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Die Dresdner Unterwelt-Arbeiter

Tief unter den Straßen Dresdens errichten Spezialisten in Mickten eine große Röhre. Wie die außergewöhnliche Konstruktion gebaut wird.

So sieht das neu eingebaute Kunststoffrohr im Neustädter Hauptkanal aus. Durch diesen Kanal im Kanal kann die 111 Jahre alte Röhre wieder abgedichtet werden.
So sieht das neu eingebaute Kunststoffrohr im Neustädter Hauptkanal aus. Durch diesen Kanal im Kanal kann die 111 Jahre alte Röhre wieder abgedichtet werden. © Foto: Peter Hilbert

Dresden. Blau leuchtet die neue Abwasserröhre im Licht der Lampen, in der Torsten Haring steht. Der Polier der Rohrsanierungsfirma Aarsleff ist froh, dass er mit seinen zehn Bauleuten so gut vorangekommen ist.

„In diesem Abschnitt haben wir fast die Hälfte geschafft“, sagt der 48-jährige Fachmann. In einer Arbeitsgemeinschaft mit anderen Unternehmen sanieren die Aarsleff-Spezialisten mit dem Neustädter Abfangkanal einen der beiden größten Dresdner Abwasserkanäle.

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Polier Torsten Haring am Übergang zwischen altem und neu eingeschobenem Kanal. Gut zu sehen ist, wie die Hohlräume zischen der alten Betonhülle und dem Kunststoffrohr mit Beton verfüllt sind.
Polier Torsten Haring am Übergang zwischen altem und neu eingeschobenem Kanal. Gut zu sehen ist, wie die Hohlräume zischen der alten Betonhülle und dem Kunststoffrohr mit Beton verfüllt sind. © Christian Juppe

Schon 111 Jahre fließt die braune Brühe durch die rechtselbische Abwasser-Hauptschlagader von der Prießnitzstraße bis zum Klärwerk Kaditz. Immerhin handelt es sich dabei um ein Drittel der Dresdner Abwässer. Über drei Viertel des 6,6 Kilometer langen Neustädter Abfangkanals sind saniert.

In alter Röhre entsteht dichter Kanal

Jetzt kommt das letzte, 1,5 Kilometer lange Stück an die Reihe. Es beginnt an der Micktener Böcklinstraße und verläuft unter der Scharfenberger Straße bis zum Klärwerk.

Damit dies möglich ist, haben Leitungsbauer im vergangenen Jahr eine insgesamt 2,6 Kilometer lange Super-Pipeline gebaut. Über diese Ersatztrasse fließt seit November vergangenen Jahres das Abwasser durch die Flutrinne zum Klärwerk.

Durch diese Rohrtrasse fließt derzeit das Abwasser zum Einlauf des Klärwerks Kaditz.
Durch diese Rohrtrasse fließt derzeit das Abwasser zum Einlauf des Klärwerks Kaditz. © Foto: Peter Hilbert

Durch die Ersatztrasse werden kaum größere Verkehrseinschränkungen nötig. Es mussten nur drei Baugruben ausgehoben werden. Bei der Sanierung werden per Kran glasfaserverstärkte Kunststoffrohre (GfK) eingehoben, die meistens drei Meter lang sind.

Ein elektrisch angetriebener Spezialwagen, der in der Aarsleff-Werkstatt konstruiert wurde, bugsiert sie unterirdisch aus den Baugruben in den alten, bis zu 2,7 Meter hohen Kanal, wo sie letztlich zusammengefügt werden. So entsteht dieses Jahres ein neuer dichter Kanal in der alten Abwasserröhre.

Mächtige Einschubpresse drückt das Rohrstück ans Ende

Seit Anfang Dezember wird der 635 Meter lange Abschnitt zwischen der Böcklinstraße und dem Katastrophenschutzzentrum saniert, erklärt Aarsleff-Bauleiter Mirko Knechtel.

„Auf etwa 300 Metern haben wir die Rohre schon eingebaut“, sagt der 43-jährige Dresdner. Die Röhre im alten Kanal reicht jetzt von der Böcklinstraße bis unter den Kreisverkehr an der Stern- und Scharfenberger Straße.

Bauleiter Mirko Knechtel in einem der glasfaserverstärkten Kunststoffrohre. Am Kranarm schweben sie später in die Baugrube zum Kanal.
Bauleiter Mirko Knechtel in einem der glasfaserverstärkten Kunststoffrohre. Am Kranarm schweben sie später in die Baugrube zum Kanal. © Christian Juppe

Vor der Feuerwehr-Zentrale klafft an der Ecke Kaditzer/Scharfenberger Straße eine der neun Meter tiefen Baugruben. Mit dem Kran werden dort die jeweils knapp zwei Tonnen schweren Rohrteile eingehoben.

Unten landen sie letztlich auf dem selbstfahrenden Spezialwagen mit seinen acht Rädern. Langsam rollt der dann durch den Betonkanal, bis er das Ende des neuen Rohrs erreicht hat. Das kann derzeit schon eine Viertelstunde dauern, erklärt Polier Haring.

