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Die letzten Sargträger von Dresden

Auf dem Friedhof in Schönfeld werden die Toten bei Erdbestattungen noch von sechs ehrenamtlichen Helfern aus der Feierhalle getragen. Eine bedrohte Tradition.

"Man tut ein gutes Werk": Vor der Beisetzung bereiten die Sargträger die Grabstelle vor und legen die Senkbänder bereit.
"Man tut ein gutes Werk": Vor der Beisetzung bereiten die Sargträger die Grabstelle vor und legen die Senkbänder bereit. © Sven Ellger

Dresden. Es ist kalt und windig an diesem Freitagmittag. Grau. Erst als sich die Tür der Feierhalle öffnet, blinzelt für wenige Augenblicke die Sonne durch die dicken Wolken.

Sechs ältere Männer tragen den mit Blumen geschmückten Sarg hinaus auf den Friedhof in Schönfeld. Mit ihren dicken schwarzen Mänteln und schwarzen Zylindern wirken sie wie aus einer anderen Zeit. Und irgendwie sind sie das auch. Vermutlich sind es die letzten Sargträger von Dresden, die bei keinem Bestattungsinstitut angestellt sind, sondern sich dieser Aufgabe widmen, weil sie das immer so getan haben.

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"Hier auf dem Dorf gibt es noch gewisse Traditionen", sagt Bernd Ufer, der trotz seiner 70 Jahre noch als Schmied in seiner Werkstatt aktiv ist. Er ist einer Jüngeren unter den Schönfeldern Sargträgern, gleichzeitig aber einer der erfahrensten. In den letzten Jahren der DDR war er noch Ersatzmann, während sein Vater zur Stammformation gehörte. Inzwischen ist er schon seit zwei Jahrzehnten fest an Bord. Mantel und Zylinder werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Die Sargträger führen den Trauerzug aus der Feierhalle.
Die Sargträger führen den Trauerzug aus der Feierhalle. © Sven Ellger

Der Schönfelder Friedhof wurde im Jahr 1625 eingeweiht und 1790 erweitert, um die Toten aus umliegenden Gemeinden aufnehmen zu können. Früher wurden die Särge deswegen manchmal noch von Graupa aus durch den Wald bis nach Schönfeld hinaufgetragen. Wenigstens hätten für diese Mühen in der Regel zwei Mannschaften zur Verfügung gestanden, die sich mit dem Tragen abwechselten, sagt Reiner König, langjähriger Kirchvorsteher, der heute ein kleines Museum auf dem Kirchboden betreibt. Zum Teil wurden einst auch Kutschen für den Transport genutzt.

Auf dem Friedhof in Schönfeld wurden die Särge noch bis vor 25 Jahren aus der Feierhalle bis zum Grab getragen. Seitdem gibt es hier einen Sargwagen, den Bernd Ufer und seine Mitstreiter sehr zu schätzen wissen.

Siegfried Sieber ist mit 81 Jahren der Älteste in der Runde und auch schon seit vier Jahrzehnten dabei. Früher trug er vor allem sonnabends mit, wenn er von Montage zurückgekommen war. Seit Rentenbeginn findet er auch in der Woche Zeit für die Erdbestattungen, wenngleich die immer seltener werden.

In den 70er-Jahren trugen die Schönfelder Träger die Särge noch ohne Hilfsmittel bis zum Grab.
In den 70er-Jahren trugen die Schönfelder Träger die Särge noch ohne Hilfsmittel bis zum Grab. © privat

Bis vor fünf Jahren hätten sich Erd- und Urnenbestattungen noch die Waage gehalten, sagt Friedhofsmeister Gert Leubert, selbst Totengräber in fünfter Generation. Weil sich aber mehr und mehr Menschen für die Einäscherung entschieden, beschränke sich die Arbeit der Sargträger inzwischen auf 10 bis 15 Einsätze im Jahr. "Solange ich kann, werde ich trotzdem dabei bleiben", sagt Siegfried Sieber, der sich regelmäßig bei der Rückenschule fit hält und nicht zuletzt deswegen beim Tragen noch kein Zwicken spürt.

Der 77-jährige Günter Hantzsche aus Schullwitz ist seit fünf Jahren dabei, der 67-jährige Dietmar Zintzsch erst seit einem Jahr. Roland Michel ist der Spaßvogel in der Runde. "Fallengelassen haben wir noch nie jemanden", sagt er, "uns höchstens mal in der Richtung geirrt."

Längst verbindet die sechs Männer mehr als das gemeinsame Ehrenamt. "Wenn wir uns auf dem Friedhof treffen, dann gibt es immer was zu erzählen", sagt Bernd Ufer. "Wann und wo käme man sonst schon zusammen?" Auch runde Geburtstag feiern sie gemeinsam - wenn sie das denn gerade dürfen.

"Immer was zu erzählen": Sargträger Jochen Winkler.
"Immer was zu erzählen": Sargträger Jochen Winkler. © Sven Ellger

Friedhofsmeister Leubert ist stolz auf seine rüstigen Herren, auf die er sich fast immer verlassen kann. "Wenn einer oder zwei doch mal ausfallen, dann springen Mitarbeiter des Bestattungshauses ein", sagt der 54-Jährige, und in den wenigen Fällen, in denen Leubert die verbliebenen Träger nicht anruft, übernehmen vier "Profis" vom Bestattungswesen die Aufgabe.

An diesem kalten Frühlingstag sind aber alle fit. Beim Warten vor der Feierhalle richten sich sie noch gegenseitig die Krawatten. Ein hochbetagter Mann soll zu Grabe getragen werden und etwa zwei Dutzend Menschen wollen sich verabschieden. Per Fernbedienung lässt Leubert die Kirchenglocken läuten, bevor sich der Trauerzug in Bewegung setzt. Auf dem Wagen wird der Tote stets mit den Füßen voran zu seiner letzten Ruhestätte gefahren.

Ihre Emotionen versuchen die Träger, so gut es geht, wegzudrücken. "Man weiß, man tut ein gutes Werk, das gemacht werden muss", sagt Bernd Ufer. Oftmals kannten er und die anderen Träger die Verstorbenen. Wenn dann vielleicht noch Kinder bei der Beerdigung dabei sind, "dann ruppt's einen schon manchmal".

Beim Warten vor der Feierhalle werden noch einmal die Krawatten gerichtet.
Beim Warten vor der Feierhalle werden noch einmal die Krawatten gerichtet. © Sven Ellger

An der Grabstelle angekommen, lassen die Träger den Sarg behutsam in die Gruft hinab, legen die Senkbänder ab, nehmen ihren Zylinder vom Kopf und verweilen für einen Augenblick. Erst dann treten sie zur Seite und überlassen dem Priester das Wort.

Da stehen sie nun, aufrecht und stumm. Sechs Männer, die ihren Job machen. "Wenn uns noch ein oder zwei verlassen, dann wird diese Tradition wohl auch hier ein Ende finden", sagt Friedhofsmeister Leubert. "Aber so ist das Leben."

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