merken
PLUS Dresden

Die Hüter des Dresdner Stollens

Der Christstollen ist der wohl leckerste Botschafter der Stadt. Vor 30 Jahren wurde der Schutzverband gegründet.

Die Wacht übers Gebäck: Prüfer des Stollenschutzverbandes testen in der Sächsischen Bäckereifachschule die Qualität der Stollen, hier im Jahre 2000.
Die Wacht übers Gebäck: Prüfer des Stollenschutzverbandes testen in der Sächsischen Bäckereifachschule die Qualität der Stollen, hier im Jahre 2000. © Archivfoto: SZ-Archiv

Das weiß eigentlich jeder: Echter Dresdner Christstollen darf nur in Dresden und Umgebung gebacken werden. Darüber wacht der Schutzverband Dresdner Stollen seit 30 Jahren. Er achtet auf gute Qualität des leckeren Weihnachtsgebäcks und vergibt erst nach einer Prüfung das Stollensiegel. Pro Jahr werden rund 4,5 Millionen dieser goldenen Stollensiegel vergeben. Wohl auch dank des Stollens hat Dresden mit die höchste Bäckerdichte in ganz Deutschland. Denn ohne die Einnahmen aus dem Geschäft mit dem geschützten Stollen müssten möglicherweise viele kleine Bäckereien schließen. Mehr als 110 Bäckereibetriebe sind Mitglieder in dem Verband, der am 3. September 1991 gegründet wurde. Jetzt wird das Jubiläum gefeiert.

„Dresdner Stollen nur noch aus Dresden“ titelte 1991 die Sächsische Zeitung. Denn so ganz selbstverständlich war das damals keineswegs. In den 1980er-Jahren war sogar von einem regelrechten „Stollenkrieg“ die Rede, der vor den höchsten Gerichten der Bundesrepublik ausgefochten wurde. Als Folge durfte im Westen ebenfalls Dresdner Stollen hergestellt werden. Dabei ging es auch um viel Geld, denn der Stollen lässt sich mit dem Herkunftszeichen Dresden einfach besser verkaufen und die Bäcker aus dem Westen wollten mitverdienen.

Anzeige
Banksy erobert Dresden
Banksy erobert Dresden

Die Ausstellung „The Mystery of Banksy – A Genius Mind“ gibt einen umfassenden Überblick und Einblick in das Gesamtwerk des Genies und Ausnahmekünstlers.

"Herstellung muss auf Dresden beschränkt bleiben"

In der DDR war es unstrittig, dass der Dresdner Christstollen aus Dresden oder aus 55 Gemeinden der Umgebung stammte. Als registrierte Herkunftsangabe war das Gebäck beim Amt für Erfindungs- und Patentwesen in Berlin eingetragen und durfte damit landesweit nirgendwo anders als in der Elbmetropole gebacken werden. Nach dem Fall der Mauer konnte dieses Recht zwar zunächst auf das Gebiet der neuen Länder hinübergerettet werden, doch der Streit zwischen Ost und West schwelte weiter. Am 1. Mai 1992 hatte der Bundestag zwar das „Gesetz über die Erstreckung von gewerblichen Schutzrechten“ verabschiedet. Das Problem war jedoch, dass die in der DDR registrierten Herkunftsangaben von dem Gesetz nicht automatisch mit erfasst wurden. Solche Angaben mussten in Verbandszeichen umgewandelt werden. Dann durfte nur, wer in dem jeweiligen Verband organisiert war, diese Produkte auch herstellen.

Das galt auch für den Dresdner Christstollen, und an der Stelle kam der neu gegründete Schutzverband ins Spiel, der den Dresdner Stollen beim Patentamt in München mit Erfolg als Verbandszeichen anmeldete. Nicht unwesentlich war dabei eine vom Schutzverband in Auftrag gegebene Umfrage. Demnach verbanden 61 Prozent der Deutschen mit dem Christstollen die Herkunft Dresden. Im Osten waren es sogar 80 Prozent. Befragt wurden jeweils 1.000 Menschen in Ost und West.