Hinten angekommen, wird eine große Gummidichtung auf den Anschluss gestülpt. Dann drückt eine ebenfalls in der Aarsleff-Werkstatt konstruierte Einschubpresse das Rohrstück fest ans Ende der neuen Röhre. Läuft es gut, kommen täglich kommen etwa zehn bis elf Rohrteile hinzu.

Das ist die Baugrube unweit des Katastrophenschutzzentrums. Durch die besondere Sanierungs-Technologie sind nur drei derartige Baugruben auf dem 1,5 Kilometer langen Kanalabschnitt nötig. Dadurch gibt es kaum Verkehrseinschränkungen.
Das ist die Baugrube unweit des Katastrophenschutzzentrums. Durch die besondere Sanierungs-Technologie sind nur drei derartige Baugruben auf dem 1,5 Kilometer langen Kanalabschnitt nötig. Dadurch gibt es kaum Verkehrseinschränkungen. © Christian Juppe

Doch damit ist es nicht getan. Denn letztlich muss auch der große Hohlraum zwischen der neu eingebauten Kunststoff-Rohrtrasse, die etwa 2,3 Meter hoch ist und dem alten, bis zu 2,7 Meter hohen Kanal verfüllt werden.

„Das geschieht mit hochflüssigem Beton“, erläutert Bauleiter Knechtel. Vom Betonmischer fließt der durch eine Leitung in Richtung Röhre. In die haben die Rohrsanierung in gewissen Abständen von unten nach oben Löcher gebohrt.

Hohlraumbefüllung dauert fünf Tage

In die wird der Beton abschnittsweise gepumpt. Zuerst geschieht am unteren Loch. So wird beispielsweise am ersten Tag das untere, einen halben Meter hohe Stück des Hohlraums zwischen dem Rohr und dem alten Kanal verfüllt.

Ist es am nächsten Tag ausgehärtet, wird die Lage darüber verpresst. Bis die Hohlräume eines etwa 30 Meter langen Abschnitts komplett verfüllt sind, dauert es etwa fünf Tage.

Polier Haring zeigt eines der Löcher, durch die Beton in den Hohlraum zwischen alter und neuer Röhre gepresst wird.
Polier Haring zeigt eines der Löcher, durch die Beton in den Hohlraum zwischen alter und neuer Röhre gepresst wird. © Christian Juppe

Im zuletzt zusammengefügten Abschnitt zeigt Polier Haring stählerne Stützen, die mitten in der neuen Rohrtrasse stehen. „Sie sind nötig, damit sich die Rohre nicht verformen“, erklärt er. „Man kann die Hohlräume nicht mit einem mal mit Beton vollknallen. Dann würde das Rohr zusammenbrechen.“

Ist der flüssige Beton eingefüllt, müssen man sich den Zustand des neuen Rohrs so vorstellen, als wenn man eine Flasche unter Wasser hält, erläutert er. „Der Statiker hat genau berechnet, wie wir vorgehen müssen“, erläutert der Polier. Und genauso geschieht das.

300 Meter lang ist die bereits eingebaute Röhre derzeit insgesamt.
300 Meter lang ist die bereits eingebaute Röhre derzeit insgesamt. © Foto: Peter Hilbert

Der gelernte Maurer, der sich später zum Polier qualifiziert hat, arbeitet schon seit fast 18 Jahren vor allem bei der Sanierung von Kanälen mit solchen glasfaserverstärkten Kunststoffrohren.

So hat der Spezialist, der in der Lutherstadt Eisleben wohnt, auf diese Weise 2008 bis 2009 den Altstädter Abfangkanal am Terrassenufer saniert oder auch eine noch größere Röhre in einen gewaltigen Münchner Kanal eingebaut.

Im Sommer: 600 Meter langer Rohrstrang wird gebaut

Etwa in drei Wochen sollen die Rohre im gesamten Abschnitt bis zum Katastrophenschutzzentrum eingebaut sein, erklärt Bauleiter Knechtel. Allerdings dauern dort die letzten Arbeiten bis April.

Danach beginnt die Kanalsanierung am anderen Ende zwischen der Baugrube an der Washingtonstraße und dem Klärwerk. Dort wird ein 600 Meter langer Rohrstrang bis zum Sommer eingebaut.

Ein Blick aus der Baugrube in luftige Höhen, wo der Kran bald das nächste Rohrstück einhebt.
Ein Blick aus der Baugrube in luftige Höhen, wo der Kran bald das nächste Rohrstück einhebt. © Christian Juppe

Zum Schluss kommt das mittlere, 230 Meter lange Stück zwischen Washingtonstraße und der Feuerwehr an die Reihe. Der Bauleiter ist optimistisch, dass dies bis zum Spätsommer geschafft wird, sodass die Umleitung fürs Abwasser ausgedient hat. Es wird dann durch den frisch eingebauten Kanal im alten Kanal fließen.

Bis zum Jahresende werden die letzten Arbeiten abgeschlossen. So werden die Bauleute die Rohrtrasse durch die Flutrinne demontieren und die dortige Baustraße beseitigen. Für das Großprojekt investiert die Stadtentwässerung rund 16 Millionen Euro.

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