merken
PLUS Dresden

Corona-Not: Babykleidung zu teuer für immer mehr Eltern

Die Krise trifft die Kleinsten in Dresden. Deutlich mehr Eltern beantragen Sonderzahlungen für Babysachen. Wie in Dresden mit Spenden geholfen wird.

Annegret Mühl vom Dresdner Kaleb-Zentrum (l.) mit Faten Alhelwani. Sie ist dem Verein seit Jahren verbunden, nutzt das Angebot der Kleiderspende, soweit Corona es zulässt.
Annegret Mühl vom Dresdner Kaleb-Zentrum (l.) mit Faten Alhelwani. Sie ist dem Verein seit Jahren verbunden, nutzt das Angebot der Kleiderspende, soweit Corona es zulässt. © Christian Juppe

Dresden. An der rechten Hand einen Knirps, unterm linken Arm ein großes Paket - so stemmt die junge Frau die Haustür zum Kaleb-Zentrum Dresden auf. Durch den hohen Schnee hat sie sich auf den Weg gemacht, um einer dringenden Bitte zu folgen.

"Im Januar war unser Lager für Babykleidung leer", sagt Annegret Mühl, die an jenem Vormittag an der Schwelle zur Kleiderkammer des Vereins steht und den Karton entgegennimmt. Hereinbitten kann sie die Spenderin nicht. Die Corona-Verordnung behandelt soziale Kleiderabgabestellen genau so wie den Einzelhandel. Sie gelten nicht als systemrelevant und müssen geschlossen bleiben.

Familie und Kinder
Familienzeit auf sächsische.de
Familienzeit auf sächsische.de

Sie suchen eine Freizeitplanung oder Erziehungsrat? Wir unterstützen Sie mit Neuigkeiten sowie Tipps und Tricks Ihren Familienalltag zu versüßen.

Kinder nicht relevant fürs System? Jedenfalls kann ein Baby nicht auf Lockerungen warten. Es kommt, wann es kommen soll und braucht Strampler und Bodys, Wickelauflage und Kinderkutsche. "Jede Woche erreichen uns im Schnitt fünf bis sechs Anfragen für komplette Sets zur Babyerstausstattung", sagt Annegret Mühl.

Sie ist bei Kaleb verantwortlich für die Koordinierung der ehrenamtlichen Helfer der Kleiderkammer und betreut außerdem das Tandem-Projekt, bei dem Paten jungen Müttern, häufig mit Migrationshintergrund, zur Seite stehen.

Spenden für Winzlinge gesucht

"Meines Wissens nach sind sämtliche Kleiderkammern geschlossen. Bedürftige Eltern können nirgends Spenden abholen", sagt sie. Wer seit Monaten in Kurzarbeit ist, gar keine Arbeit mehr oder als Soloselbstständiger seine Verdienstgrundlage verloren hat, ist dringender denn je auf Unterstützung angewiesen.

Das erleben an erster Stelle die Beraterinnen der Kaleb-Schwangerschaftsberatung. Dort häufen sich seit Frühjahr die Anträge auf Sonderzahlungen für die Babyerstausstattung. Bei besonderer finanzieller Notlage können werdende Eltern zusätzlich zu den staatlichen Angeboten Stiftungsanträge, beispielsweise auch bei der Stiftung Lichtblick der Sächsischen Zeitung, stellen. Rund 25 Prozent mehr dieser Anträge zählt der Verein, seit Corona zahlreiche Branchen lahmgelegt hat.

Um trotz aller Widrigkeiten Familien beistehen zu können, bitten die Mitarbeiterinnen der Kleidersammelstelle nun verstärkt um Babysachen-Spenden, insbesondere Kleidung in der kleinsten Größe 50/56 und noch kleiner: "Wir brauchen auch immer wieder Frühchenkleidung", sagt Annegret Mühl. Wenn eine Mutter einen Strampler für ihr Frühgeborenes braucht, dann sei selbst die kleinste normale Babykonfektionsgröße frustrierend für sie.