Trotz verschiedener Störfeuer gab der Bundesgerichtshof dem Verband 2002 schließlich endgültig recht. „Um diese Spezialität in ihrer Originalität zu erhalten, muss die Herstellung auf den Großraum Dresden beschränkt bleiben“, argumentierte der damalige Landwirtschaftsminister Rolf Jähnichen (CDU). Seit 2010 ist der Dresdner Christstollen sogar als geografische Angabe geschützt, ebenso wie Thüringer Bratwurst, Parma Schinken oder Champagner.

Der Striezel oder Struzel, wie der Stollen früher genannt wurde, ist aus einem mittelalterlichen Fastengebäck der vorweihnachtlichen Fastenzeit hervorgegangen. Es bestand lediglich aus Mehl, Hefe und Wasser und enthielt weder Butter noch Milch. Erlaubt war nach den Regeln der katholischen Kirche nur etwas Öl. Auf einer Rechnung des christlichen Bartolomai-Hospitals wird er 1474 erstmals erwähnt.

Ein Riesenstollen fürs Lustlager

Kurfürst Ernst von Sachsen und seinem Bruder Albrecht war der Struzel wohl etwas zu karg und so baten sie Papst Nikolaus V., das Butter-Verbot für die Striezel-Bäcker aufzuheben. Doch erst Innocenz VIII. sandte im Jahr 1491 den „Butterbrief“. Von da an durften die Stollenbäcker auch gehaltvollere Zutaten verwenden. Königlich wurde der Stollen ab 1560, als die Dresdner Stollenbäcker zum heiligen Fest ihrem Landesherrn traditionell einen oder zwei Weihnachtsstollen übergaben. In einem Zeremoniell wurde das 36 Pfund schwere Gebäck von acht Meistern und acht Gesellen durch die Stadt zum Schloss getragen.

Auch August der Starke galt als Stollen-Liebhaber. Von der Bäckerzunft ließ er sich anlässlich des Zeithainer Lustlagers 1730 einen Riesenstollen backen: Rund 100 Bäcker und Gesellen fertigten mit 3.600 Eiern, 326 Kannen Milch und 20 Zentnern Weizenmehl einen rund 1,8 Tonnen schweren Riesenstollen. Und auch wenn dieser überdimensionale Stollen mit eigentlich stollenuntypischen Eiern und zudem auch noch im Juni gebacken wurde, gilt er als barocker Vorläufer des jetzigen Dresdner Christstollens.

Weitere Folgen von Dresden Damals:

Weiterführende Artikel

Die größte Brauerei der DDR

Die größte Brauerei der DDR

Die Coschützer Brauerei setzt eine lange Brautradition in Dresden fort. Vor 40 Jahren floss dort das erste Bier.

Ein Dresdner Palast für die Kinder

Ein Dresdner Palast für die Kinder

Vier Jahrzehnte lang haben Kinder aus Schloss Albrechtsberg in Dresden den Pionierpalast gemacht. Vor 70 Jahren wurde er eröffnet.

Dresdner Straßenbahn – vom Pelzmantel zur Klimaanlage

Dresdner Straßenbahn – vom Pelzmantel zur Klimaanlage

Dresden bekommt neue Stadtbahnwagen. Die ersten elektrischen Wagen rollten schon vor mehr als 120 Jahren.

Das Dresdner Bürgertum verfeinerte den Stollen und die überlieferten Rezepte immer mehr und machte ihn zu einem in Europa und der ganzen Welt begehrten Gebäck. Seit dem 19. Jahrhundert gehört er in der Residenzstadt zur Tradition des Weichnachtsfestes. An Augusts Riesenstollen soll das jährliche Stollenfest am Sonnabend vor dem 2. Advent erinnern.

Mehr zum Thema Dresden