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Tübingen: Ein Corona-Modell für Dresden?

Die Universitätsstadt Tübingen schützt Risikogruppen mit speziellen Maßnahmen, weniger Ältere infizieren sich. Ginge das auch in Dresden?

Menschen stehen auf dem Tübinger Rathausplatz, um sich auf Corona testen zu lassen. Das Angebot soll Infektionen vor Weihnachten verhindern - und besonders ältere Menschen schützen.
Menschen stehen auf dem Tübinger Rathausplatz, um sich auf Corona testen zu lassen. Das Angebot soll Infektionen vor Weihnachten verhindern - und besonders ältere Menschen schützen. © Tom Weller/dpa

Dresden/Tübingen. Boris Palmer (Grüne), Tübingens Oberbürgermeister, provoziert gerne über die Stadtgrenzen hinaus. Doch dieses Mal erhält er mehrheitlich Anerkennung. Denn Palmer hat in der schwäbischen Universitätsstadt mehrere Maßnahmen erlassen, die insbesondere Senioren vor einer Corona-Infektion schützen sollen.

Seit vergangener Woche wird überall in Deutschland heftig diskutiert, ob Tübingen ein Vorbild für andere Städte sein könnte. Palmer hatte in einem Interview mit dem Tagesspiegel am 9. Dezember zwar ungenau verkündet, es gebe aktuell keine Corona-Fälle über 75 Jahren in der Stadt. Das stimmte so nicht. Der Landkreis Tübingen verzeichnete laut eigener Aussage sieben Infektionen in dieser Altersgruppe innerhalb der Vorwoche, ein "Übermittlungsfehler", so Palmer.

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Doch die Zahl bleibt beachtlich. Zum Vergleich: In Dresden infizierten sich vergangene Woche 303 Menschen über 75 Jahre - Dresden hat etwa sechsmal so viele Einwohner wie Tübingen. Könnten ähnliche Maßnahmen wie in der Studentenstadt also auch den Corona-Hotspot Dresden beruhigen? Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu:

Sind Dresden und Tübingen überhaupt vergleichbar?

"Die beiden Städte unterscheiden sich erheblich", sagt der Dresdner Stadtsprecher Kai Schulz. Er verweist vor allem auf den Unterschied in Fläche und Einwohnerzahl. Außerdem, so argumentiert Schulz, würden in Dresden deutlich mehr ältere Menschen leben, auch die Anzahl der Pflegeheime sei deutlich höher.

"Laut den Medienberichten, die uns vorliegen, gibt es in Tübingen elf Pflegeheime, in Dresden sind es über 60", sagt Schulz. Und: "Der Anteil an über 65-Jährigen liegt in Tübingen bei rund 15 Prozent, in Dresden bei rund 22 Prozent." Die Tübinger sind Statistiken der Ämter zufolge im Durchschnitt 39 Jahre alt, die Dresdner 43.

Doch sprechen Überalterung und mehr Heime nicht gerade für einen besonderen Schutz der Risikogruppen? "Alle diese Faktoren hätten erheblich Auswirkungen auf die Frage, welche Maßnahmen in welchem Umfang zu bewältigen sind", so der Sprecher.

Aus Sicht der Stadtverwaltung sei es außerdem immer Ziel gewesen, "einheitliche Regeln für den Freistaat Sachsen" zu finden. Alles andere führe zu Verunsicherung bei den Bürgern.

"Insellösungen lehne ich ab", sagt auch Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und erteilt städtischen Maßnahmen zum Risikogruppenschutz eine Absage: "Wir werden keine Alleingänge unternehmen".

Hat Dresden es verpasst, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen?

Christoph Blödner, FDP-Stadtrat im Gesundheitsausschuss, kritisiert die Ablehnung eigener Maßnahmen heftig. "Außer einer von der Stadt im Frühjahr herausgegebenen Faltkarte sind uns keine speziellen Maßnahmen zum besonderen Schutz von Risikogruppen in Dresden bekannt", sagt Blödner.

Aus seiner Sicht habe die Stadt selbst keine relevanten Maßnahmen zum Schutz von Risikogruppen unternommen. "Ein proaktiver verbesserter Schutz von Risikogruppen insbesondere in Pflegeeinrichtungen wäre besser gewesen und hätte die Lage in den Krankenhäusern entspannen können", so Blödner.

"Die Stadtspitze hat es insgesamt versäumt, eigene zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu ergreifen", sagt auch Richard Kaniewski (SPD) und fordert die Stadt zum Handeln auf: "Der Schutz von besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen muss auch im kommunalen Fokus stehen."

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Bernd Lommel, AfD-Stadtrat, sieht eine "vertane Chance" dabei, "jenen Menschen mehr Schutz zu geben, die besonders gefährdet sind". In Dresden werde stattdessen nach einem "Gießkannenverfahren" agiert, das wirtschaftlich so nicht lange durchzuhalten sei.

Oberbürgermeister Hilbert hingegen verteidigt seinen Kurs. "Natürlich müssen wir auch selbstkritisch analysieren, ob alle Maßnahmen richtig waren und ob wir nicht mehr hätten tun können." Doch man sei nicht untätig gewesen, sagt er und verweist unter anderem auf "deutlich erhöhte Testkapazitäten" in Pflegeheimen und Seniorenwohnanlagen in den vergangenen Wochen.

