merken
PLUS Dresden

Zwei Demos zum Kita-Streik am Mittwoch

Die Erzieher in Dresden legten die Arbeit nieder. Ihre Forderungen und was der Streik für Dresdner Familien bedeutete.

Mehrere Hundert Erzieherinnen schlossen sich in Dresden dem Streik an, zu den die Gewerkschaften aufgerufen hatten. Dabei ging es nicht nur um die Forderung nach mehr Geld.
Mehrere Hundert Erzieherinnen schlossen sich in Dresden dem Streik an, zu den die Gewerkschaften aufgerufen hatten. Dabei ging es nicht nur um die Forderung nach mehr Geld. © Marion Doering

Dresden. 6 Uhr am Mittwochmorgen versammelten sich vor dem Neuen Rathaus die ersten Dresdner Erzieher - sie waren dem Streikaufruf der Gewerkschaft Verdi gefolgt. Die Pädagogen fordern 4,8 Prozent mehr Lohn sowie die gleiche Wochenarbeitszeit wie Erzieher in den westlichen Bundesländern, also 39 statt 40 Stunden pro Woche. Vor dem Rathaus haben sich gegen 8 Uhr etwa 300 Menschen eingefunden, hier gab es eine Kundgebung. Unter den Anwesenden - die alle zum Schutz vor einer Infektion mit dem Coronavirus eine Maske trugen - waren auch einige Stadträte. Auch auf dem Altmarkt streikten rund 300 Erzieher, hier auf einer Kundgebung der Gewerkschaft GEW.

Was fordern die Erzieher?

Neben der GEW hatte die Gewerkschaft Verdi zu den Streiks in Dresden aufgerufen. Beschäftigte der Einrichtungen des Eigenbetriebs Kindertagesstätten, des Jugend- und Sozialamtes sowie des Städtischen Klinikums sollten ihre Arbeit niederlegen. Grund für den Streik sei, dass die Arbeitgeber im öffentlichen Dienst auch in der zweiten von drei vereinbarten Verhandlungsrunden kein Angebot abgegeben hätten, erklärt Verdi. "Die Arbeitgeberseite verhöhnt mit ihrer ablehnenden Haltung die Leistungen und das Engagement der Beschäftigten im öffentlichen Dienst", sagte Bezirksgeschäftsführer Daniel Herold.

Familienkompass 2020
Familienkompass 2020
Familienkompass 2020

Welche Ergebnisse bringt der Familienkompass 2020 für die sächsischen Gemeinden und unsere Region hervor? Auf sächsische.de bekommen Sie alle Infos!

"Wir streiken heute hier, da wir einfach zu wenig Fachkräfte in den Kitas haben und der Personalplan auf Kante genäht ist. Sobald jemand krank oder im Urlaub ist, reicht das Personal nicht und eine Erzieherin ist plötzlich allein mit 20 Kindern", so eine Erzieherin auf der Kundgebung vor dem Rathaus. Auch ein Anstieg des Gehaltes sei wichtig. Zwischen 2.600 bis 3.000 Euro brutto verdient eine Erzieherin aktuell für Vollzeit. Die meisten würden aber nur Teilzeit arbeiten. 

Mandy Langer leitet seit 2013 die Kita auf der Lommatzscher Straße. Ihre Einrichtung war nicht komplett zu, doch der Streik sei wichtig, sagt sie. "Ich wünsche mir 'echte" Verhandlungen." Wenn es die nicht gibt, will sie wieder auf die Straße gehen. 
Mandy Langer leitet seit 2013 die Kita auf der Lommatzscher Straße. Ihre Einrichtung war nicht komplett zu, doch der Streik sei wichtig, sagt sie. "Ich wünsche mir 'echte" Verhandlungen." Wenn es die nicht gibt, will sie wieder auf die Straße gehen.  © Marion Doering
Lisa Miersch ist stellvertretende Kita-Chefin in der Weidentalstraße. Die Kita dort war komplett geschlossen. "Der öffentliche Dienst muss als Arbeitgeber attraktiv sein. Sonst wird es immer schwieriger, neue Erzieher zu bekommen."
Lisa Miersch ist stellvertretende Kita-Chefin in der Weidentalstraße. Die Kita dort war komplett geschlossen. "Der öffentliche Dienst muss als Arbeitgeber attraktiv sein. Sonst wird es immer schwieriger, neue Erzieher zu bekommen." © Marion Doering
Eva Neupert ist Erzieherin im Ruhestand und schloss sich zum Streik trotzdem ihrer ehemaligen Kollegin Simone Becker an. Eine der Forderungen: Altersteilzeit, denn kaum jemand ist mit über 60 Jahren fit genug für den Job mit vielen Kindern.
Eva Neupert ist Erzieherin im Ruhestand und schloss sich zum Streik trotzdem ihrer ehemaligen Kollegin Simone Becker an. Eine der Forderungen: Altersteilzeit, denn kaum jemand ist mit über 60 Jahren fit genug für den Job mit vielen Kindern. © Marion Doering
Auf einem Banner formulierten die Erzieher ihre Forderungen - auch abseits einer Gehaltserhöhung - und warum ihr Job so wichtig ist für Dresdner Familien. 
Auf einem Banner formulierten die Erzieher ihre Forderungen - auch abseits einer Gehaltserhöhung - und warum ihr Job so wichtig ist für Dresdner Familien.  © Marion Doering

Uschi Kruse, Vorsitzende der GEW Sachsen betont ebenfalls, dass es wichtig sei, die Menschen angemessen zu bezahlen. Und sie zu entlasten. "Gerade in Dresden arbeiten viele Kollegen nur bis sie 63 Jahre alt sind, weil sie es länger einfach nicht schaffen", so Kruse. 

Sie befürwortet auch die zentrale Forderung der Gewerkschaften, dass die Arbeitszeit von Ost -und Westkollegen angeglichen wird. Aktuell arbeiten Ostkollegen 40 Stunden in der Woche bei Vollzeit, die Kollegen aus dem Westen 39.

Wie lief die Betreuung der Kinder ab?

Mittwochfrüh veröffentlichte die Stadt unter www.dresden.de/kitas-streik eine Liste mit streikenden Kitas. Eine Notbetreuung gab es nicht. Die Kitas und Frühhorte sollten aber öffnen, wenn pädagogische Fachkräfte zum Dienst erscheinen. Es konnten aber maximal so viele Kinder betreut werden, wie nach dem Personalschlüssel zulässig ist.

Insgesamt 14 Einrichtungen waren ganz geschlossen. Sie öffneten erst 10.30 Uhr wieder. Reichlich 50 Einrichtungen öffneten eingeschränkt, was die Öffnungszeiten oder die Zahl der zu betreuenden Kinder angeht. So beteiligten sich unter anderem die Kitas Geisingstraße und Fabricestraße und der Hort der 48. Grundschule. Außerdem die Kitas auf der Heinrich-Mann-Straße und der Hauptstraße. Bis 10.30 Uhr komplett geschlossen waren unter anderem der Hort der 4. Grundschule und der Hort der 113. Grundschule sowie die Kindertagesstätten Bergstraße, Burgenlandstraße und Maxim-Gorki-Straße. 

Das sagen die Eltern

Die restlichen der insgesamt 172 städtischen Kitas öffneten regulär, so dass sich die Auswirkungen auf die Eltern in Grenzen hielten. Viele hatten ihren Arbeitsbeginn auf 10 Uhr verschoben oder konnten die Betreuung etwa durch die Großeltern der Kinder organisieren. 

"Ich musste heute früh ganz schön rumorganisieren, da ich normalerweise 6 Uhr anfange zu arbeiten, aber für einen Tag ging das schon mal", so eine betroffene Mutter. "Muss das ausgerechnet jetzt sein? Wir mussten wochenlang wegen Corona auf die Kita verzichten und jetzt wieder?", fragte dagegen ein wütender Vater.

Bei allen Umplanungen, um die Kinder trotzdem gut versorgt zu wissen, gibt es eine kleine gute Nachricht für die Eltern. Wer am Mittwoch sein Kind aufgrund des Streiks gar nicht in der Kita betreuen lässt, muss für diesen Tag auch keinen Elternbeitrag zahlen, so die Stadt.

Stadt hat Website mit Infos zum Streik eingerichtet

Zum Abruf aktueller Informationen wurde die städtische Internetpräsenz www.dresden.de/kitas-streik eingerichtet. Zusätzlich hat der Eigenbetrieb Kindertageseinrichtungen an diesem Tag eine telefonische Service-Hotline geschaltet. Unter der Telefonnummer 0351 4885111 erhielten Eltern Auskunft darüber, ob ihre Kita vom Streik betroffen war. 

