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Der ewige Schleifer vom Dresdner Lingnermarkt

Stefan Barke hat schon viele blutige Finger gesehen - vor allem aber glückliche Kunden, die ihm seit 30 Jahren die Treue halten.

Stefan Barke gehört mit seiner mobilen Schleif-Werkstatt zu den dienstältesten Anbietern auf dem Dresdner Lingnermarkt.
Stefan Barke gehört mit seiner mobilen Schleif-Werkstatt zu den dienstältesten Anbietern auf dem Dresdner Lingnermarkt. © Sven Ellger

Dresden. Der nächste Patient ist ein stumpfes Schweizer Taschenmesser. "Lassen Sie mal schauen", sagt Stefan Barke zu dem jungen Mann vor seinem Wagen, prüft kurz die Klinge und sagt dann: "Das mach ich ihnen schärfer, als es jemals war." Zwei Minuten und einige Umdrehungen der Schleifscheibe später gibt er das Messer zurück. "2,90 Euro bitte. Reklamationen wegen roten Fingern nehme ich nicht an."

Es ist ein Freitagnachmittag auf dem Lingner-Wochenmarkt am Hygienemuseum. Schon seit 5.30 Uhr steht Barke hier und werkelt. Punkt acht Uhr kamen die ersten Kunden. Sein zur mobilen Werkstatt umgebauter Wohnwagen hat schon 38 Jahre auf dem Buckel. Fast genauso lange - seit genau 30 Jahren - steht Barke freitags hier auf dem Markt, um die Messer und Scheren seiner Kundschaft zu schleifen. Und die gibt es reichlich. 

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Die Fachmesse "all about automation" findet am 23. und 24. September 2020 in Chemnitz statt - mit einem umfassenden Hygienekonzept.

"An einem Tag könnte ich Arbeit für zwei Wochen mit nach Hause nehmen", sagt der 69-Jährige. Selbst wenn es in Strömen regnet, muss er sich keine Sorgen machen. Oft kann er schon 14 Uhr keine Aufträge mehr annehmen. So viel wie möglich versucht er, direkt vor Ort abzuarbeiten, aber allein heute hat er auch schon wieder 50 Scheren und 80 Messer in seinem Wagen liegen, die er nächste Woche frisch geschliffen zurückgeben wird.

Der zur Werkstatt umgebaute Wohnwagen hat schon 38 Jahre auf dem Buckel.
Der zur Werkstatt umgebaute Wohnwagen hat schon 38 Jahre auf dem Buckel. © Sven Ellger

In seiner Werkstatt in Mockritz hat Barke 42 Maschinen zur Verfügung - alle selbst konstruiert und damit absolute Unikate, genauso wie die Maschinen hier im Wagen und jede einzelne seiner Schleifscheiben. So eine Scheibe koste ihn zwar etwa 400 Euro in der Herstellung, dafür halte sie dann aber auch ein Dreivierteljahr - bei täglicher Dauernutzung. Die Mischung für die Scheiben bleibt geheim. 

Seine Ostbiografie hat sich für Barke über die Jahre zu idealen Voraussetzungen für sein messerscharfes Lebenswerk zusammengefügt. In der DDR lernte er zunächst Elektronikfacharbeiter, schloss später ein Physikstudium an und arbeitete als Physiker in einem VEB-Betrieb. Dabei entdeckte er einen Effekt, wie man Metalle schleifen kann und dabei nur wenig Wärme produziert. Bis dahin galt die Regel, dass Scheren und Messer nur nass geschliffen werden können, weil sie sonst ausglühen. Mit seinem revolutionären Konzept konnte Barke nun aber auch trocken schleifen. „Und das geht viel schneller und damit kostengünstiger.“

Am liebsten hätte er sich mit seiner Idee schon zu DDR-Zeiten als Schleifer selbständig gemacht, aber er bekam keine Zulassung. Offizieller Grund war, dass es keinen Bedarf gebe. "In Wahrheit wollten die einfach keine Handwerker haben", sagt er. Für ihn war klar: "Wenn ich irgendwann die Chance bekomme, dann mach ich das."

