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"Warum muss ich so teuer bezahlen?"

Nach einem Unfall vor über 40 Jahren kämpft Lutz Weißbach bis heute mit den Folgen. Der Dresdner will sich nicht damit abfinden, dass ihm niemand helfen will.

Röntgenaufnahmen aus den 80er-Jahren zeugen von Lutz Weißbachs körperlichem Leidensweg.
Röntgenaufnahmen aus den 80er-Jahren zeugen von Lutz Weißbachs körperlichem Leidensweg. © Sven Ellger

Dresden. Früher blieben die Leute öfter stehen. Ein bisschen Märchenwald, ein bisschen Museum, ein bisschen Kuriositätenkabinett. Wo gibt es sonst schon Autos in Holzoptik? Vor allem aber wollten alle einen Blick auf Maxy erhaschen, den niedlichen Luchs hinterm Gartenzaun in Kleinzschachwitz.

Ach, da ist ja auch der nette Herr Weißbach, der immer so freundlich grüßt und gern von seinem Luchs erzählt. Wie schwer es war, alle Haltungsbedingungen zu erfüllen. Wie vertraut das Tier für ihn ist und doch immer auch ein Stück unnahbar. Alles Gute, Herr Weißbach. Bis morgen!

Vergangenes Jahr ist Maxy nach 19 Jahren gestorben. Sein Gehege im Garten hat Lutz Weißbach abgebaut. Von außen erinnert nur noch eine Schautafel an diese ungewöhnliche Freundschaft.

Luchs Maxy starb im vergangenen Jahr - und hinterließ eine große Lücke.
Luchs Maxy starb im vergangenen Jahr - und hinterließ eine große Lücke. ©  privat

Maxys Tod riss eine Lücke in das Leben seines Begleiters, von der die meisten freundlich winkenden Zaungäste nichts ahnen. Die ungewöhnliche Tierliebe und die abenteuerlichen Jahre mit einem eigenen Luchs haben vieles überdecken können, aber sie konnten keine Wunden heilen. Weißbach hat vor, die Geschichten rund um Maxy eines Tages aufzuschreiben.

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So vieles hätte anders laufen sollen im Leben von Lutz Weißbach, doch diesen 17. Juni 1979 wird er nie mehr loswerden. Damals krachte auf einer Kreuzung ganz in der Nähe ein Auto in sein Motorrad. Weißbach hatte Vorfahrt. Er war unschuldig, das war von Anfang an unbestritten, wie Versicherungsdokumente belegen.

Diese Foto zeigt Lutz Weißbach kurz vor dem Unfall auf seinem Motorrad.
Diese Foto zeigt Lutz Weißbach kurz vor dem Unfall auf seinem Motorrad. © privat

Er landete in der Chirurgie des Universitätsklinikums. Die Diagnose: Trümmerfraktur im Oberschenkel und Schädelfraktur. Außerdem musste eine große Zehe amputiert werden. Eine Woche sei er ohne Bewusstsein gewesen. Die DDR-Versicherung nahm sich der Sache an und bezahlte zunächst seine krankheitsbedingten finanziellen Ausfälle. Er hatte damals kurz vor seinem Lehrabschluss als Tischler gestanden. Immerhin wurde ihm der Facharbeiter zuerkannt.

Die Jahre nach dem Unfall beschreibt Weißbach heute als Martyrium. Nach drei Wochen sei das Bein bei der Krankengymnastik versehentlich wieder gebrochen worden. Weil ihm später zu früh wieder zur Belastung geraten wurde, habe sich der Nagel in seinem Oberschenkel um sieben Zentimeter verschoben, wodurch sich auch das Bein verkürzte. Ein Röntgenbild von damals zeigt den herausstehenden Nagel.

Filigrane Holzarbeiten sind Lutz Weißbachs Leidenschaft.
Filigrane Holzarbeiten sind Lutz Weißbachs Leidenschaft. © Sven Ellger

"Durch die ärztliche Fehlbehandlung wurde ich 25 Mal operiert und musste zehn Jahre lang mit einem kürzeren Bein leben", sagt Weißbach. 1987 machte er eine Eingabe beim Staatsrat der DDR, forderte weitere Unterstützung. In der Antwort ein Jahr später hieß er jedoch: "Es wird übereinstimmend eingeschätzt, dass in keiner Phase der Behandlung ärztliche Fehlleistungen vorlagen." Ärzte zu kritisieren sei zur DDR-Zeiten eben aussichtslos gewesen, sagt er. "Offiziell gab es keine Behandlungsfehler."