Die Stadt empfahl Eltern, vorsorglich alternative Betreuungsmöglichkeiten für den Vormittag zu organisieren. Verbindliche Aussagen über die Öffnung einzelner Kitas und Horte im Zeitraum des Streikes könnten erst am Streiktag getroffen werden. Eine Betreuung in anderen Kindertageseinrichtungen sei aufgrund der coronabedingten Schutzmaßnahmen nicht möglich. Kinder konnten nur in der Einrichtung betreut werden, mit der sie einen Betreuungsvertrag haben, weil Teams und Gruppen verschiedener Einrichtungen nicht vermischt werden sollten. 

Notvereinbarung mit dem Städtischen Klinikum geschlossen

Zum Streik aufgerufen waren auch die Mitarbeiter des Städtischen Klinikums mit den beiden großen Krankenhäusern Friedrichstadt und Neustadt. Hier ging es insbesondere um Pflegekräfte – die Ärzte sind gewerkschaftlich im Marburger Bund organisiert.  Ein Pfleger berichtet der SZ, dass es für ihn nicht nur ums Geld, sondern um eine hohe Arbeitsbelastung auf den Stationen geht.

Die Mitarbeiter sollen ihre Arbeit zwischen 6 und 15.30 Uhr niederzulegen. Allerdings sei mit der Gewerkschaft eine Notvereinbarung geschlossen worden, sagt Klinik-Sprecherin Viviane Piffczyk.

Diese Vereinbarung sieht vor, dass alle Bereiche, die Notfälle oder lebensbedrohliche Erkrankungen versorgen, uneingeschränkt arbeiten können. So sind die Onkologie, die Dialyse und die Kinder- und Jugendmedizin - die Abteilung für Neugeborene eingeschlossen - vom Streik ausgenommen.

Hinzu kommt, dass in Bereichen, für die Mindestpersonalgrenzen gelten, etwa in der Intensivmedizin, der Ausfall streikender Mitarbeiter durch den Einsatz weitere Kollegen kompensiert wird. Für Patienten laufe der Klinikbetrieb daher größtenteils uneingeschränkt weiter.

Sozial- und Jugendamt nur eingeschränkt erreichbar

Aufgrund des Streikaufrufs kann es am Mittwoch auch im Sozialamt und im Jugendamt zu Einschränkungen kommen. Das betrifft vor allem die telefonische Erreichbarkeit. Für den Besucherverkehr sind beide Ämter am Mittwoch ohnehin geschlossen. Ab 10 Uhr sollte am Telefon wieder Normalbetrieb herrschen. 

Die Beschäftigten im öffentlichen Dienst fordern unter anderem eine Erhöhung der Tabellenentgelte um 4,8 Prozent, mindestens aber um 150 Euro monatlich. Die Entgelte der Auszubildenden, Studierenden und Praktikanten sollen um 100 Euro monatlich steigen.

Weiterführende Artikel

Jetzt werden auch Sparkassen bestreikt

Jetzt werden auch Sparkassen bestreikt

Nach Öffentlichem Nahverkehr, Kitas und Entsorgungsbetrieben wollen nun Beschäftigte der Sparkassen streiken - auch in Sachsen.

Dresdner Pfleger: "Ich streike nicht nur für mehr Geld"

Dresdner Pfleger: "Ich streike nicht nur für mehr Geld"

Jonas Leuwer ist Pfleger am Friedrichstädter Krankenhaus in Dresden. Auf den Stationen herrsche eine hohe Arbeitsbelastung, sagt er. Wofür er streikt.

Dieser Streik schadet den DVB

Dieser Streik schadet den DVB

Gerade jetzt zu streiken, ist instinktlos, findet SZ-Redakteur Christoph Springer. Ein Kommentar zum Ausstand bei den Dresdner Verkehrsbetrieben.

DVB-Streik zum "unpassenden Zeitpunkt"?

DVB-Streik zum "unpassenden Zeitpunkt"?

In Dresden fuhren am Dienstag keine Straßenbahnen und nur wenige Busse. Am Zeitpunkt des Ausstands gibt es Kritik. Und es könnte teuer werden.

Bereits am Dienstag war in Dresden gestreikt worden. Verdi hatte Mitarbeiter der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) aufgerufen, sich an der bundesweiten Arbeitsniederlegung im öffentlichen Nahverkehr zu beteiligen. In Dresden fuhren deshalb am Dienstag tagsüber keine Straßenbahnen und nur wenige Busse. Am Zeitpunkt des Ausstands gab es Kritik. 

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden