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"Es gab diesen Punkt, an dem ich nicht mehr konnte"

Als Alleinerziehende kämpfte sich die Dresdnerin Janine Stitterich durch die Corona-Zeit. Mehr Kraft, als der Alltag mit Kind, kostete der Kampf mit den Behörden.

Jeanine Stitterich zieht ihren Sohn Elmar allein auf und versucht, mit ihren Kräften zu haushalten.
Jeanine Stitterich zieht ihren Sohn Elmar allein auf und versucht, mit ihren Kräften zu haushalten. © Sven Ellger

Dresden. Viele Angestellte haben das Homeoffice in den vergangenen Monaten lieben gelernt. Diese Freiheit, diese Flexibilität. Auch Jeanine Stitterich versuchte es mit der Arbeit von zu Hause aus, allerdings nicht lange. "Ein Tag hat mir gereicht", sagt die 30-Jährige, die zusammen mit ihrem zweijährigen Sohn Elmar in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Coschütz lebt.

Seit vergangenem Dezember geht Elmar in den Kindergarten, doch schnell wurde er krank und Jeanine versuchte, mit ihm im Homeoffice zwei kurze Online-Meetings über die Bühne zu bekommen. Seit diesem Tag ist klar: Wenn die leitende Ergotherapeutin bei der Gesop, einem freien Träger der Sozialpsychiatrie, zum Dienst antritt, dann ohne Elmar. Ihren Arbeitgeber lobt sie dennoch in höchsten Tönen. An ihm liege es am wenigsten, wenn bei ihr die Kräfte schwinden.

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Seit ihr "Zwerg Nase", wie Elmar liebevoll nennt, auf eigenen Beinen die Welt erkundet, ist er in seinem Entdeckerdrang kaum zu bremsen. Mit seinen stattlichen 14 Kilogramm und der blondgelockten Mähne sieht Elmar deutlich älter aus, als er ist. "Er lässt mich nicht an seine Haare", sagt die Mutter mit einem vielsagenden Lächeln. "Waschen geht noch gerade so, aber Schneiden gar nicht." Ansonsten kommen die beiden aber gut klar miteinander und wissen, was sie aneinander haben.

Zweifel und Vaterschaftstest

Jeanine ist in Döbeln aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach dem Tod ihrer Eltern 2016 zog sie nach Dresden. Einer ihrer älteren Brüder lebt heute in ihrem Geburtshaus in Döbeln, der andere in Leipzig. 2018 lernte Jeanine in Dresden einen jungen Mann kennen. Sie wurde schwanger und zunächst entschieden sich beide gemeinsam für das Kind.

"Als ich im vierten Monat war, änderte er jedoch seine Meinung und ließ mich allein", sagt sie. Mehr noch: Auf einmal habe ihr Ex-Partner daran gezweifelt, dass er überhaupt der Vater sei und einen Vaterschaftstest verlangt. All das habe Jeanine so mitgenommen, dass sie ab der 28. Woche vorzeitige Wehen hatte und bis zur 35. Woche im Bett liegen musste.

An ein Genießen der Schwangerschaft war unter diesen Umständen nicht zu denken. Nach Elmars Geburt im November 2019 gingen die Konflikte weiter. Der Vater wollte nicht so zahlen, wie er sollte. Anwälte kamen ins Spiel und am Ende setzte sich die Mutter doch durch. "Ich bin ein sehr dominanter Mensch und nicht auf den Mund gefallen."

Früher nahm Jeanine regelmäßig an Springreitturnieren teil.
Früher nahm Jeanine regelmäßig an Springreitturnieren teil. © privat

Zum Ärger mit dem Vater kam der Ärger mit den Ämtern. Damals wohnte Jeanine noch gemeinsam mit einem Medizinstudenten in einer WG und wollte dort auch gern bleiben. "Allerdings wurde mir der Status als Alleinerziehende verwehrt, sodass ich gezwungen war, mit einem zwei Monate alten Baby umzuziehen."

