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Die Dresdner Neustadt feiert - auch ohne BRN

Trotz Fest-Absage trafen sich Tausende im Szeneviertel. Bahnen wurden umgeleitet, der Park als Müllplatz hinterlassen. Doch es kam auch BRN-Flair auf.

BRN abgesagt - na und? Am Parkhaus neben der Scheune wurde Musiker Ju von Dölzschen von seinem Publikum gefeiert.
BRN abgesagt - na und? Am Parkhaus neben der Scheune wurde Musiker Ju von Dölzschen von seinem Publikum gefeiert. © Sven Ellger

Dresden. Die Musiker sind zurück und die Neustadt feiert - bei schweißtreibenden Temperaturen glich das Viertel an diesem Wochenende einem brodelnden Kessel. Obwohl das legendäre Straßenfest Bunte Republik Neustadt (BRN) schon vor geraumer Zeit aufgrund der Corona-Regelungen abgesagt worden war, drängten sich Tausende Menschen in den Straßen zwischen Alberplatz und Alaunpark. "Was, die BRN findet gar nicht statt?" - dieser Satz war am Samstagabend häufig zu hören. Dass es keine Bühnen gab und die Cocktailstände fehlten, schien kaum jemanden zu stören.

Dafür hatten die Kneipenmitarbeiter im Szeneviertel ordentlich zu tun, die Kühlschränke in den Spätshops waren gegen 23 Uhr schon ziemlich leer. Dabei waren kalte Getränke bei nächtlichen Temperaturen weit über 20 Grad mehr als gefragt. Wer etwas abseits vom Trubel sein Glück probierte, konnte bei Alexander Heitkamp in der Kunsthofpassage fündig werden. Ganz bescheiden warb der Neustädter dort mit dem "eiskältesten Bier der BRN". Über seinem Laden "Buchstabenorte" legte DJ Olaf Agent Undercover Musik auf, im Innenhof genossen die Gäste das thailändische Essen von Heitkamps Frau.

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Alexander Heitkamp schwört darauf, dass es bei ihm das kälteste Bier auf der BRN gibt. Das Straßenfest wurde zwar abgesagt, doch Heitkamp feierte vor seinem Laden in der Kunsthofpassage dennoch.
Alexander Heitkamp schwört darauf, dass es bei ihm das kälteste Bier auf der BRN gibt. Das Straßenfest wurde zwar abgesagt, doch Heitkamp feierte vor seinem Laden in der Kunsthofpassage dennoch. © Sven Ellger
Einige Bands ließen etwas BRN-Flair aufkommen. Vor der Scheune gab es besonders viel Live-Musik.
Einige Bands ließen etwas BRN-Flair aufkommen. Vor der Scheune gab es besonders viel Live-Musik. © Sven Ellger
Schilder wie dieses waren am Wochenende kaum zu sehen. Eine richtige Ersatz-BRN und Aktionen von Anwohnern gab es in der Neustadt in diesem Jahr nicht.
Schilder wie dieses waren am Wochenende kaum zu sehen. Eine richtige Ersatz-BRN und Aktionen von Anwohnern gab es in der Neustadt in diesem Jahr nicht. © Sven Ellger
Feuerspiele und Musik lockten viele Menschen in den Alaunpark. Damit das Areal nicht komplett im Dunklen liegt, hatte die Polizei an der Tannenstraße einen riesigen Flutlichtscheinwerfer aufgestellt.
Feuerspiele und Musik lockten viele Menschen in den Alaunpark. Damit das Areal nicht komplett im Dunklen liegt, hatte die Polizei an der Tannenstraße einen riesigen Flutlichtscheinwerfer aufgestellt. © Sven Ellger
Bunte BRN-Fahnen wehten selten - nur am Julie-Salinger-Weg steckte eine am Balkon eines Neubaus.
Bunte BRN-Fahnen wehten selten - nur am Julie-Salinger-Weg steckte eine am Balkon eines Neubaus. © Sven Ellger
Trotz enormer Hitze nutzen Besucher die Tischtennisplatten, die auf dem Scheunevorplatz aufgebaut waren. Am späten Abend gab es hier kein Durchkommen mehr.
Trotz enormer Hitze nutzen Besucher die Tischtennisplatten, die auf dem Scheunevorplatz aufgebaut waren. Am späten Abend gab es hier kein Durchkommen mehr. © Sven Ellger
In der Kunsthofpassage sorgte DJ Olaf für Musik.
In der Kunsthofpassage sorgte DJ Olaf für Musik. © Sven Ellger

