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Jumbo-Puzzle der Dresdner Musik

Christoph Münch hat auf der Suche nach Zeugnissen der Dresdner Musik-Geschichte jeden Stein umgedreht. Nun führt er seine Leser zu 500 klangvollen Orten.

Beinahe in jede Richtung kann sich der Autor Christoph Münch von der Dachterrasse des Hauses der Presse wenden, um seine Entdeckungen zu zeigen.
Beinahe in jede Richtung kann sich der Autor Christoph Münch von der Dachterrasse des Hauses der Presse wenden, um seine Entdeckungen zu zeigen. © Sven Ellger

Dresden. Bei seinem Besuch im Haus der Presse ist Christoph Münch ganz nah dran an einem seiner 500 Orte der Musik in Dresden. Eigentlich sogar mittendrin. Denn dort, wo jetzt Zeitung gemacht wird, stand früher das Prinz-Max-Palais.

Es wurde 1742 für den Bauherrn Gaetano Chiaveri errichtet. "Später zog Maximilian von Sachsen dort ein und noch später entstanden darin Wohnungen für Musiker der Sächsischen Staatskapelle", sagt Christoph Münch.

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Das Frühjahr wird oft zum Abspecken und für Diäten genutzt. Doch wer nachhaltig fit und gesund bleiben möchte, sollte auf eine andere Strategie setzen.

Das Schlösschen, an dessen Stelle nun ein Elfgeschosser steht und von dessen Dachterrasse aus der Musikwissenschaftler über Dächer, Türme und Brücken blicken kann, ist das beste Beispiel für seine Arbeit: Auf 624 Seiten seines neuen Buches nimmt er Musikfreunde mit zu all den Zeugen des musikalischen Lebens der Stadt - sichtbaren und unsichtbaren, verschütt gegangenen, vergessenen und eben auch überbauten.

Sechs Jahre lang hat der 47-Jährige nach ihnen gesucht und sein Mammutwerk um jeden einzelnen Fund ergänzt, bis es druckreif, wenn auch nicht vollständig war. Denn während sich Laien kaum vorstellen können, dass sich in Dresden und Umgebung dermaßen viele musikalische Entdeckungen machen lassen, weiß der Autor: Es gibt ganz sicher noch mehr.

Auf der Suche im Vatikan

Das Forschen gehört zu Christoph Münchs besonderen Begabungen. Hier und da nichts Offensichtliches zu erkennen, heißt für ihn keineswegs, dass nichts da ist. Geboren in Frankfurt am Mai und aufgewachsen im südhessischen Lorsch, gehörte Musik von Kindheit an zu seinem Leben. "Meine Mutter war nebenberuflich Organistin, und auch ich habe als Schüler drei Jahre lang die Orgel-Ausbildung durchlaufen", erzählt er.

Obwohl Christoph Münch neben der Orgel auch Klavier und Querflöte zu spielen gelernt und als Junge im Knabenchor gesungen hatte, reizte ihn kein Musikstudium. "Ich konnte meine Stärken und Schwächen recht gut einschätzen und wusste, was ich noch besser verstehe, als selbst zu musizieren", sagt er.

Also ging er zum Studium der Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik nach Heidelberg. Schon daheim in Lorsch war er der Musik seiner Stadt und Region immer auf der Spur gewesen. "Wenn unser Chorleiter neue Stücke mitbrachte, hat mich mehr interessiert, wie sie entstanden sind, wer sie geschrieben hat, warum und unter welchen Umständen."

Solche Recherchen brachten ihn von Einem zum Nächsten und führten ihn immer tiefer in die Musikgeschichte hinein. "Meine Stadt Lorsch ist zwar bekannt für ihr Kloster und das Weltkulturerbe. Aber es gibt darüber hinaus ganz wenige historische Orte, die heute noch sichtbar sind." Es habe ihn sehr gereizt, das Unsichtbare zu ergründen.

Auf 624 Seiten seines neuen Buches nimmt Christoph Münch Musikfreunde mit zu all den Zeugen des musikalischen Lebens der Stadt Dresden.
Auf 624 Seiten seines neuen Buches nimmt Christoph Münch Musikfreunde mit zu all den Zeugen des musikalischen Lebens der Stadt Dresden. © Sven Ellger

Tatsächlich fand er Namen, Werke, Biografien, Ereignisse, die zu seiner Heimatstadt gehören. Noch tiefgründiger und umfangreicher beschäftigte sich Christoph Münch in seiner Magisterarbeit zum Abschluss des Studiums mit dem, was in Lorsch begann und in die Welt hinaus wirkte. Musikalische Schriften waren im Laufe der Jahrhunderte von der Reichsabtei im Hessischen bis in den Vatikan gelangt. Dort forschte er am Päpstlichen Institut für Kirchenmusik und an der Vatikanischen Bibliothek in Rom.

Es kann das Stück einer alten Mauer sein, die zwischen Häuserzeilen beginnt und in der Erde verschwindet. Oder ein schmiedeeiserner Zaun, ein Grabstein, ein Portal. Unscheinbar Verbliebenes, dessen Geschichten Christoph Münch nun auch von Dresden erzählt. "Dresden ist weithin bekannt als die Kunststadt. Jederzeit kann man sich davon in den Kunstsammlungen überzeugen. Aber Dresden ist auch eine bedeutende Musikstadt", sagt Münch.

Anders als mit ihrer bildenden Kunst müsse sich Dresden mit seiner musikalischen Historie immer wieder neu beweisen - durch Konzerte, Opern und Chorauftritte. Werke, die dem Vergessen entrissen bleiben sollen, müssen regelmäßig zu Gehör und ins Bewusstsein gebracht werden. Sonst verschwinden sie.

Liebeserklärung an Dresden

Zwar kann im Moment niemand die Galerien und Museen besuchen, genau so wenig wie musikalischen Aufführungen folgen. Doch Christoph Münchs Entdeckungen sind immer da. Wer seinem Verzeichnis der 500 Orte der Musik durch Dresden folgt, kann sie jederzeit sehen und erfahren, was es mit ihnen auf sich hat: Das Leben, Lieben, Leiden von Komponisten, ihrer Musiker und Sänger, deren Auftraggeber und Mäzenen, Lehrer, Familien. Rund 1.600 Namen finden sich in seiner Enzyklopädie.

Seit 27 Jahren lebt Christoph Münch in Dresden. Als Schüler hatte er die Stadt Mitte der 80er-Jahre zum ersten Mal besucht. Als sich die Demonstrationen auf dem Weg zur Wende formierten, bekam er als Gast aus dem Westen die Aufbruchsstimmung hautnah mit. Und als etliche Jahre später die städtische Tourismusorganisation, später Dresden Marketing GmbH, eine Stelle ausschrieb, war das seine Chance.

Nun hat er seiner gar nicht mehr neuen Heimat in geduldiger Freizeitmühe eine Liebeserklärung gewidmet. Corona habe die Leidenschaft zum Puzzeln neu entfacht, heißt es. Mit Christoph Münchs Buch lassen sich daheim auf der Couch oder in frischer Luft und Bewegung 500 Puzzleteile zur Musikstadt Dresden zusammensetzten.

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