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"Das war ein erschütternder Anblick"

Eine junge Dresdnerin betreut in Beirut behinderte Menschen, liefert Hilfspakete aus, räumt Schutt aus zerstörten Häusern. Angst wäre ein schlechter Begleiter.

Zusammen essen, malen, singen oder einfach nur da sein: Manchmal sei die bloße Nähe für die behinderten Menschen im Beiruter Heim das Wichtigste der Welt, sagt Eleni Striefler (r.).
Zusammen essen, malen, singen oder einfach nur da sein: Manchmal sei die bloße Nähe für die behinderten Menschen im Beiruter Heim das Wichtigste der Welt, sagt Eleni Striefler (r.). © privat

Dresden. Eine innere Stimme hatte das Wörtchen "wenn" diktiert. Wenn nichts dazwischen kommt, könnte Eleni telefonieren. Dann würde sie von ihrem Leben in Beirut erzählen. Warum sie dort ist, was sie tut, erlebt und fühlt.

Aber es passiert, was die 19-Jährige schon geahnt hat. Das Wenn wird Wirklichkeit, und das geplante Gespräch muss warten. Denn Eleni Striefler und die anderen sieben jungen Frauen und Männer aus Deutschland werden zu einem Einsatz gerufen - plötzlich und dringend wie immer, wenn eine Ladung Hilfsgüter eintrifft. "Wir müssen Essen und Hygieneartikel verteilen", schreibt sie am Mittag eilig nach Dresden. Vor dem frühen Abend werde sie nicht fertig sein.

Als die Abiturientin Mitte September nach Vorderasien aufbricht, hat sie eine Entscheidung getroffen, die auch die gewaltige Explosion vom 4. August im Beiruter Hafen nicht zurückschleudern kann: Eleni will Teil des Libanon-Projektes "Caravan" der Gemeinschaft Junger Malteser sein - ganz gleich wie schwierig die Lage vor Ort auch sein mag. "Mein Vater hat mich sehr ernst gefragt, ob ich an meinem Plan festhalte, und ich habe ihm geantwortet: Jetzt erst recht." 

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Eleni kümmert sich fürsorglich um eine Heimbewohnerin. Sie und ihre Kollegen nennen die behinderten Menschen lieber Gäste und behandeln sie entsprechend.
Eleni kümmert sich fürsorglich um eine Heimbewohnerin. Sie und ihre Kollegen nennen die behinderten Menschen lieber Gäste und behandeln sie entsprechend. ©  privat

Auch die Ängste ihrer Mutter schmerzen Eleni, als wäre der Abschied gestern gewesen. "Aber ich habe mich hier noch zu keinem Zeitpunkt unsicher oder bedroht gefühlt", sagt sie. Alle Menschen, die das Projekt organisieren und betreuen, sorgen dafür, dass diese jungen Leute das tun können, weshalb sie gekommen sind - Beistand leisten, Seelen berühren, Nächstenliebe leben und den Gedanken der Anteilnahme weitertragen.

"Dort herrschen prekäre Strukturen"

Auch Anpacken gehört dazu. So wie an jenem Tag, als das deutsche Malteser-Team der Ruf erreicht, dass dringend 40 Nahrungsmittel- und 40 Hygieneartikelpakete in einem der ärmsten Viertel der Stadt ausgeliefert werden müssen. Ursprünglich kümmern sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Libanon-Projekt um behinderte Menschen, die in Heimen leben. 

"In diesen Heimen herrschen sehr prekäre Strukturen", beschreibt Wiebke Waltemathe vom Malteser Hilfsdienst die Situation. Vor allem fehle es an Mitarbeitern, die sich über die lebensnotwendige Versorgung der Heimbewohner hinaus um sie kümmern können, weiß Eleni Striefler. 

Ihre Aufgabe ist es, Zeit mit den schwer geistig behinderten Menschen zu verbringen, ihnen menschliche Zuwendung und Wärme zu geben. "Wir malen, basteln, singen und unternehmen Ausflüge zusammen. Manchmal ist es das Wichtigste der Welt, einfach nur da zu sein."

Doch Corona wirkt sich auch im Libanon schwer auf das gesellschaftliche Leben aus. "Wir durften lange die Heime nicht betreten", erzählt Eleni. Das sei schwer auszuhalten gewesen, weil sie doch weiß, wie sehr die Ordensschwestern vor Ort auf Unterstützung angewiesen sind und nun an die Grenzen ihrer Kräfte gerieten. 