"Wir hatten sehr gehofft, dass die BRN in diesem Jahr stattfindet", sagt Heitkamp. Sein Geschäft mit den Buchstabenbildern lebt vor allem von Touristen, die auf ihrem Dresden-Trip die Kunsthofpassage ansteuern. Doch die Besucher von außerhalb fehlen noch - da ist das Geschäft mit Bier und Essen ein willkommener Nebenverdienst. Dass die Neustadt auch ohne BRN so voll sein würde, hätte Heitkamp, der seit zehn Jahren im Viertel seinen Laden betreibt, nicht erwartet. "Am Freitag war hier schon die Hölle los."

Verlässt man die ruhige Kunsthofpassage, wird man sofort im Strudel der Menschenmassen mitgerissen. Ein paar Meter weiter die Alaunstraße hinunter hat Ju von Dölzschen seine Musiktechnik aufgebaut. Auf der Treppe am Parkhaus neben der Scheune ist kein Platz mehr frei, die Menschenmenge applaudiert und fordert lautstark weitere Zugaben ein. Mit Blick auf die Polizeibeamten, die das Geschehen beobachten, macht Ju von Dölzschen aber pünktlich 22 Uhr Schluss. "Ich darf hier nicht länger spielen, weil sich die Menschen auf der Alaunstraße stauen", erklärt der Künstler, und verrät, dass er in einer Stunde im Alaunpark weitermacht.

Eine Bühne gibt es auch dort nicht, aus mehreren Boxen ertönt Techno oder entspannte Reggae-Musik, nüchtern scheint hier gegen elf Uhr niemand mehr zu sein. In den dunklen Büschen ist erstaunlich viel Bewegung - kein Wunder, denn vor der einzigen Toilette am Platz wird die Warteschlange immer länger. Unter dem gespenstischen Lichtstrahl eines Flutscheinwerfers, den Polizisten oberhalb an der Tannenstraße aufgestellt haben, sitzen und stehen Hunderte, wenn nicht 1.000 Menschen, mal in kleineren Gruppen, oft im großen Pulk.

Einschreiten werden die Beamten nicht, auch wenn die Corona-Regelungen das alles nicht wirklich gestatten. Am Samstagabend sind viele Polizisten unterwegs, doch angesichts der schieren Masse an Menschen sind sie eher Beobachter als Gesetzeshüter. Auch an der Kreuzung von Rothenburger und Görlitzer Straße sind gut 20 Beamte präsent. "Wir versuchen die Kreuzung so lange wie möglich freizuhalten", sagt einer von ihnen. Kurz vor 23 Uhr drängt sich die letzte Straßenbahn der Linie 13 an der engen Stelle, in Dresden auch als "Assi-Eck" bekannt, durch die Angetrunkenen, die auch den wenigen Autos keinen Platz machen, die hier durchfahren wollen.