Einzigartig, aber ohne Patent

Immerhin nahm er zu DDR-Zeiten noch eine Ausbildung zum Metallschleifer mit. Nach der Wende ließ er dann keine Zeit mehr verstreichen, gründete seinen Schleifbetrieb und stellte sich auf den Wochenmarkt. Nach anfänglicher Skepsis der Kundschaft überstieg die Nachfrage schon nach fünf Jahren seine Kapazitäten.

Zeitweise stehen die Leute vor seinem Wagen Schlange, während er mit ruhiger Hand und Expertenblick die Maschine bedient. Dabei trägt er Maske und das nicht erst seit Beginn der Corona-Krise. "Die ist lebensnotwendig", sagt Barke. Steinstaub und Edelstahl würden sich sonst schnell in der Lunge festsetzen. "Viele meiner Berufskollegen können im Alter kaum noch atmen. Die haben das nicht ernst genommen."

Barke sagt selbst, dass er jeden seiner Schliffe auch nach zehn Jahren noch wiedererkenne. Längst gilt er als Koryphäe auf seinem Gebiet. Nur wenige seiner Zunft beherrschen die Dinge, die er kann. Zum Beispiel eine Messerwelle mit 70 Arbeitsgängen von beiden Seiten schleifen oder eine gestanzte Gabel in 14 Arbeitsgängen zur Edelgabel machen. Aus ganz Sachsen kommen die Menschen mit ihren Scheren und Messern zu ihm und sogar Zahnärzte und Chirurgen gehören zu seinen Stammkunden. "Erst gerade vorhin hat ein Arzt seine Instrumente abgeholt", sagt er.

Nicht auf den ersten Blick zu sehen, aber zu spüren: Jeder seiner Schliffe ist ein kleines Kunstwerk.
Nicht auf den ersten Blick zu sehen, aber zu spüren: Jeder seiner Schliffe ist ein kleines Kunstwerk. © Sven Ellger

Patentieren lassen hat er seine Schleiftechnik nie, nachdem er in den 90er-Jahren mit einer von ihm erfundenen Sicherung gegen Autodiebstahl schlechte Erfahrungen gemacht hat. "Damals habe ich viel Energie und Geld in den Sand gesetzt und behalte meine Kenntnisse zum Schleifen deshalb lieber für mich."

Eine Ehrenurkunde "25 Jahre Reparaturservice Stefan Barke" hängt hinter ihm im Wagen gerahmt an der Wand. Inzwischen sind schon weitere fünf Jahre vergangen. Die Blumenhändlerin von nebenan bringt zum Jubiläum einen Strauß Blumen rüber.

Auch mit fast 70 Jahren denkt Barke noch lange nichts ans Aufhören. "Die Arbeit macht immer noch großen Spaß. Das Geld ist natürlich eine Verlockung, aber nicht der Hauptantrieb." Inzwischen achte er auch darauf, dass er sich öfter Mal selbst frei gibt und acht bis zehn Wochen Urlaub im Jahr macht. Durchaus zum Leidwesen der Marktleitung, die ihn gern immer als Zugpferd vor Ort sehen würde. Sein normales Arbeitspensum bewegt sich - je nach Lust - zwischen 20 und 40 Stunden in der Woche.

Obwohl er seine Tochter in seine Schleifgeheimnisse eingeweiht hat, kommt sie als Nachfolgerin wohl kaum infrage. Sie arbeitet lieber als Journalistin in Südamerika. Dennoch hat Barke schon einige Nachfolgekandidaten im Blick, wie er sagt. 

Sein Geschäft wird also eine Zukunft haben, vorausgesetzt genügend Menschen schätzen auch weiterhin den Wert einer guten, scharfen Schere und entscheiden sich nicht mehr und mehr für das billige Wegwerfprodukt aus dem Ein-Euro-Shop.

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