"Alle Menschen wollen sich mitteilen"

Die Kraft der deutschen Helfer aber wird an vielen weiteren Stellen dringend gebraucht, wie eben zum Beispiel von den Aktivisten von "Boxes for Beirut", die besagte Hilfspakete mit Essen, Medikamenten und Hygieneprodukten für Betroffene schnüren, die durch die schwere Explosion ihre Häuser und Wohnungen verloren haben.

Zur Unterstützung einer Nichtregierungsorganisation greift das Malteser-Team auch zu Schippe und Besen und beräumt Schutt. Der liegt zum Teil noch kniehoch in den Gebäuden, die im Radius der mächtigen Druckwelle gestanden hatten und verwüstet wurden. 

"Helfer haben uns erzählt, dass sie wochenlang nur Glasscherben aus den Gebäuden abtransportiert haben", erzählt Eleni. Und immer noch räumen sie und ihre Freunde Bauschutt weg. "Egal, wohin wir kommen, alle Menschen wollen sich mitteilen. Sie berichten, wie sie den Tag des Unglücks erlebt haben, und sie sind wütend auf ihre Regierung, der sie die Schuld daran geben."

Insgesamt kümmern sich acht Junge Malteser um geistig behinderte Menschen in Beirut und sind in Camps eins zu eins für sie da. An so viel Zuwendung ist ohne sie nicht zu denken.
Insgesamt kümmern sich acht Junge Malteser um geistig behinderte Menschen in Beirut und sind in Camps eins zu eins für sie da. An so viel Zuwendung ist ohne sie nicht zu denken. ©  privat

Das berührt Eleni ganz besonders: Trauer, Verlust und Entbehrung zeichnet die Opfer der Explosion. Sie suchen den menschlichen Austausch, um ihr Erleben zu teilen und zu verarbeiten. "Es gibt in Beirut keinen, wirklich keinen Menschen, der nicht erzählt, wo er im Moment der Detonation gewesen ist."

Eleni war zu der Zeit auf Reisen. Das Abitur lag hinter ihr, die Zusagen für ihren Einsatz im Libanon hatte sie in der Tasche. Da erreichten sie die ersten Bilder aus Beirut. Wenige Wochen später fuhr sie selbst am Hafen entlang. "Das war ein erschütternder Anblick." Auf eine politisch instabile Lage wurden die Jugendlichen vorbereitet. Nun spitzte sie sich zu.

"Als Teenager hatte ich Zweifel"

Zu all diesem Erleben hat Eleni ein weiter Weg geführt. Sie wusste zwar, dass sie sich nach dem Abi nützlich in der Welt machen wollte. Doch das Richtige zu finden, war nicht ganz leicht. So viele Hilfsorganisationen brauchen Unterstützung in so vielen Bereichen.

"Mein Vater ist Ordensritter und auch viele Familienmitglieder und Freunde sind im  Orden aktiv", erzählt sie. Nicht zuletzt durch ihren Bruder, Teil der Gemeinschaft Junger Malteser, wusste sie, dass der katholische Orden in der ganzen Welt wirkt. "In meiner Familie spielte Religion immer eine wichtige Rolle, aber ich selbst hatte als Teenager Zweifel an den selbstverständlichen Ritualen", erinnert sich Eleni. 

Schließlich lernte sie andere junge Leute kennen, die den Glauben auf ihre ganz eigene Weise verstanden, lebten und miteinander besprachen. "Das war neu für mich und hat mich tief beeindruckt." 

Das Internationale Malteser Sommercamp, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung aus aller Welt für eine Woche zusammenkommen, wurde zu einem weiteren Schlüsselerlebnis: "Ich kannte das Camp zwar durch meinen Bruder, hatte aber zunächst die Sorge, dass ich dort irgendwie fehl am Platz sein und den behinderten Menschen nicht wirklich gerecht werden könnte", erinnert sie sich. Doch sie nahm teil, und ihre Unsicherheit verschwand rasch beim täglichen Beisammensein. 

Im Camp war Eleni Ansprechpartnerin für das libanesische Team. "Ich habe es als das lustigste und interessierteste Team von allen erlebt. Es strahlte eine riesige Lebensfreude aus." Der Weg zum Junge-Malteser-Projekt Caravan war damit ein logischer Schluss. Insgesamt zehn Monate ihres Lebens widmet Eleni nun dieser Aufgabe und hat gefunden, was sie suchte: die Verbindung von Wirklichkeitssinn und Nächstenliebe zu etwas Bleibendem für sich und andere. 

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