bringen wird. Auch Günter Schreiber, Bewohner des Pflegewohnzentrum Friedrichstadt, ist extra hergekommen, um ein Gedicht einzureichen.

In den Regalen ist noch Platz

Ein besonderer Weihnachtskalender für die Künstler der Galerie "Kunstgehäuse" in der Neustadt, bestehend aus bedruckten Glasplatten in einer Holzkiste, hat ebenfalls seinen Weg ins Archiv gefunden, genauso wie eine bunte Corona-Maske, die eine ältere Dame für sich selbst gehäkelt hatte, dann aber feststellen musste, dass es darunter mächtig warm wird.

"Eine andere Dame kam mit einer roten Corona-Skulptur unter dem Arm an, die sie aus alten Wein- und Sektflaschen erschaffen hat", sagt Mandy Ettelt. Ein gerahmtes Bild namens "Bunte Blume Covid-19" hat die Archivarin sogar selbst bei einer Künstlerin abgeholt.

Wenn ihr Dresdner Fotos und Kopien schicken, fragt sie regelmäßig nach, ob sie auch die Originale bekommen dürfe. Abgelehnt wurde bis jetzt noch nichts, solange die Dinge im weitesten Sinne mit der Stadt Dresden zu tun haben. "Und wir haben hier auch noch reichlich Platz für weitere Objekte."

Für Archivdirektor Kübler ist es von entscheidender Bedeutung, eine solche Sammlung so früh wie möglich zu beginnen und die Menschen immer wieder dazu zu animieren, auch scheinbar nebensächliche Dinge zu bewahren. Auf diese Weise könnten sich die Dresdner am Ende auch selbst in der Chronik wiederfinden.

Corona-Masken, die inzwischen schon nicht mehr regelkonform sind.
Corona-Masken, die inzwischen schon nicht mehr regelkonform sind. © Sven Ellger
Die leeren Impfstoff-Fläschchen stellte das Uniklinikum zur Verfügung.
Die leeren Impfstoff-Fläschchen stellte das Uniklinikum zur Verfügung. © Sven Ellger
Auch bunte Steine gehören zur Sammlung des Stadtarchivs.
Auch bunte Steine gehören zur Sammlung des Stadtarchivs. © Sven Ellger
Ein besonderer Weihnachtskalender mit Glasplatten in einer Holzkiste sollte Künstler motivieren.
Ein besonderer Weihnachtskalender mit Glasplatten in einer Holzkiste sollte Künstler motivieren. © Sven Ellger

"Nach dem Ende der Krise wollen die Menschen aktiv vergessen und beginnen, Dinge wegzuwerfen", sagt er. "Damit verlieren wir die Authentizität des Augenblicks."

Vor Augen geführt wurde das den Archivaren bei der Flut 2002, als sie zunächst voll damit beschäftigt waren, wertvolle Archive vor dem Wasser zu retten. "Danach hatten die Menschen schon Vieles entsorgt."

Ein Teil des Corona-Universums, der Kübler bis jetzt noch fehlte, ist der Einblick in die lokale Wirtschaft in der Krise. Um so mehr freute er sich, als Mirco Meinel, Chef der First Class Concept GmbH, ihm am Mittwoch sechs prall gefüllte Mappen übergab. Neben den Masken finden sich darin Hygienekonzepte, Flyer und Fotos aus den vergangenen Monaten.

Ausstellung hat keine Priorität

"Im normalen Betrieb hätten wir wohl niemals die Zeit gesunden, all die Unterlagen zu sichten, die das Auf und Ab dokumentieren", sagt Meinel. Nun aber wolle er seinen Teil dazu beitragen, diese Krise für kommende Generationen vorstellbar werden zu lassen.

Wenn die Pandemie irgendwann besiegt ist oder die Menschheit gelernt hat, mit dem Virus umzugehen, könnte es auch in Dresden mal eine Corona-Ausstellung geben, in der die Menschen ungläubig vor den Exponaten stehenbleiben und sich gegenseitig zuraunen: "Weißt du noch, das war krass damals."

Priorität hat eine solche Ausstellung für Kübler jedoch nicht. "Das spielt für uns zurzeit keine Rolle. Wir sind keine Museologen", sagt er. "Unser Job ist die Überlieferung. Wir wollen Dinge vor der Vernichtung bewahren."

Möchten auch Sie dem Stadtarchiv zeitgeschichtliche Dokumente zur Verfügung stellen? Ansprechpartnerin für Fragen und Übernahmen ist Mandy Ettelt. Sie ist erreichbar unter [email protected] und 0351 4881501.

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