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DDR-Geschichte im Klassenzimmer

Die Autorin Peggy Mädler bringt Schülern Erinnerungen der letzten Ost-Generation näher. Wie das über Geschichten der Menschen von damals gelingt.

Die Zeugen der DDR sind heute Eltern und haben meist selbst Kinder.
Die Zeugen der DDR sind heute Eltern und haben meist selbst Kinder. © Archiv: Sächsische Zeitung/Waltraut Förster

Dresden. Sie haben weißes Haar und Linien im Gesicht. Sie sind 90 Jahre alt und älter. Sie erzählen vom Krieg, vom KZ, vom 13. Februar in Dresden. So kennen junge Leute in der Regel Zeitzeugen.

Doch diese, die an jenem Morgen zu ihnen ins Klassenzimmer kommen, sind anders. Die Zeugen der DDR haben das Alter ihrer Eltern und Geschwister.

Geboren in den Jahren zwischen 1975 und 1985, waren sie kleine Kinder oder Teenager, als die Mauer fiel. "Ich habe eigentlich keine Erinnerung mehr an den Tag, als die Grenze geöffnet wurde", sagt Peggy Mädler zu den Mädchen und Jungen im Klassenraum. Trotzdem ist die DDR ihr Thema.

Die Autorin des Buches "Legende vom Glück des Menschen" ist viele Kilometer weit weg von der Montessorischule Huckepack in Dresden. Und doch verbringt sie mit den Schülern der 12. Klasse Zeit, um mit ihnen über ihre DDR-Vergangenheit und über das zu sprechen, was sie am Leben in diesem abgeschafften Land beschäftigt.

Die Autorin Peggy Mädler war in der Montessorischule Huckepack in Dresden zu Gast - Corona geschuldet allerdings per Videokonferenz zugeschaltet.
Die Autorin Peggy Mädler war in der Montessorischule Huckepack in Dresden zu Gast - Corona geschuldet allerdings per Videokonferenz zugeschaltet. © Sven Gatter

Die dritte Generation Ost erzählt

Das Kommunikationsportal Zoom macht diesen Workshop möglich. Zum Schutz vor Corona treffen sich die Schüler, ihre Ethik-Lehrerin Katarina Scheffler, die Dramaturgin und Schriftstellerin Peggy Mädler und die Politikwissenschaftlerin Kerstin Lorenz per Video-Schaltung.

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Zwei Tage lang sollen Biografien von Menschen, die einen Teil ihres Lebens in der DDR verbracht haben, die Wende miterlebten und im vereinigten Deutschland groß geworden sind, historisches Wissen und ein Gefühl für die Zeit und ihre Menschen vermitteln.

Corona-Unterricht: Dank eines Videokonferenz-Portals können die Schüler einen ganzen Workshop erleben und der Autorin Peggy Mädler Fragen stellen.
Corona-Unterricht: Dank eines Videokonferenz-Portals können die Schüler einen ganzen Workshop erleben und der Autorin Peggy Mädler Fragen stellen. © Katarina Scheffler / PR

"Ich bin ein großer Fan von erlebbarer Geschichte", sagt Katarina Scheffler, die das Projekt an ihre Schule geholt hat. Es ist Teil des "Zeitenwende-Lernportals", das, pädagogisch und didaktisch aufbereitet, die Beschäftigung mit der späten DDR, der Friedlichen Revolution und der politischen, gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Umgestaltung unterstützt.

Das Portal gehört zur Arbeit des Vereins "Perspektive hoch drei", zu dem sich junge Ost- und Westdeutsche zusammengefunden haben. Sie sind zwischen Mitte der 1970er- und Mitte 1980er-Jahre geboren und somit Zeitzeugen der Wiedervereinigung mit dem Davor und dem Danach.

Das Lernportal bietet Schulen und Lehrern kostenlos einen Zeitzeugen-Pool, Materialsammlungen für den Unterricht, Lernmodule und komplette Projekte zu verschiedenen Themen der DDR-Geschichte. Teil des Zeitenwende-Portals ist die Zeitenwende-LiteraTour, auf der Autorinnen und Autoren für Lesungen, Frage- und Diskussionsrunden in Schulen kommen.

