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Dresdner Bürger machen gegen Bordellbau Ernst

Anwohner in Alttorna sorgen sich um den Frieden in ihrem Viertel. Sie gründen eine Interessengemeinschaft, die ihresgleichen sucht.

In Dresden-Alttorna befürchten Bürger, dass mit einem neugebauten Bordell auch Kriminalität in ihr Viertel einziehen könnte. Sopranistin Ingeborg Schöpf hat den Protest mit organisiert.
In Dresden-Alttorna befürchten Bürger, dass mit einem neugebauten Bordell auch Kriminalität in ihr Viertel einziehen könnte. Sopranistin Ingeborg Schöpf hat den Protest mit organisiert. © Sven Ellger

Dresden. Das gibt es nicht oft. Findet Jurist Henrik Karch. Der Rechtsanwalt für Verwaltungsrecht vertritt eine neue Interessengemeinschaft, die sich gerade gründet. Genauer gesagt: Seine Mandanten sind eine gute Handvoll Dresdner Bürger aus dem Stadtteil Alttorna, wo gerade ein Bordell entsteht.

Erst durch einen Beitrag im Dresdner Amtsblatt, in dem die Stadtverwaltung Dresden Pläne, Beschlüsse und Ausschreibungen veröffentlicht, sind die Bewohner darauf aufmerksam geworden, dass vor ihrer Nase künftig käuflicher Sex zu haben sein soll. Das hat viele von ihnen empört - sowohl die Tatsache, dass sie darüber nicht früher informiert wurden, als auch die Sache an sich.

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"Es haben sich 20 bis 25 Anwohner aus der unmittelbaren und weiteren Nachbarschaft zusammengetan", sagt Rechtsanwalt Karch. Nur diejenigen, die direkt betroffen sind, weil ihre Grundstücke in Sichtweite des neuen Etablissements liegen, können sich als sogenannte Widerspruchsführer juristisch wehren. Alle anderen sind als eine Art Nebenkläger Unterstützer des Widerspruchs.

Prostitution vorm Gartenzaun

Wirklich bemerkenswert findet Karch den Zusammenschluss der Bürger. Zu so viel Schulterschluss komme es eher selten - wie im großen Stil aufgrund des Baus der Waldschlösschenbrücke und aktuell unter Gastronomen wegen des Poller-Parkverbotes unterhalb des Schillergartens.

Viele der Tornaer, die sich nun wehren, leben als Familien mit Kindern im Viertel. Einige hätten - käme es dazu - von ihren Terrassen und Balkonen aus Blick auf das Grundstück, auf dem laut Amtsblatt gerade ein ehemaliges Bürogebäude zu einem "Stundenhotel mit Bordellbetrieb" ausgebaut wird. Es soll 26 Zimmer haben und einen gastronomischen Bereich mit 32 Plätzen. Kinder gingen auf ihrem Schulweg daran vorbei und Freier führen die halbe Nacht vor den Gartenzäunen der Anwohner hin und her. Das geht ihnen zu weit.

Die Baugenehmigung selbst wurde bereits vor gut zwei Jahren erteilt. Darüber informierte das Amt allerdings nur die Nachbarn, deren Grundstücke links und rechts angrenzen. Das betrifft jedoch keine Privatpersonen, sondern Firmen, die dort ihren Sitz haben. Vermutlich deshalb blieb das Vorhaben im Verborgenen. Erst als die Gastplätze der "Prostitutionsstätte" wie es auf Amtsdeutsch heißt, von ursprünglich 16 auf nun 32 erweitert werden sollten und dies einer baurechtlichen Genehmigung bedurfte, fand sich eine entsprechende Information im Amtsblatt.

Furcht vorm Rotlichtmilieu

"Wir haben wirklich große Sorge, dass ein solches Etablissement automatisch Kriminalität in unseren Stadtteil bringt", sagt Ingeborg Schöpf. Sie ist eine Gegnerin der ersten Stunde und will sich die Pufferöffnung keinesfalls gefallen lassen. In der Nachbarschaft hat sie rasch Verbündete gefunden und den Protest mit organisiert. Das bringt ihr nicht nur Freunde ein. Das Nachbarschaftsportal nebenan.de bietet Raum für Solidarisierung, aber auch für Kritik. "Das finde ich in Ordnung", sagt die Sopranistin der Staatsoperette Dresden. Mit Gehässigkeiten, die bei öffentlichen Diskussionen leider nicht ausbleiben, befasse sie sich nicht.

"Wir haben wirklich große Sorge, dass ein solches Etablissement automatisch Kriminalität in unseren Stadtteil bringt", sagen Anwohner.
"Wir haben wirklich große Sorge, dass ein solches Etablissement automatisch Kriminalität in unseren Stadtteil bringt", sagen Anwohner. © dpa

Gewalt, Waffen- und Drogengeschäfte, Geldwäsche und vor allem Menschenhandel befürchten die Mitglieder der Interessengemeinschaft. "Niemand von uns behauptet, dass Freier unsere Kinder vergewaltigen werden", sagt Ingeborg Schöpf. Doch dass Prostitution Probleme mit sich bringe, das sei nicht aus der Luft gegriffen. Sie hat Kontakt zu einer Interessengemeinschaft in Marburg aufgenommen, die schon vor 16 Jahren gegen den Bau eines Bordells in ihrem Wohnviertel kämpfte und verlor. "Es kam dort alles so schlimm wie die Anwohner befürchtet hatten."

Auch zu Manfred Paulus fand die Sängerin Kontakt. Der ehemalige Polizeihauptkommissar hat viele Jahre lang im Rotlichtmilieu ermittelt, sich mit Frauen- und Kinderhandel befasst und darüber mehrere Bücher geschrieben.

Monatelanges Verfahren

Noch hat das zuständige Ordnungsamt der Stadt Dresden keine Genehmigung für den Betrieb eines Stundenhotels und Bordells erteilt. Die Baugenehmigung jedoch liegt bekanntlich vor. Dort wird Rechtsanwalt Henrik Karch ansetzen: "Ich verrate natürlich nicht meine ganze Strategie. Aber ein jedes Bauvorhaben muss sich in das bereits vorhandene Umfeld einfügen und soll keine Spannungen hervorrufen."

Das größte Problem sieht er darin, dass die Stadt Dresden für Torna nie einen Bebauungsplan entwickelt und geklärt hat, welche Art Ansiedlung sie dort will und welche nicht. Darin sieht er ein Versäumnis, das nun dazu führt, dass Freiräume so genutzt werden wie in diesem Fall.

Sein nächster Schritt wird sein, der Verwaltung die Widerspruchserwiderung seiner Mandanten zuzustellen. "Die Stadt muss sie prüfen und gegebenenfalls geht das Ganze dann eine Stufe höher zur Landesdirektion." Eine Entscheidung sei nicht innerhalb der nächsten Tage und Wochen zu erwarten. "So etwas dauert erfahrungsgemäß Monate."

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Dass auf dem umstrittenen Gelände die Bauarbeiten derweil weitergehen, obwohl der Bordellbetrieb noch gar nicht amtlich ist, findet der Jurist nicht unüblich. "Mit diesem Risiko muss der Betroffene eben leben."

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