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Die Welt im Dresdner Klassenzimmer

Weltoffenheit schließt Heimatliebe nicht aus, sagt Nicole Herzog. Sie hat 80 Länder bereist, nun will sie ihre Erfahrungen als Unterrichtsmaterial in Schulen bringen.

Kosmopolitin Nicole Herzog ist eher unpolitisch groß geworden. Doch jetzt sieht sie Handlungsbedarf - im Sinne der Jugend und ihrer Region.
Kosmopolitin Nicole Herzog ist eher unpolitisch groß geworden. Doch jetzt sieht sie Handlungsbedarf - im Sinne der Jugend und ihrer Region. © Sven Ellger

Dresden. Noch nie war Nicole so lange in der Heimat. Nicht, seit das Reisefieber ihre normale Körpertemperatur ist. Früher hat sie Monate und Jahre am Stück in der großen weiten Welt verbracht. Rund 80 Länder lernte sie so kennen. "Immerhin bin ich in diesem Sommer in den Mikrostaaten Liechtenstein und San Marino gewesen", sagt die 39-Jährige. Das war die erste Reise nach eineinhalb Jahren.

Wenn reisen bildet, wie ein Sprichwort sagt - macht Daheimbleiben dumm? So will es Nicole Herzog nicht ausdrücken. Aber das Gegenteil von Weltoffenheit, das erleben wir gerade in Sachsen. "Die Ergebnisse der Bundestagswahl hier und in Thüringen sind mir tagelang auf die Stimmung geschlagen und beschäftigen mich nach wie vor", sagt die Architektin. Schon während ihres Studiums hat sie das Reisen zum Beruf gemacht. Heute führt sie ihre eigene Agentur für Webgestaltung, Fotografie und Textproduktion. Die hat Nicole passenderweise "Mundografia" genannt.

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Nach eineinhalb Jahren Coronapause ist Nicole Herzog im Juli in Liechtenstein und San Marino im Urlaub gewesen.
Nach eineinhalb Jahren Coronapause ist Nicole Herzog im Juli in Liechtenstein und San Marino im Urlaub gewesen. ©  privat

"Dann redet man mit Freunden, Bekannten, Nachbarn, Kollegen, und alle sagen mit Blick auf die politischen Entwicklungen hierzulande: Schlümm!" Aber nichts passiere, das Leben gehe einfach weiter. Nicole Herzog grübelt seither noch mehr als zuvor, was zu tun sei, um den Leuten die Welt näherzubringen.

Denn darin sieht sie das wirksamste Rezept, um Vorbehalte abzubauen und Toleranz zu fördern. "Ich bin in meiner Familie ziemlich unpolitisch groß geworden und habe mich später eher für die Weltpolitik interessiert, als für das, was in Deutschland los ist", sagt sie. Inzwischen kommt die Kosmopolitin nicht mehr daran vorbei, sich auseinanderzusetzen und sich zu fragen: Was verstehen die Menschen falsch? Wie kann ich ihnen im besten Sinne des Wortes die Welt erklären und sie dazu bringen, sich da draußen selbst umzuschauen?

Einen Anfang hatte Nicole mitten im Lockdown gemacht. Da saß sie in ihrer Neustadt-Wohnung, konnte nicht reisen, die Aufträge für ihre Agentur blieben aus, sie suchte sich in der Not einen Job im Supermarkt und scherzte damals: "Ich bin jetzt systemrelevant und sitze an der Quelle zum Klopapier. Besser geht's gerade nicht!"

Schreib doch mal ein Buch!

Ihre Freunde kannten all die Erlebnisberichte von den Reisen rund um den Globus und hatten die ausdrucksstarken Fotos gesehen, die Nicole mit nach Hause brachte. "Du musst ein Buch daraus machen!", hatten sie immer wieder gesagt. Aber so ein richtiges Buch zu schreiben, konnte sie sich nicht vorstellen. Stattdessen kam sie auf die Idee, einen Kalender zu entwerfen - ganz anders, als man Kalender kennt.

Vor einem Jahr war die erste Edition unter dem Titel "12 Weltmomente - Mensch und Gesellschaft" fertig: zwölf Postkarten mit Motiven aus eher unbekannten Ländern, jeweils mit einer Monatsbanderole versehen. Sie lassen sich per Verpackungsbox zum Beispiel auf den Schreibtisch stellen oder mit Magnet an den Kühlschrank heften. Außerdem gehört ein Kugelschreiber dazu, damit die zwölf Weltmomente, mit Grüßen versehen, wieder in die Welt hinaus geschickt werden können.

Eine Auflage von 500 Exemplaren hatte Nicole Herzog produzieren lassen und alle verkauft. Nun ist die zweite Edition für das Jahr 2022 erschienen, diese unter dem Motto "Mensch und Lebensraum", funktionierend nach dem gleichen Prinzip: Zwölf fotografische Eindrücke führen nach Russland, Peru, Georgien, Aserbaidschan, Montenegro, Moldawien, Transnistrien, Uruguay, Chile, Bosnien, Bolivien und Nordirland.

Der neue "12-Weltmomente"-Kalender für 2022.
Der neue "12-Weltmomente"-Kalender für 2022. © Sven Ellger

Zu jedem Foto erzählt Nicole eine Geschichte, die sich hinter der Momentaufnahme verbirgt. Die Texte sind in einem extra Heftchen, das sich ebenfalls in der Box befindet, zu lesen und verweisen auf weitere Inhalte im Internet. Dort eröffnen sich nämlich noch weitere Blicke in die Welt und geben Informationen über die Sprache, die Kultur und die Wirtschaftslage des jeweiligen Landes. Außerdem ist jeweils ein passender Filmtipp zu finden.

Eine dritte Edition will Nicole Herzog vorerst nicht zusammenstellen. Ihre Gedanken gehen nun in eine ganz neue Richtung. "Ich möchte mit dem Erlös der beiden Weltmomente-Editionen ein neues Projekt beginnen", sagt sie. Künftig soll die Idee, die als Kalender eine erste Umsetzung fand, als Unterrichtsmaterial für Schulen anwendbar sein. "Ich habe mit vielen Lehrern gesprochen, die es gut fänden, mein Konzept für ihre Klassen nutzen zu können." Dafür würde Nicole Herzog die zweimal zwölf Weltmomente um weitere Karten, Geschichten und Zusatzinformationen erweitern, sodass ein ganzer Klassensatz entsteht, für den im Internet noch mehr Anregungen bereitgestellt werden.

Ob es um politische, gesellschaftliche, sprachliche, wirtschaftliche oder geografische Bildung geht - Ansätze bietet das Material aus vielen Richtungen. "Ich wünsche mir, dass es junge Leute motiviert, sich mit unbekannten Ländern, Nationen, Volksgruppen, Religionen und Sprachen auseinanderzusetzen", sagt Nicole Herzog.

Im Rahmen des Radebeuler Weinfestes hat sie unlängst ihre Kalender präsentiert und ist dabei mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen. "Fast immer spielt dabei die Angst vor dem Fremden eine Rolle", stellt sie fest. Du als Frau ganz allein auf Reisen - ist dir dabei nichts Schlimmes passiert? Wie oft hat Nicole diese Frage gehört. "Nein", sagt sie bestimmt, "ich habe nie eine schlechte Erfahrung gemacht." In Indien sei ihr einmal der Rucksack geklaut worden. "Ich habe ihn mir zurückgeholt. Das war das einzige Vorkommnis in 80 Ländern."

Wer sich das Andere nicht ansieht, kann Furcht und Vorurteile nicht verlieren. Der wird nicht feststellen, dass jedes Land Überraschungen birgt, seine Schönheit, aber auch seine Probleme hat. Davon ist sie überzeugt. Und wer, wenn nicht die Jugend, hat Kraft und Möglichkeiten, sich die Welt zu besehen. Auch bei der U18-Wahl, knapp eine Woche vor der Bundestagswahl, lag die AfD in Sachsen vorn. "Was soll aus Sachsens Weltoffenheit werden, wenn so viele Kinder und Jugendliche eine Partei bevorzugen, die ausdrücklich nicht für Offenheit und Toleranz steht?", fragt Nicole.

Eine ganz wichtige Erfahrung will sie deshalb weitergeben. "Ich habe so viel von der Welt gesehen und kann sagen: Weltoffenheit schließt Heimatverbundenheit nicht aus." Im Gegenteil, sie könne die Liebe zu Deutschland noch stärken. "Es ist wunderbar, seinen Horizont zu erweitern. Aber es ist auch schön, wieder nach Hause zu kommen."

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Weltenbummlerin Nicole Herzog war in fast 80 Ländern. Inzwischen leidet sie an hohem Reisefieber. Ihre Corona-Pause macht sie zum Gewinn - auch für andere.

Auf der Internetplattform Startnext hat Nicole Herzog eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Dort sammelt sie Geld für ihr Schulprojekt. Wer über das Crowdfunding Portal den neuen Weltmomente-Kalender für 2022 erwirbt, unterstützt damit auch die Entstehung des geplanten Unterrichtsmaterials. Am 13. November liest Nicole Herzog um 14 Uhr im Geschenkeladen Catapult, Rothenburger Sztraße 28.
www.12-weltmomente.com. Kalender "12 Weltmomente 2022" ISBN: 978-3-00-068777-8

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