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Bauer Kühne: "Etwas anderes kam für mich nie infrage"

Vor einem Jahr übernahm Marcus Kühne den Familienbetrieb in Altomsewitz von seinem Vater. Acht-Stunden-Arbeitstage kennt er nicht.

Von Henry Berndt
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Marcus Kühne hat die Führung des Familien-Bauernhofs von seinem Vater Steffen übernommen.
Marcus Kühne hat die Führung des Familien-Bauernhofs von seinem Vater Steffen übernommen. © Sven Ellger

Dresden. Einen Erlebnisbauernhof sucht man hier vergebens. Daran ändern auch die zwei Rhesusaffen im Käfig vor dem Eingangstor und die Sattelschaukel nichts. Der Alltag im Schlachthaus hinter dem Hofladen taugt eher nicht für einen Kindergeburtstag.

Zwischen fünf und sieben Schweine schlachtet Marcus Kühne pro Woche. Je nach Vorbestellungen mehr fettigere für die Leberwurst oder magere für das Ladenfleisch. Am Montag kommen die Schweine auf den Hänger. "Über Nacht beruhigen sich die Tiere dann", erklärt der 34-jährige Bauer. Das soll am Ende dem Geschmack zugutekommen. Am Dienstagmorgen fallen sie nach Kontakt mit der Stromzange um.

Rund 150 Schweine grunzen in dem nach der Wende gebauten halboffenen Stall. Obwohl das Schweinefleisch noch immer den größten Teil im Verkauf ausmacht, sind Rindfleisch und Geflügel immer mehr gefragt. Seine ersten Hühner hat Marcus Kühne unter Omas Anleitung im Alter von zehn Jahren geköpft, wenn andere Kinder putzige Meerschweinchen umsorgen. So sei das nun mal in einer Bauernfamilie, sagt er.

Der Duft von Schinken und Salami ist im Hofladen von Marcus Kühne allgegenwärtig.
Der Duft von Schinken und Salami ist im Hofladen von Marcus Kühne allgegenwärtig. © Sven Ellger

Die Wurzeln des Drei-Seiten-Hofes in Altomsewitz reichen bis in 16. Jahrhundert zurück. Im Jahr 1920 übernahm ihn Max Rudolf Kühne, nachdem er aus dem Ersten Weltkrieg heimgekommen war. Lange Zeit standen der Obst- und Ackerbau im Mittelpunkt. Tiere wurden nur für den Eigenbedarf gehalten.

Mit der Zeit wuchs der Betrieb und wurde erst durch die Enteignung des Ackerlandes zu DDR-Zeiten ausgebremst. Nach dem Tod von Hans-Christian Kühne 1970 schlug die Stunde seiner Söhne Steffen und Hans-Bodo, die bis zur Wende mit in der Produktionsgenossenschaft arbeiteten.

Nach der Wende diente der Anbau von Weizen und Gerste als Futter für die schnell wachsende Schweinezucht. Von der Aufzucht der Ferkel bis zur verkaufsfertigen Wurst wurde nun alles auf dem rund fünf Hektar großen Hofgelände erledigt - und so ist es bis heute geblieben.

"Mit 16 kannst du alles"

Seit 2004 führen die beiden Brüder getrennte Betriebe mit getrennten Läden. 2008 baute sich Steffen Kühne ein neues Schlachthaus im linken Hofteil.

"Es war schon lange klar, dass ich den Betrieb irgendwann übernehmen würde", sagt Sohn Marcus. "Etwas anderes kam für mich nie infrage." Dennoch entschied er sich einst bewusst gegen die scheinbar naheliegende Ausbildung zum Landwirt. "Wenn du auf einem Bauernhof aufwächst, dann kannst du spätestens mit 16 alles", sagt er. Vorausschauend ließ er sich daher lieber zum Hoch- und Tiefbauer ausbilden und arbeitete später jahrelang in der Drucklufttechnik.

