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Pau-Pau-Chefin: "Ich bin bereit, alles fallenzulassen"

Die Spanierin Vanessa Bravo hat in Dresden eine Familie gegründet und ihren Traumjob gefunden. Doch unverhohlener Rassismus lässt sie an allem zweifeln.

Vanessa Bravo hat gemeinsam mit ihrem Mann die Eis-Manufaktur Pau Pau gegründet. Ob ihre Zukunft in Dresden liegt, lässt sie offen.
Vanessa Bravo hat gemeinsam mit ihrem Mann die Eis-Manufaktur Pau Pau gegründet. Ob ihre Zukunft in Dresden liegt, lässt sie offen. © Marion Doering

Dresden. Sie hat in der Nacht kein Auge zugemacht. Diese Bilder vom Parkplatz gehen ihr einfach nicht aus dem Kopf. "Er hätte ihn fast umgefahren", sagt Vanessa Bravo und schlägt sich die Hände vor das Gesicht. "Einfach so." Gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Sohn Alejandro wollte sie in der Innenstadt Hefte und Stifte für das neue Schuljahr einkaufen gehen. Doch dann war da dieser Vorfall auf dem Parkplatz neben der Centrum Galerie.

"Ein älterer Mann um die 70 hat meinen Sohn angeschrien, er solle zur Seite gehen, sonst würde er ihn überfahren", erinnert sich Vanessa Bravo. Zunächst habe sie gar nicht verstanden, was da gerade passierte. Sie ging zu dem Mann, um mit ihm zu sprechen, der habe aber nur geschrien, sie sollten in ihr eigenes Land zurückgehen.

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"Würde alles fallenlassen": Die rassistischen Angriffe haben bei Vanessa Bravo Spuren hinterlassen.
"Würde alles fallenlassen": Die rassistischen Angriffe haben bei Vanessa Bravo Spuren hinterlassen. © Marion Doering

"Ihr eigenes Land", was soll damit gemeint sein? Geboren wurde sie in der spanischen Hafenstadt Málaga. Ihre Heimat aber, das ist seit langer Zeit Dresden, wie sie selbst sagt. Vor 15 Jahren kam die 41-Jährige hier her, um als Sprachdozentin an der TU zu arbeiten. Parallel dazu baute sie gemeinsam mit dem Mexikaner Armando Reyes die Eismanufaktur Pau Pau auf, die heute weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Vor zwei Jahren wurde Vanessa Bravo der Adelie Award verliehen, ein Preis, der weibliches Unternehmertum würdigt und fördert.

Mit ihren zwei kleinen Kindern wohnt die Familie inzwischen in der Neustadt. Es könnte so schön sein, aber nun ist es schon wieder passiert. Wieder wurde sie rassistisch beleidigt und nun wurde auch noch ihr Sohn in Gefahr gebracht. Das war zu viel. Dieses Mal wollte Vanessa Bravo die Traurigkeit und die Wut nicht einfach herunterschlucken.

Am Montagabend nahm sie ein Video auf und veröffentlichte es auf der sozialen Plattform Instagram. In dem rund sechsminütigen Clip spricht sie über den Vorfall auf dem Parkplatz, aber auch über andere denkwürdige Erlebnisse aus den vergangenen Jahren in Dresden.

Vor zwölf Jahren sei sie nach einem Kinobesuch von zwei jungen Männern verfolgt worden, die dann versucht hätten, sie in ein Auto zu ziehen. Die rechte Gesinnung der Männer sei bekannt gewesen und sie seien auch wegen anderer Taten verurteilt worden.

Auch in einem Supermarkt und in einem Schnellrestaurant sei sie bereits rassistisch beleidigt worden, weil sie sich mit ihren Kindern auf Spanisch unterhalten hatte, berichtet sie in dem Video. Das Schlimmste für sie: In keinem der Fälle hätten Passanten reagiert. "Ich erwarte gar nicht, dass die Leute selbst auf Konfrontation gehen, aber ein nettes Wort oder eine Geste wären doch möglich."

Bereits der Vorfall im Schnellrestaurant habe bei ihrem zehnjährigen Sohn Spuren hinterlassen. "Ich habe Angst, dass er sich irgendwann schämt, anders zu sein." Seinen Chorleiter habe er schon gebeten, ihn doch bitte nicht mehr Alejandro, sondern lieber Alex zu nennen. "Da frage ich mich: Will ich das für meine Kinder?"

Große Resonanz auf Video

Ihr Video auf Instagram, in dem sie am Ende ihre Tränen nicht mehr zurückhalten kann, wurde innerhalb weniger Stunden Tausende Mal aufgerufen, geteilt und kommentiert. "Ich habe unzählige Nachrichten bekommen. Leute haben mich angerufen und selbst vor Wut geweint." Viele offenbarten sich, selbst schon beleidigt worden zu sein. "Sie leiden, aber trauen sich nicht, etwas zu sagen."

Die gewaltige Resonanz auf das Video habe sie völlig überrascht. Zwar habe sie den Übergriff auf dem Parkplatz bei der Polizei angezeigt, von ihrem Schritt in die Öffentlichkeit verspreche sie sich aber nun weitaus mehr.

Nilsson Samuelsson vom Dresdner Ausländerrat überraschen die Erlebnisse von Vanessa Bravo nicht. "Ihre Situation zeigt doch: Wir haben hier ein Problem und das müssen wir ändern", sagt der 53-Jährige, der aus Schweden stammt. "Was Frau Bravo vermisst, ist Zivilcourage. Ich denke auch, dass wir da zu wenig aufeinander achten."

"Dafür ist zu viel passiert"

Vanessa Bravo will sich nicht falsch verstanden wissen: "Deutschland hat mir so viele Möglichkeiten gegeben." Hier habe sie ihren Traumjob gefunden, leitet inzwischen eine Abteilung in ihrem Institut und schreibt gerade ihre Doktorarbeit. Hier konnte sie sich als Unternehmerin verwirklichen und eine Familie gründen, hier habe sie viele tolle Menschen kennengelernt. "Aber ich bin bereit, das alles fallenzulassen, wenn wir in Dresden nicht in Ruhe leben können." Eine Rückkehr nach Spanien sei inzwischen eine realistische Alternative. Auch die Wahlergebnisse im Herbst spielten für ihre Entscheidung eine Rolle.

Derartige Überlegungen kann Nilsson Samuelsson gut nachvollziehen. "Gleichzeitig brauchen wir aber Menschen wie Frau Bravo, die den Mund aufmachen. Nur mit ihnen können wir Veränderungen erreichen. Die anderen werden es nicht machen." Daher hoffe er, dass Vanessa Bravo Dresden die Treue hält.

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