An der Kreuzung von Görlitzer und Rothenburger Straße, in Dresden als "Assi-Eck" bekannt, versuchten etwa 20 Polizeibeamte, die Straße freizuhalten. Kurz vor 23 Uhr rollte dort die letzte Straßenbahn durch. Dann war es so voll, dass die Bahnen umgeleitet
An der Kreuzung von Görlitzer und Rothenburger Straße, in Dresden als "Assi-Eck" bekannt, versuchten etwa 20 Polizeibeamte, die Straße freizuhalten. Kurz vor 23 Uhr rollte dort die letzte Straßenbahn durch. Dann war es so voll, dass die Bahnen umgeleitet © Sven Ellger

In dieser Nacht werden die Bahnen wie so häufig am Wochenende auf einer anderen Strecke fahren müssen. Ein Problem, für das die Stadt bislang keine Lösung gefunden hat. Demnächst sollen Mediatoren vor Ort mit den Feiernden ins Gespräch kommen, um die Situation an dieser Kreuzung zu entschärfen. Am Sonntagmorgen vermelden die Dresdner Verkehrsbetriebe, dass die Bahnen der Linie 13 seit 9.30 Uhr wieder über die Görlitzer Straße rollen.

Letztlich bleibt der Eindruck, dass die Neustadt auch ohne BRN dem enormen Ansturm nicht wirklich gewachsen war. Auch die Clubs, die seit vergangener Woche wieder öffnen dürfen, schienen überfordert zu sein. Junge Menschen stürmten hinein und hinaus, ein Hygienekonzept gab es entweder nicht - oder es ist zusammengebrochen. Kreative Aktionen von den Neustädter Anwohnern und Gastronomen, wie etwa ein Kleidertausch in der Schönfelder Straße oder Live-Musik am Martin-Luther-Platz, waren mehr als überschaubar. Bunte BRN-Fahnen suchte man vergeblich, eine hing einsam an einem der neuen Häuser im Julie-Salinger-Weg. Auch das lässt vermuten, dass das Interesse daran, eine Ersatz-BRN auf die Beine zustellen, eher gering war und die meisten Anwohner vielleicht lieber ihre Ruhe gehabt hätten.

Ein Blick in den Alaunpark am Sonntagmorgen lässt erahnen, warum. Die Wiesen ein einziger Müllplatz von Bier- und Schnapsflaschen, etliche zerbrochen, dazwischen noch ein paar Grüppchen junger Leute. Flaschensammler machen wahrscheinlich das Geschäft ihres Lebens noch bevor die Stadtreinigung loslegt.

Am Morgen nach der großen Sause: Die Wiesen im Alaunpark sind vermüllt, zerbrochene Flaschen liegen herum, ebenso wie die letzten Partygäste.
Am Morgen nach der großen Sause: Die Wiesen im Alaunpark sind vermüllt, zerbrochene Flaschen liegen herum, ebenso wie die letzten Partygäste. © privat

Dass derart große Partys in einem Wohngebiet - auch zu Nicht-Corona-Zeiten - nicht unproblematisch sind, zeigt auch das Fazit der Polizei: 34 Straftaten, darunter Schlägereien, Diebstähle, zwei Angriffe auf Polizeibeamte, haben die Beamten am Wochenende verzeichnet. Fast 5.000 Menschen waren in den Straßen unterwegs, so ein Sprecher. Viele kamen mit eigenen Musikboxen, zehn wurden von Polizisten sichergestellt, weil sich Anwohner über den Lärm beschwert hatten. Ruhestörung machte auch den Großteil der 70 Ordnungswidrigkeiten aus, die das Ordnungsamt feststellte.

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Dabei war die Polizei nicht unvorbereitet auf das eigentliche BRN-Wochenende. So waren auch Bereitschaftspolizisten im Einsatz, insgesamt 130 Beamte waren jeweils am Freitag und Samstag vor Ort. "Das wäre eigentlich an jedem warmen Wochenende nötig", sagt der Polizeisprecher. Auch wenn es sonst etwas weniger Partywillige sind - die Neustadt wird auch in den kommenden Wochen Anlaufpunkt für viele sein. Allerdings sei das nicht nur ein Dresdner Problem, gefeiert werde nach dem Lockdown auch in anderen Städten, wo die Polizei in diesem Sommer entsprechend viel zu tun hat.

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