"Das bedeutete für mich, dass ich praktisch zwei Jobs hatte." Nach dem ersten Arbeitstag ging es daheim im Stall und auf dem Feld weiter. Erst seit vergangenem Jahr kann sich Marcus Kühne ganz auf die Hofarbeit konzentrieren. Im Sommer 2020 übergab ihm sein Vater offiziell die Geschäfte. Der Rücken und die Knie zwickten. Außerdem habe der Senior keine Lust mehr auf die ganze Bürokratie gehabt.

Die Legehennen haben in einem alten Gewächshaus ihr neues Zuhause gefunden.
Die Legehennen haben in einem alten Gewächshaus ihr neues Zuhause gefunden. © Sven Ellger

"Natürlich ist er immer noch voll mit dabei", sagt Marcus, der nun seine Eltern als Angestellte beschäftigt. Während sich sein Vater um die Gärtnerei kümmert und die Tiere füttert, schmeißt die Mutter den Laden, der mittwochs bis freitags ganztägig und samstags bis zum Mittag geöffnet ist.

Rund um die Uhr können die Kunden Wurst und Eier am Automaten kaufen, der täglich neu befüllt wird. Zwei weitere Automaten gibt es inzwischen an der Straße Freiheit am anderen Ende des Betriebsgeländes sowie in Mühlbach im Landkreis Mittelsachsen, wo Schwester Dana wohnt. "Die Automaten sind für uns sehr viel wirtschaftlicher", sagt Marcus Kühne. Die Rechnung sei ganz einfach: Wer im Laden stehe, der fehle woanders.

Und Ausfälle kann sich die Familie kaum leisten. Gerade in der Corona-Zeit wurde es durch den Wegfall der traditionellen Hoffeste wirtschaftlich enger. Mitarbeiter von außerhalb gibt es auf dem Bauernhof nicht. Das bedeutet auch, dass Marcus Kühne nicht nur als Landwirt gebraucht wird. Erst vergangene Woche habe es den großen Traktor entschärft. Für Handwerker ist kein Geld da, also müsse er selbst als Mechaniker ran.

Sonntags ist Familientag - theoretisch

Außerdem ist er natürlich Fleischer. Dienstags 4.30 Uhr beginnt sein Arbeitstag im Schlachthaus. Ab mittags wird zerlegt. Mittwochs wird dann von 4 Uhr morgens bis abends 21 Uhr Wurst produziert. "Leberwurst und Blutwurst sind die Spezialität meines Vaters", sagt Marcus Kühne. Knacker und Wiener übernimmt er selbst.

Trotz des gewaltigen Pensums soll auch seine Familie nicht zu kurz kommen. Mit Ehefrau Denise hat er zwei kleine Kinder. Laura ist vier, Lucas wird bald zwei. "Brumm, brumm", sagt der Kleine, nachdem er mit Opa Steffen Traktor gefahren ist - eine seiner Lieblingsbeschäftigungen.

Sonntags ist im Hause Kühne Familientag - zumindest theoretisch. Wenn die Schweine über Nacht mal wieder die Tränke abgerissen haben, dann ist der Papa schnell wieder bis mittags beschäftigt.

Viele der Gänse auf dem Hof sind schon für Weihnachten vorbestellt.
Viele der Gänse auf dem Hof sind schon für Weihnachten vorbestellt. © Sven Ellger

Marcus Kühne hofft, dass eines Tages auch seine Kinder den Betrieb weiterführen werden, wenngleich er sich bewusst ist, dass es sicher nicht einfacher werden wird. "Erzwingen kann man das nicht", sagt er.

Bis auf Weiteres wird er in Altomsewitz ein Bauernleben leben, das im Dresdner Stadtgebiet selten geworden ist. Vor fünf Jahren hat die Familie das Gelände einer alten Gärtnerei an der Freiheit übernommen und das frühere Heizhaus zum Alterssitz für die Eltern ausgebaut. In einem alten Gewächshaus erledigen jetzt Legehennen verlässlich ihre Aufgabe. Die ersten Gänse- und Entenbestellungen für Weihnachten gibt es auch schon. Bald will der Sohn anfangen, einen neuen Rinderstall zu bauen. Ohne Baufirma, dafür mit ein paar Kumpels. Das darf dann auch mal zwei Jahre dauern.