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Die Retterin der Dresdner Wildvogelstation

Die Einrichtung in Kaditz stand wegen Personalmangels kurz vor der Schließung - bis Ronja Fulsche kam. Zum Glück für Mäusebussard und Waldkauz.

Von Henry Berndt
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Die 23-jährige Ronja Fulsche leitet seit wenigen Wochen die Wildvogelauffangstation in Kaditz.
Die 23-jährige Ronja Fulsche leitet seit wenigen Wochen die Wildvogelauffangstation in Kaditz. © Sven Ellger

Dresden. Draki ruft. Der Rotmilan hat als einer der wenigen Gäste der Dresdner Auffangstation für Wildvögel in Kaditz einen Namen erhalten. Der majestätische Greifvogel ist bei der Jagd einem Windrad zu nahe gekommen und hat links nur noch einen halben Flügel. "Er wird nie wieder fliegen können", sagt Ronja Fulsche. "Wir hoffen, dass wir für ihn eine Ausnahmegenehmigung bekommen und er bleiben darf."

Normalerweise gilt die Regel: Vögel, die nach einem Jahr nicht wieder bereit für die Freiheit sind, haben auch hier keine Zukunft mehr. Genau deswegen bekommen auch nur die wenigsten Tiere Namen. "Man lernt schnell, dass man sich nicht in jeden Vogel verlieben darf", sagt Ronja Fulsche. Die 23-Jährige ist seit Oktober vergangenen Jahres die Leiterin der Auffangstation, und man kann sagen, sie ist auch so etwas wie die Retterin der Einrichtung.

Aufnahmestopp im Sommer

Im vergangenen Sommer sah die Lage äußerst kritisch aus: Langjährige Mitarbeiter meldeten sich langfristig krank oder suchten sich neue Herausforderungen. Auch die damalige Leiterin Saskia Keller fiel monatelang aus, Gründer Steffen Keller zog sich zurück.

Übrig blieben zwei Helfer im Freiwilligen Ökologischen Jahr, die sich aufopferungsvoll um die Dutzenden verletzten Vögel kümmerten und so den Betrieb am Laufen hielten. Dennoch musste zeitweise ein Aufnahmestopp verkündet werden. Die Zukunft der Station, die zum Dresdner Umweltzentrum gehört und auch von der Stadtentwässerung unterstützt wird, sah düster aus.

Dabei hätte es wohl gar nicht so weit kommen müssen. Bereits ein Jahr zuvor hatte sich Ronja Fulsche als Mitarbeiterin der Wildvogelauffangstation beworben. Selbst für den Laien ist offensichtlich, dass diese junge Frau ziemlich ideal hier reinpasst.

Bereits zu Schulzeiten machte sie ein zweiwöchiges Praktikum bei den Wildvögeln und half danach über Jahre ehrenamtlich bei der Arbeit. Für ihre Ausbildung zur Zootierpflegerin - ihr Traum seit Grundschulzeiten - ging sie nach Rheinland-Pfalz, kehrte aber bereits 2019 für ihren Bundesfreiwilligendienst nach Kaditz zurück.

Diese Amsel muss sich mit der Hilfe von Ronja Fulsche von einem Katzenangriff erholen.
Diese Amsel muss sich mit der Hilfe von Ronja Fulsche von einem Katzenangriff erholen. © Sven Ellger

Im September 2021 wurde Ronja Fulsche in Dresden endlich zum Bewerbungsgespräch eingeladen und am 1. Oktober trat sie ihre Stelle bei der Wildvogelstation an. Vier "Ökis" und einige Ehrenamtliche halfen ihr beim Neustart. Seit Januar ist nun auch Saskia Keller als Mitarbeiterin zurückgekehrt. Eine dritte feste Kraft soll hinzustoßen, sobald die Finanzierung geklärt ist.

Damit lässt sich doch ganz anders arbeiten. Etwa 30 Vögel werden derzeit in der Holzbaracke mit den angebauten Volieren betreut. Neben Rotmilan Draki gehören dazu auch Mäusebussarde, Turmfalken, zwei Uhus und verschiedene kleinere Eulenarten. Genauso werden aber auch Singvögel wie Spatzen, Meisen und Amseln aufgepäppelt. Elster "Peanut" wurde von einer Frau mit der Hand aufgezogen. Nun mag sie zwar Menschen, aber leider keine anderen Elstern mehr.

Nicht jedes Jungtier braucht Hilfe

In den Wintermonaten geht es in der Auffangstation deutlich ruhiger zu. Vor allem ausgehungerte Mäusebussarde würden jedes Jahr um diese Jahreszeit aufgenommen, hätten aber in der Regel kaum eine Chance. Die vergleichsweise wenigen Tiere teilen sich ihre Volieren den Winter über fast ausschließlich mit Artgenossen.

Ganz anders wird das im kommenden Sommer wieder aussehen. "Dann steht das Telefon nicht mehr still", kündigt Ronja Fulsche an. Vor allem Jungtiere werden dann aufgenommen, wenngleich nicht jeder plüschige Waldkauz, der auf dem Boden hockt, auch Hilfe braucht, wie die Expertin betont. Es kann durchaus vorkommen, dass in einer Voliere in Kaditz mal 30 junge Waldkäuze gleichzeitig untergebracht werden müssen.

Reichlich Notfälle gibt es in der Region um Dresden ab Frühling immer. Kernarbeitszeit für die Vogelretter ist von 9 bis 16 Uhr, aber regelmäßig nehmen Ronja Fulsche und ihre Mitstreiter junge Vögel auch mit nach Hause, um ihnen überhaupt eine Chance zu geben. Immerhin jedes zweite Tier, das den Weg in die Auffangstation findet, schafft es und kann wieder in die Natur entlassen werden. Bald soll die Station abends bis 20 Uhr besetzt sein, um dem großen Bedarf gerecht zu werden. Dann ist Schichtdienst angesagt.

Erst vor wenigen Stunden wurde in Kaditz eine Amsel abgegeben, die von einer Katze erwischt wurde. Ein Grund dafür, dass Ronja Fulsche der festen Überzeugung ist: "Katzen gehören nicht in die Natur." Die Amsel hat eine blutende Wunde davongetragen und wird vorerst in einem Karton in der Küche untergebracht. Die erste Nacht wird entscheidend sein.