Wochenlang kämpfte sie um das Wohngeld, der Kinderbonus sei ihr verwehrt worden, weil sie zwei Euro über der Grenze lag. "Der Kampf mit den Behörden in Dresden hat mich letztlich mehr Kraft gekostet, als der Alltag als alleinerziehende Mutter."

Durch all den Stress habe sie nicht Stillen können. "Nach drei Monaten gab ich frustriert auf, sagt sie. "Heute ist es okay für mich."

Über das "Wellcome"-Projekt von Malwina, einem Träger der Jugendhilfe in Dresden, wurde sie über einen Zeitraum von drei Monaten von einer Studentin unterstützt. Hilfe bekam sie auch über das Frauenförderwerk Dresden, das sich mit seiner Arbeit für die Gleichstellung von Frauen und Mädchen in der Gesellschaft und die Verbesserung der sozialen und beruflichen Situation von Frauen einsetzt.

Hilfe aus der Nachbarschaft

Gern wäre sie etwas länger als 14 Monate mit Elmar zu Hause geblieben, sagt Jeanine, aber das war finanziell nicht drin. Außerdem freute sie sich auch wieder auf die Arbeit, die Abwechslung, die Luftveränderung.

Ein Kind ohne Papa aufzuziehen, das bedeute, dass man abends nicht mal einfach ausgehen oder sich Zeit für sich selbst nehmen könne. "Und nach einer miesen Nacht mit vier Stunden Schlaf ist auch niemand da, der einem morgens den Rücken freihält."

Neben den Aufgaben rund ums Kind ist Jeanine allein fürs Putzen, die Wäsche und die Versorgung der Katzen Frieda und Hilda verantwortlich. In der Corona-Lockdownzeit stieg die Belastung jedoch über jedes Maß hinaus, das auf Dauer auszuhalten gewesen wäre. "Es gab diesen Punkt, an dem ich auf der Couch saß und einfach nicht mehr konnte."

Nana, die Mutter einer Bekannten aus der Nachbarschaft, sei inzwischen zu ihrer wichtigsten Unterstützung geworden, sagt sie. Sie übernehme Elmar auch mal, damit Jeanine einkaufen gehen oder andere Wege erledigen kann. Dank Babyfone und einer prima Hausgemeinschaft habe sie abends auch mal jemandem zum Quatschen.

Endlich wieder Reiten

Seit kurzem zeige zudem Elmars Vater zum ersten Mal Interesse an seinem Kind. Alle zwei Wochen verbringe der Junge nun eine Nacht bei ihm. "Ich darf den Umgang nicht verbieten. Ich wäre ja auch dumm, das zu tun", sagt sie. Sie wolle nicht, dass Elmar ihr eines Tages vorwirft, sie habe ihm den Papa vorenthalten.

Die nun gewonnenen kleinen Freiräume nutzt Jeanine unter anderem, um wieder zweimal in der Woche Reiten zu gehen. Früher hatte sie eigene Pferde und nahm lange Zeit an Reitturnieren teil. Das letzte Pferd verkaufte sie vor vier Jahren. Nun hat sie sich für eine günstigere Reitbeteiligung entschieden.

Obgleich auch ihre Tage nur 24 Stunden haben, hat sich die Dresdnerin in den vergangenen Monaten ein zweites berufliches Standbein aufgebaut. Sie näht nun Stoffwindeln und Babykleidung und verkauft sie unter der Marke "NinElmar" über das Internet. Im Mai ging der Shop online. Zurzeit käme dadurch immerhin schon ein zusätzliches Taschengeld rein, das direkt auf Elmars Sparkonto fließe.

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Vor wenigen Wochen hat Jeanine das Zimmer ihres Sohnes neu gestrichen. Allein. Nun strahlt der Raum in hellem Blau. Einen neuen Partner hat sie sich bislang nicht ins Haus geholt. "Ich lege es nicht darauf an", sagt sie, "aber ich kann es mir immerhin so langsam wieder vorstellen".

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