Gut 4600 Familien nutzen Kaleb-Kleiderkammer

Die Zahlen für das vergangene Jahr sind noch nicht aufgearbeitet, doch schon 2019 nahmen rund 4.600 Familien das Angebot der Kaleb-Kleiderkammer wahr - ohne das eine vergleichbare Krise geherrscht hätte. "Ein großer Teil davon kommt zu uns, weil wirklich das Geld fehlt", sagt Annegret Mühl. Andere schätzen den Nachhaltigkeitscharakter.

Manche Eltern bringen Bekleidung, Spielsachen, auch Laufgitter, Babywagen, Wickelkommoden- und auflagen, Autokindersitze und vieles mehr vorbei, weil ihre Kinder zu groß dafür geworden sind, und nehmen passende Sachen im Gegenzug mit. Andere holen nur Dinge ab, die sie brauchen. Wer kann, zahlt einen Obolus dafür.

Wer auch zu einer kleine Gabe für den Erhalt der Kammer nicht in der Lage ist, braucht sich dafür nicht schlecht zu fühlen. "Es kommt vor, dass Familien Jahre später Geld spenden, weil sie es sich dann leisten können", sagt Annegret Mühl und ist dankbar dafür. Denn die Kleiderkammer finanziert sich ausschließlich über Spenden und wird überwiegend von Ehrenamtlichen am Laufen gehalten.

Erstausstattung per Fahrradkurier

Als Faten Alhelmani das Kaleb-Zentrum für sich entdeckte, war das der Beginn einer langen Verbundenheit. Im Frauentreff des Vereins erfuhr sie von den anderen Projekten, die das Kaleb-Zentrum beleben: Mutter-Kind-Treff, Beratungen, Kurse, Selbsthilfegruppen, das interkulturelle Patenprojekt "Tandem" - und die Kleiderkammer.

Dort fand Faten, die 2015 aus Syrien nach Dresden gekommen war, nicht nur Bekleidung und Spielsachen für ihre beiden kleinen Kinder und brachte ausgediente, aber gut erhaltene Dinge wieder hin. Sie traf auch andere Mütter und konnte sich mit ihnen austauschen. Zusammen erkundeten sie die kinderfreundlichen Orte der Stadt.

"In meiner Heimat Syrien haben die Frauen der Familie eine ganz enge Verbindung, unternehmen viel zusammen und helfen sich gegenseitig", erzählt sie. Dieses Familiengefühl habe sie nun hier gefunden. Doch all die Gemeinsamkeit ist momentan nicht möglich. Das bedauert sie sehr.

Um trotzdem in Kontakt zu bleiben, nutzen die Frauen eine Whatsapp-Gruppe oder sie treffen sich im Videochat.

Auch neue Frauen zu erreichen, die Unterstützung brauchen, ist sehr schwierig geworden. Die Kaleb-Kolleginnen versuchen dennoch, für sie da zu sein. Weil Wege zu weit sind oder die Angst vor Corona zu groß, liefert die Chefin der Kleiderkammer Erstausstattungspakete sogar persönlich mit dem Fahrrad aus - so kontaktlos wie nötig und so einfühlsam wie möglich.

Ansonsten funktioniert das Abgeben von Spenden wie beschrieben über die Türschwelle hinweg, genau so wie die Auslieferung der per Telefon oder Mail bestellten Babykleidung und Erstausstattungen. "Wir haben Spenden auch schon per Post zugeschickt bekommen oder es stehen Kisten einfach bei uns vor der Tür", erzählt Annegret Mühl.

Sie freut sich auf die Zeit, wenn werdende Mütter wieder selbst in den Regalen stöbern und Dinge auswählen können. Bis dahin scheuen sie und ihre Kollegen keine noch so ungewöhnliche Mühe, um die Kleinsten Corona nicht spüren zu lassen.

Spenden für die Babyerstausstattung, insbesondere Kleidung in der Größe 50/56 und für Frühchen (ab 46) können im Kaleb-Zentrum Dresden e.V., Bautzner Straße 52, während der Büroöffnungszeiten von Montag bis Donnerstag, jeweils 9 bis 14 Uhr, 1. Etage, vorbei gebracht werden. Anfragen bei Bedarf an Babyausstattungen bitte per Telefon an 8014432 oder per Mail an: [email protected]

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden