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Als selbst Kinder eine Kirche bauten

Vor 70 Jahren begann das Gemeindeleben in der Bethlehemkirche Dresden. Trotz Corona erinnern Ortschronist Martin Kaden und Pfarrer Hasse erfinderisch daran.

Von Nadja Laske
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Zaungespräche: Der Tolkewitzer Ortschronist Martin Kaden (r.) und Pfarrer Hans-Peter Hasse kommen gern über die Entstehung der Bethlehemkirche in Tolkewitz ins Gespräch.
Zaungespräche: Der Tolkewitzer Ortschronist Martin Kaden (r.) und Pfarrer Hans-Peter Hasse kommen gern über die Entstehung der Bethlehemkirche in Tolkewitz ins Gespräch. © René Meinig

Dresden. Wenn Menschen wirklich etwas erreichen wollen, dann halten sie zusammen. Wie solch ein bürgerschaftliches Miteinander funktioniert, das haben vor mehr als 70 Jahren Tolkewitzer aller Generation gezeigt - in schwierigen Nachkriegsjahren, als jeder für sich genügend Gründe gehabt hätte, seine ganz privaten Herausforderungen in den Vordergrund zu rücken.

Kurz vor Weihnachten stellt Hans-Peter Hasse im Gemeindehaus der Bethlehemkirche ein Tablett auf den Tisch. Darauf liegen zwei Päckchen, der Form nach könnten sich Christstollen unterm Packpapier verbergen. Doch kein süßes Gebäck hat der Absender von einst verschickt. Christlich ist die Sendung aber auf jeden Fall.

Vorsichtig öffnet der Pfarrer eine der noch gut erhaltenen Verpackungen. Nägel kommen zum Vorschein. Unzählige Holznägel, silbrig glänzend, als seien sie eben erst frisch im Baumarkt gekauft. Doch in der Zeit, aus der sie stammen, gab es keine Baumärkte - und nicht genügend Nägel. Es gab fast nichts, was die Menschen zum Leben brauchten, vor allem kein Baumaterial.

"Liebespäckchen" aus dem Westen

Doch die Bewohner des Dresdner Stadtteils Tolkewitz hatten sich vorgenommen, eine Kirche zu bauen. Das Vorhaben im neu gegründeten sozialistischen Staat DDR mit Mangelwirtschaft wirkt heute noch aussichtslos. Doch die Gemeinde Tolkewitz hatte mit Walter Adam einen ebenso entschlossenen wie bestens vernetzten Pfarrer, dem der Wunsch der Menschen, für die er sich verantwortlich fühlte, ein enormer Antrieb war.

Darüber kann Pfarrer Hasse viel erzählen. Viel lieber aber gibt er das Wort an Martin Kaden, den er achtungsvoll "Ortschronist von Tolkewitz" nennt. Seit Anfang der 2000er Jahre sammelt er Dokumente, Fotos und Zeitzeugenberichte der Bewohner seines Viertels, hat eine Broschüre zur Historie herausgegeben und Ausstellungen vorbereitet.

Die jüngste kann derzeit jeder sehen, der zur Bethlehemkirche kommt oder auch nur an ihr vorübergeht. Rund 15 Meter lang erstreckt sich die aktuelle Ausstellung entlang des Zaunes und erzählt vom Bau der Kirche, der als der erste komplette Kirchneubau auf dem Territorium der DDR gilt.

Ein sogenanntes "Liebespäckchen": Solche Sachspenden kamen häufig aus dem Westen nach Dresden und sollten den Bau der Bethlehemkirche unterstützen.
Ein sogenanntes "Liebespäckchen": Solche Sachspenden kamen häufig aus dem Westen nach Dresden und sollten den Bau der Bethlehemkirche unterstützen. © René Meinig

"Eigentlich hätte das Gebäude erst errichtet werden dürfen, wenn die Finanzierung dafür gesichert ist", sagt Martin Kaden. Doch die Tolkewitzer hielten sich daran nicht und begannen, das Grundstück an der Marienberger Straße/Ecke Kipsdorfer Straße zu bebauen, während sie das nötige Geld noch sammelten.

