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Dresden im Jahr 1936 - in Farbe und HD

Ein Computerexperte baut seine eigene Zeitmaschine - und holt damit historische Filmaufnahmen in die Neuzeit. So haben Sie das alte Dresden noch nie gesehen.

Die Dresdner Altstadt in den 30er-Jahren wird dank künstlicher Intelligenz farbig.
Die Dresdner Altstadt in den 30er-Jahren wird dank künstlicher Intelligenz farbig. © Screenshot/privat

Dresden. Eine gelbe Straßenbahn rattert an der Schinkelwache in der Dresdner Altstadt vorbei. Ihr entgegen kommen Männer auf Fahrrädern. Im Hintergrund sind die Türme der Sophienkirche zu sehen. Fast könnten es aktuelle Aufnahmen sein - wenn eben jene Sophienkirche nicht nach den Bombenangriffen im Februar 1945 ausgebrannt und ihre Ruine später abgerissen worden wäre.

Tatsächlich stammen die Aufnahmen aus dem Jahr 1936. Der Dresdner HNO-Arzt Gerhard Schneider filmte damals die Szenerie. Heute gehören seine Filme zum Archiv von Ernst Hirsch, das von der Dresdner Universitätsbibliothek SLUB verwaltet wird und online öffentlich zugänglich ist.

Der Dresdner App-Entwickler René Schulte hat die Videoszene mit der Straßenbahn und zahlreiche andere historische Aufnahmen nun genutzt, um an ihnen seine selbstgebaute Zeitmaschine auszuprobieren. Dafür nutzt der 39-Jährige verschiedene Modelle künstlicher Intelligenz und seine eigene App, die digitale Informationen mit realen Orten zusammenbringt - Stichwort "Augmented Reality".

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Zunächst wurden dafür die verwackelten Schwarz-weiß-Aufnahmen von 1936 über einen automatisierten Prozess über Wochen in einen hochauflösenden Farbfilm verwandelt. "Statt der ursprünglichen 15 Bilder pro Sekunde sind es nun 60 Bilder", sagt Schulte. "Das Ergebnis hat mich selbst beeindruckt."

Um die automatisierte Colorierung kümmerte sich ein Freund aus Amerika, Eddy Wu, der die Bearbeitung noch auf die Spitze trieb, indem er Soundeffekte hinzufügte. Bei ihm klingeln die Fahrräder von 1936, hupen die Autos und zwitschern die Vögel. "Diese Effekte sind allerdings umstritten, da sie keinen Bezug zur Realität haben", sagt René Schulte. Auch die Farben, so ehrlich müsse man sein, seien mit Sicherheit nicht historisch korrekt. "So exakt können sie auch gar nicht sein, da die künstliche Intelligenz nur das in Farben übersetzen kann, was sie von anderen Aufnahmen kennt."

René Schulte beschäftigt sich beruflich mit den digitalen Möglichkeiten technischer Innovationen.
René Schulte beschäftigt sich beruflich mit den digitalen Möglichkeiten technischer Innovationen. © privat

Die überarbeiteten Videos bringt Schulte in einem zweiten Schritt in Verbindung mit der Realität von heute. Dazu sucht er sich dieselben Orte und Perspektiven in der Stadt und setzt dort einen virtuellen Ankerpunkt. Mithilfe dieser Technologie kann er nun beide Welten übereinanderlegen und zu seinem Bild verschmelzen lassen. "Es fühlt sich fast so an, als würde man 1936 dort stehen oder in der Zeit zurückblicken", schwärmt er.

Auch der SLUB ist das Projekt nicht verborgen geblieben. "Das ist ein interessanter Weg, neue Zugänge zu dem historischen Material aufzuzeigen, das dennoch sichtbar bleibt", sagt Sprecher Martin Morgenstern.

Theoretisch könnte auch jeder andere Smartphone-Nutzer an dieser Stelle in der Stadt die virtuell verankerten Aufnahmen abrufen - doch noch wurde die App nicht veröffentlicht.

Die Bilder in seinen bearbeiteten Videos sind deutlich schärfer als im Original.
Die Bilder in seinen bearbeiteten Videos sind deutlich schärfer als im Original. © privat

Schulte studierte Medieninformatik an der HTW Dresden und arbeitet gerade im Homeoffice - gemeinsam mit fünf Kindern im Haus.

Beruflich beschäftigt er sich vor allem mit den digitalen Möglichkeiten technischer Innovationen. Seine "Time Machine Portals" sind eher nebenher entstanden und eines von vielen experimentellen Projekten, betont er. "Ich hoffe, dass die Entwicklung dieses Jahr weiter voranschreitet." Mitten in der Corona-Krise mit Lockdown und ohne Touristen gebe es für seine App kaum eine Verwendung.

Wenn sich künftig allerdings genug Menschen für die Idee begeistern, dann könnte sie womöglich schon bald jeden Stadtbummel zu einer kleinen Zeitreise machen.

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