So wie Peggy Mädler an die Dresdner Montessorischule. Sie gehört selbst der sogenannten dritten Generation Ost an und ist heute 44 Jahre alt. Aufgewachsen ist die Autorin in der Dresdner Neustadt.

"Ich hatte eine glückliche und behütete Kindheit", erzählt sie den Schülern. Als die Mauer fiel, war sie 13 Jahre alt. Was genau in diesen Tagen passierte und welche Bedeutung es hatte, realisierte sie erst viel später. Ebenso wie die Auswirkungen auf die Generation ihrer Eltern und Großeltern.

Vom Binden des Pionierhalstuches

Von ihnen und von sich erzählt Peggy Mädler in ihrem ersten Roman "Legende vom Glück des Menschen" - nicht autobiografisch, aber in der Fiktion stark angelehnt an das eigene Erleben und Beschäftigen mit dem Leben in der DDR und der sogenannten Transformation danach.

Mädlers Protagonistin ist wie sie 13 Jahre, als der Staat, in dem sie geboren wurde, verschwindet. Was nicht verschwindet, sind die Menschen darin und ihr Streben nach Glück.

Das sieht ganz anders aus, als es in dem Bildband dargestellt ist, den die Autorin einst im Bücherregal ihres Vaters fand. Ihre Hauptfigur lässt sie ebenso diesen Bildband entdecken - allerdings während der Auflösung der Wohnung ihrer verstorbenen Großeltern.

Beim Blättern darin sei die ideologische Intention rasch klar geworden, sagt sie: Wahres Glück kann es nur in einem sozialistischen Staat geben. "Obwohl mich diese Gesinnung abgestoßen hat, fühlte ich beim Betrachten der Fotos doch eine eigenartige Verbundenheit", erzählt sie den Mädchen und Jungen im Klassenraum.

Dieses Erlebnis nahm sie zum Anlass, um Fragen auf den Grund zu gehen, die sie bisher nie gestellt hatte: Wie haben meine Eltern und Großeltern wirklich gelebt und gefühlt? Waren sie glücklich? Was taten sie für ihr Glück?

Wäre ich in der DDR glücklich geworden?

Im Anschluss liest Peggy Mädler den Schülern aus ihrem Roman vor: Szenen der Jugendweihe des fiktiven großen Bruders im beigefarbenen Blouson, den er "Stasiblouson" nennt.

Erinnerungen an das Buch mit dem Titel "Vom Sinn unseres Lebens", das er geschenkt bekam, und an den Neid auf seinen neuen Kassettenrekorder. Es geht um Fahnenappelle und darum, wie tief sich das Binden von Pionierhalstüchern und bestimmte Liedtexte ins Gedächtnis gegraben haben.

"Sehen Sie und Ihre Eltern die DDR heute sehr unterschiedlich?", fragt Benno in der anschließenden Gesprächsrunde. Peggy Mädler lacht: "Wir haben viele Diskussionen und auch richtig Streit darüber", sagt sie. Ihre Eltern seien der Ansicht, außer am Geld habe sich mit der Wiedervereinigung nicht viel geändert und sie wären heute immer noch glücklich und zufrieden, wenn es die DDR noch gäbe.

"Sie meinen außerdem, auch ich würde eine glückliche DDR-Bürgerin sein, was ich absolut nicht glaube." So und so hätte es sie zum Theater und zur Kunst gezogen - ein Feld, auf dem sie unweigerlich auf Unfreiheit und Unzufriedenheit gestoßen wäre.

All diese Begriffe, Erfahrungen, Reflexionen geben den jungen Leuten am anderen Ende der Video-Leitung Impuls zur Erforschung der DDR-Geschichte. Deren chronologische Abläufe interessieren sie erfahrungsgemäß nicht so stark wie die Lebenswege und Gefühle der Menschen jener Zeit, weiß Lehrerin Katarina Scheffler.

Ansichten und Verhaltensweisen, die bis heute wirken, erklären sich ihnen auf diese Weise - auch wenn es um die Auseinandersetzung mit Rassismus, Pegida und rechten Tendenzen in der Politik geht. "Zeitenwende" hilft jungen Leuten, das Ehemalige und deshalb auch das Aktuelle, ihre Großeltern und Eltern und letztlich sich selbst besser zu verstehen.

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