Seit die Gemeinde Tolkewitz im 17. Jahrhundert nicht mehr zur alten Frauenkirche Dresden gehören durfte, sich aber immer weiter vergrößerte, war der Wunsch nach einem eigenen Kirchengebäude gewachsen. Zunächst fanden die Tolkewitzer Protestanten zusammen mit den Laubegastern und Leubenern Platz in der Himmelfahrtskirche. Doch allein sie zählten bald 7.000 Gemeindeglieder und bekamen schließlich Räumlichkeiten im erweiterten Schulgebäude der heutigen 44. Grundschule.

Die Nationalsozialisten verboten der oppositionellen Bekennenden Kirche die Nutzung jedoch. So mussten die Gläubigen ihre Gottesdienste in der Kapelle des Johannisfriedhofes abhalten. Auch der Besitzer der Baumschule Hauber bot in einem alten Pferdestall Raum für das Gemeindeleben an. In einem Schreiben mit der Bitte um Unterstützung des Kirchbaus berichtet Pfarrer Adam vom Leichengeruch, der in der Kapelle seine Gottesdienste begleitete. Auch die Kälte im umgewidmeten Pferdestall fand er unzumutbar.

Doch NS-Herrschaft und Weltkrieg verhinderten das Projekt, obwohl das Grundstück für die neue Kirche bereits gekauft war. Nach Kriegsende ging Pfarrer Walter Adam das Vorhaben erneut an und konnte sich auf die Kraft seiner Gemeinde verlassen. Mit einem groß angelegten Spendenaufruf schickte er die Menschen in die ganze Welt: Jeder, der im Ausland jemanden kannte, sollte um Unterstützung werben. Auch innerhalb der DDR wurde kräftig gesammelt - Geld und Sachspenden.

"Aus dem Westen Devisen zu übermitteln, das war nicht einfach. Deshalb half es mehr, wenn Unterstützer Werkzeuge und Materialien schickten", weiß Martin Kaden. Aus dieser Sammelaktion stammen auch die beiden Pakete voller Nägel. Unter den Gemeindegliedern wurden solche Zuwendungen "Liebespäckchen" genannt. Der Name bezog sich auf die Nächstenliebe, die damit deutlich wurde.

Warum die Tausenden Holznägel letztlich nicht benutzt und erst Jahrzehnte später bei einem Arbeitseinsatz entdeckt wurden, können weder der Ortschronist noch Pfarrer Hans-Peter Hasse sicher sagen. Sie vermuten jedoch, dass die Sendung entweder zu spät kam oder ungeeignet war. Für den Dachstuhl aus Metallgerüst und die gemauerten Kirchwände brauchte es eben nicht so viele Nägel.

Ziegel putzen, Steine schleppen

Umso schöner jedoch, dass die beiden Liebespäckchen auf diese Weise noch von einem immensen Zusammenhalt und Engagement erzählen können. Aber nicht nur sie und die vielen Hundert Fotos, die sich mittlerweile in Martin Kadens Archiv befinden. Die Tolkewitzerin Birgit Hase erinnert sich beispielweise noch daran, wie selbst sie und ihre Freunde als Kinder mitgeholfen haben, damit ihr Viertel eine eigene Kirche bekommt.

Heute ist Birgit Hase 81 Jahre alt. Als Elfjährige erfuhr sie in der Schule davon, dass die Stadtverwaltung die Kriegsruine eines Wohnhauses auf der Nagelstraße als Baumaterial freigegeben hatte. Nun wurden viele fleißige Hände gebraucht, um die Ziegel zu säubern und an Ort und Stelle zu bringen. In ihren Erinnerungen beschreibt sie, wie die Schulkinder Ziegel putzen, auf einen Leiterwagen luden und zum Kirchgrundstück fuhren. "Sie wurden für die Grundmauern gebraucht... Die Eltern sorgten sich bei diesem Unternehmen um die damals kostbaren Leiterwagen." Sie waren die einzigen Hilfsmittel, um Kartoffeln und Kohlen zu transportieren. Doch die Kinder gingen mit Begeisterung ans Werk, hatten ihre Freude - und die Gemeinde bald eine Heimat.

Noch bis zum 6. Januar hängt die Ausstellung aus historischen Fotos und Schilderungen zum Kirchenbau am Zaun der Bethlehemkirche in Tolkewitz. Festgottesdienst, Vorträge, Führungen und Feiern anlässlich des Jubiläums können coronabedingt nicht stattfinden. Doch die Schau unter freiem Himmel lädt dazu ein, ein besonderes Ereignis zu rekapitulieren und ins Gespräch darüber zu kommen. Weitere Informationen gibt es auch im Internet.