Nachdem sein Bein 1990 durch eine weitere Operation verkürzt wurde, machte sich Lutz Weißbach als Tischler selbständig und mietete dafür in seinem Geburtshaus in Kleinzschachwitz, in dem er wohnte, und bis heute wohnt, zusätzliche Räume an. Schon damals hatte ihm ein fachärztliches Gutachten bescheinigt, dass ihm die Tätigkeit als Bautischler "auf längere Sicht nicht möglich" sein würde. Doch was sollte er machen?

Seine Partnerin ließ ihn nach der Wende sitzen. Auch zu seinem 1982 geborenen Sohn hatte er bald keinen Kontakt mehr. Dennoch schöpfte er Hoffnung. Zumindest beruflich. Das Gewerbe lief zunächst ganz gut, sodass er 1993 der Wohnungsverwaltung das unter Denkmalschutz stehende Haus abkaufte und aufwendig sanierte.

1997 baute er sich eine Tischlerei auf das Grundstück und Anfang der 2000er versuchte er sich sogar mit einem Restaurant namens "Wurmstübchen" im Haus, das jedoch bald zum Verlustgeschäft wurde, weil er sich von vermeintlichen Freunden übers Ohr hauen ließ. "Ich kann eine Menge", sagt er, "aber ich bin eben kein Geschäftsmann."

Sein Geburtshaus in Kleinzschachwitz erwarb er 1993, musste es aber 2011 wieder verkaufen.
Sein Geburtshaus in Kleinzschachwitz erwarb er 1993, musste es aber 2011 wieder verkaufen. © Sven Ellger

Aus diesen Gründen und einer Straßenbaumaßnahme, die das Haus für neun Monate vom Geschäftsverkehr abschnitt, konnte er die Raten für das Haus nicht mehr zahlen, sagt er. Er spricht von fast 200.000 Mark Einbußen und verweist auf einen Gutachter.

Zwei Jahre nach einer angekündigten Zwangsversteigerung 2009 verkaufte er es schweren Herzens, ließ sich und seinem Luchs aber ein lebenslanges Wohnrecht in den Vertrag schreiben. Wegzuziehen, nochmal neu anzufangen, das sei ihm nie in den Sinn gekommen. "Das hier ist doch alles, was ich habe. Alles, was ich bin." Jetzt müsse er zusehen, wie sein Lebenswerk abgewirtschaftet wird, aber das sei eine andere Geschichte.

Wenn Lutz Weißbach von seiner Leidensgeschichte erzählt, dann weiß er gar nicht, wo er anfangen und wo aufhören soll. Zu viele unverarbeitete Gedanken und unvollendete Geschichten schwirren ihm im Kopf herum.

Seit etwa zehn Jahren seien seine Schmerzen und Bewegungseinschränkungen als Folge des Unfalls von 1979 immer größer geworden. Inzwischen gilt er als 50 Prozent schwerbehindert und ist - eigentlich - seit vier Jahren arbeitsunfähig geschrieben.

Seine Idee, Autos und Fahrräder mit einer von ihm erfundenen Methode in Holzoptik zu lackieren, sorgt immer wieder für Erstaunen - aber bislang kaum für Aufträge.

Um überhaupt etwas machen zu können, fertigte er zuletzt zwei große Holz-Pyramiden für Dresdner Hospize. Aber wie soll es weitergehen?

"Soll das gerecht sein?"

Immer wieder laufen für Weißbach alle Fäden beim Unfall von 1979 zusammen. "Meine wahren Lebensziele wurden dadurch zerstört", sagt er. Er sei durch seine Schäden immer körperlich und sozial ausgebremst worden. "Soll ich dafür nun nochmal bestraft werden und für den Rest meines Lebens unverschuldet ein finanzieller Sozialfall sein? Warum muss ich so teuer bezahlen?"

Mit diesen Fragen steht Weißbach früh auf und geht abends mit ihnen ins Bett. "Nach der Wende sind doch von der Regierung Opferentschädigungsgelder bereitgestellt worden", sagt er. Opfer des SED-Systems, Grenzflüchtlinge, Heimkinder - viele seien entschädigt worden. Nur er soll durch alle Raster fallen? "Soll das gerecht sein?"

Weißbach nahm sich einen Anwalt, der ihm allerdings keine Hoffnungen machen konnte, da all seine Ansprüche längst verjährt seien. Er hätte direkt nach der Wende klagen müssen, hört er nun immer wieder. Dabei sei der Fall von der Versicherung nie abgeschlossen worden.

In seiner Verzweiflung schrieb Weißbach auch an die Rechtsanwaltskammer Sachsen und sogar an Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), bekam jedoch keine Antworten.

Ängste und Wut, die sich über mehr als vier Jahrzehnte aufgestaut haben, brechen sich nun Bann. Und wenn schon keiner mehr für die Folgen seines Unfalls und den Ärztepfusch von damals mehr verantwortlich sein will, sagt Weißbach, "dann sollen die Leute wenigstens wissen, dass ich kein Versager bin".

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