Kostenlose FFP2-Masken für Senioren - sinnvoll?

Seit Dienstag können Senioren und Vorerkrankte drei FFP2-Masken kostenlos in Apotheken erhalten. Das hatte der Bund beschlossen. Boris Palmer in Tübingen geht einen Schritt weiter. Wer über 65 Jahre ist, bekommt die Masken kostenlos nach Hause geschickt.

Grundsätzlich begrüßt Hilbert die kostenlose Verteilung von FFP2-Masken. Allerdings nicht als Maßnahme der Stadt, sondern großräumiger. "Das Virus macht an der Stadtgrenze nicht Halt", sagt der Oberbürgermeister. Er sieht ein anderes Problem: "Für den Moment wäre schon viel erreicht, wenn sich alle an die AHA-Regeln halten würden. Leider fällt das vielen Senioren und Seniorinnen immer noch schwer."

FDP-Stadtrat Blödner hingegen findet, die Maßnahme sollte auch in Dresden umgesetzt werden - sofern "unsere Krankenhäuser und Gesundheits- und Sozialeinrichtungen für ihren Eigenbedarf entsprechend ausgerüstet sind."

Auch SPD und AfD-Fraktion sprechen sich dafür aus. "An der Finanzierung darf es jedenfalls nicht scheitern", sagt Stadtrat Lommel.

Taxi zum Bustarif - im Lockdown noch nötig?

In Tübingen können Senioren mit dem Taxi zum Bustarif fahren - und müssen so nicht den ÖPNV nutzen. Mehrkosten für die Taxi-Unternehmen übernimmt die Stadt Tübingen. Wäre das auch in Dresden sinnvoll und umsetzbar?

Der Sprecher der Dresdner Verkehrsbetriebe, Falk Lösch, sieht hierfür keine Notwendigkeit. "Wir sind seit Wochen grundsätzlich nicht überfüllt, man hat fast schon Sitzplatzgarantie", sagt Lösch. Außerdem könne er sich vorstellen, dass das finanziell schwierig werde, und verweist auf die klamme Stadtkasse nach dem Corona-Jahr.

In der jetzigen Situation sei eine solche Maßnahme zudem nicht unbedingt nötig, meint Oberbürgermeister Dirk Hilbert. "Schon beim ersten Lockdown war erkennbar, dass die Nutzung des ÖPNV stark zurückgegangen ist und damit auch die Ansteckungsgefahr erheblich sinkt."

Auch SPD-Stadrat Kaniewski ist in der momentanen Situation nicht überzeugt: "Die öffentlichen Verkehrsmittel werden während des Lockdowns deutlich leerer sein. Dies wird auch die Einhaltung von Mindestabständen noch einmal deutlich vereinfachen. In Kombination mit den avisierten FFP2-Masken sehe ich deswegen aktuell keinen dringenden Grund, Bus und Bahn als Verkehrsmittel zu meiden."

Sollten die Supermärkte spezielle Seniorenzeiten einführen?

Zwischen 9 und 11 Uhr gilt in Tübingen ein freiwilliger Seniorenvorrang in Geschäften. Es werde niemand vor die Tür gesetzt, erklärte Palmer, die Kunden und Läden machten gut mit.

Beim Dresdner Gesundheitsamt hatte man offenbar etwas weniger Vertrauen - und betrachtet derartige Maßnahmen zusätzlich als "planwirtschaftlich anmutend". Sozialistische Corona-Regeln? "Derartige Ansätze wurden nicht weiterverfolgt, zumal dies in der Praxis schwer umzusetzen und zu kontrollieren sein dürfte", heißt es in einer schriftlichen Antwort der Behörde.

FDP-Stadtrat Blödner hält ebenfalls nichts von der Idee. Die bestehenden Hygienekonzepte seien umgesetzt worden, Geschäfte nicht zu Hotspots geworden.

Richard Kaniewski von der SPD-Fraktion hält die Idee hingegen für gut, hat aber gewisse Bedenken. "Nicht jeder und jede kann zu vorgegebenen Zeiten einkaufen gehen. Wenn man dann in einem bestimmten Zeitfenster nicht dürfte, wäre das problematisch", sagt Kaniewski. Wo aber viele Supermärkte dicht beieinander sein, wäre das vorstellbar. Auch Bernd Lommel von der AfD findet, ein solches Konzept könne Ansteckungen minimieren.

Die Tübinger Maßnahmen, sie stoßen in Dresden nicht auf taube Ohren. Allerdings gibt es über alle Parteigrenzen hinweg durchaus Bedenken, was die Umsetzung angeht. Aus Sicht des Linken-Fraktionsvorsitzenden André Schollbach braucht es vor allem für die Größenordnung der Stadt passende Konzepte.

Der Bedarf ist zumindest da, bestätigt auch Oberbürgermeister Hilbert. In letzter Zeit würden ihn vermehrt Anfragen und Hinweise zum Schutz von Seniorinnen und Senioren in Pflegeheimen erreichen, sagt er.

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