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Ein Mann, ein Haus, ein Jahrhundert

Ärzte erklärten den Dresdner Günther Höppner in den 1970ern für unheilbar krank. Nun feiert er seinen 100. Geburtstag.

Der knorrige Kirschbaum im Garten begleitet Günther Höppner schon seit frühster Kindheit.
Der knorrige Kirschbaum im Garten begleitet Günther Höppner schon seit frühster Kindheit. © Marion Doering

Dresden. Der knorrige Kirschbaum hat schon bessere Tage erlebt. Viele Äste sind abgebrochen, Flechten durchziehen die brüchige Rinde. "Und trotzdem trägt der jedes Jahr", sagt Günther Höppner. Als Fünfjähriger hat er an dieser Stelle einen Kirschkern in die Erde gesteckt. Seitdem begleitet der Baum sein Leben. An diesem Montag feiert Höppner seinen 100. Geburtstag.

Am 29. März 1921 ist er in dem Haus im Dresdner Stadtteil Kemnitz geboren worden, in dem er noch heute mit seiner Eva lebt. Der malerische Blick auf die Elbe entschädigt für die Nähe zur Autobahnbahnbrücke. Da aber aller Nasen lang neue Schallschutzfenster eingebaut werden und Höppner sowieso schwerhörig ist, kümmert ihn auch das nicht.

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Nachdem sie hier zunächst lange Zeit zur Miete gelebt hatten, bekamen sie nach der Wende die Möglichkeit, das Haus zu kaufen. Die damaligen Eigentümer hatten mitbekommen, dass es den Höppners, ihrem Fleiß und ihren handwerklichen Fähigkeiten zu verdanken war, dass das Gebäude bis dahin nicht schon zur Ruine verfallen war.

Günther Höppner (10. v.l.) mit seinen Schulkameraden in der Annenschule.
Günther Höppner (10. v.l.) mit seinen Schulkameraden in der Annenschule. © Marion Doering

Nach und nach wurde das Haus wieder aufgehübscht. Nur 2002 erlitten die Pläne einen herben Rückschlag, als das Hochwasser der Elbe bis in den ersten Stock stand.

Keine Frage, dieser Günther Höppner ist zäh. Im Januar erkrankten er und seine Frau an Corona, überwanden die Infektion aber ohne größere Komplikationen. Im Jahr zuvor stürzte er zu Weihnachten und erlitt einen Oberschenkelhalsbruch.

Dass er heute überhaupt sein großes Jubiläum feiern kann, gleicht einem medizinischen Wunder. Bereits 1973 erkrankte er an Nierenbeckenkrebs, der bereits Metastasen gebildet hatte. Die Aussichten waren schlecht. "Die Ärzte gaben mir maximal noch fünf Jahre", sagt er. Inzwischen sind es fast 50 geworden.

Die guten Gene wurden ihm bereits in die Wiege gelegt. Seine Mutter ist 97 geworden. Auch sechs ihrer zwölf Geschwister erreichten das 90. Lebensjahr.

Alte Liebe rostet nicht: 1952 heiratete Günther seine Eva.
Alte Liebe rostet nicht: 1952 heiratete Günther seine Eva. © Marion Doering

Womöglich hätte der junge Günther das Talent dazu gehabt, im Kreuzchor zu singen, doch das wollte sein Vater nicht. Stattdessen machte er das Abitur an der Annenschule. „Ich war aber alles andere als ein Musterschüler und bin gerade so mit der schlechtesten Note durchgerutscht“, sagt er. „Das Segelfliegen war damals viel verlockender als die Schule.“

Im Krieg wurde Höppner als Bodenfunker eingesetzt, konnte sich aber auch durch seine Russischkenntnisse unverzichtbar machen, die er sich ganz nebenbei angeeignet hatte. Irgendwie schaffte er es bis zuletzt, in den richtigen Momenten die richtigen Fähigkeiten vorzuweisen. Dazu kamen glückliche Umstände. An Gelbsucht erkrankt, verließ er Stalingrad, zwei Tage bevor der Kessel geschlossen wurde. Nach dem Krieg blieb er bis 1949 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. „Danach stand ich vor der Wahl, Lehrer zu werden oder unter Tage zu arbeiten“, erinnert er sich. Da vor allem Russisch-Lehrer gesucht wurden, fand er schnell seine Berufung.

36 Jahre an einer Schule

Von 1950 bis 1986 unterrichtete Höppner über Jahrzehnte Generationen von Schülern an der 75. Schule Dresden-Leutewitz und wird noch immer zu Klassentreffen eingeladen. „Ich habe die Stunden damals stets mit einem Lied begonnen“, erinnert er sich. „Die Texte kenne ich heute noch.“ Direktor sei er nie geworden, da er nicht in der richtigen Partei war.

Heute ist Günther Höppner fitter als so mancher 80-jährige Jungspund. Wenn die Corona-Pandemie oder Knochenbrüche ihn nicht gerade ausbremsen, kegelt er immer noch aktiv im Eisenbahnersportverein ESV Dresden und spielt Billard. Früher gehörten auch Fußball und Tischtennis zu seinen Leidenschaften.

Seine Eva, die vor wenigen Tagen 95 Jahre alt geworden ist, war ebenfalls Lehrerin. Sie stammt aus Pommern und kam mit 18 als Flüchtling nach Dresden. Die beiden lernten sich bei der Lehrer-Ausbildung in Meißen kennen. Inzwischen sind sie seit 69 Jahren verheiratet. Zum Frauentag schenkte Günther ihr einen großen Strauß rote Rosen. Alte Liebe rostet nicht.

Sechs Sprachen im Kopf

Eingerostet ist Günther Höppner auch im Kopf nicht. Neben Deutsch und Russisch kann er sich auf Englisch, Französisch, Tschechisch und Polnisch verständigen. Kurse in der Volksschule machten es möglich.

Zu den größten Freuden des Jubilars gehört der Nachwuchs. Eine Tochter, zwei Enkel und vier Urenkel hat er in sein Herz geschlossen, von denen einige praktischerweise gleich mit im Haus wohnen.

Einer der Enkel ist Hobbyfunker. Das passende Gerät dazu steht auf dem Dachboden. Opa Günther weiß noch gut, wie das geht.

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