merken
PLUS Dresden

Schabenwettrennen im "Dreckschen Löffel" in Dresden

Welche Erinnerungen die Dresdner mit dem Schnellrestaurant "Picknick" an der Grunaer Straße verbinden und was die Immobilienfirma nach dem Abriss plant.

Das Schnellrestaurant Gastronom "Picknick" an der Grunaer Straße zur Eröffnung 1961 - vielen besser bekannt als "Dreckscher Löffel".
Das Schnellrestaurant Gastronom "Picknick" an der Grunaer Straße zur Eröffnung 1961 - vielen besser bekannt als "Dreckscher Löffel". © SZ/Archiv, Höhne/Pohl

Dresden. Die Tage des einstigen Schnellrestaurants "Picknick" an der Grunaer Straße in Dresden sind gezählt. Der im Volksmund auch als "Dreckscher Löffel" bekannte Flachbau muss einem Neubau mit Wohnungen und Läden weichen. Dabei war das "Picknick" zur Eröffnung 1961 der modernste Imbiss der Stadt, in dem es preiswertes Essen gab.

Viele Dresdner, auch Studenten und Lehrlinge nahegelegener Einrichtungen, haben hier ein Bier getrunken oder eine Bockwurst gegessen und erinnern sich gern an die Besuche darin. Einige haben ihre Erinnerungen an die Sächsische Zeitung geschickt oder sie auf Facebook geteilt.

Anzeige
Unschlagbare Schnäppchen bei NORMA
Unschlagbare Schnäppchen bei NORMA

Ab dem 25. Januar gibt es bei NORMA wieder zahlreiche Rabattaktionen. Hier finden Sie die besten Angebote und Aktionsprodukte aus dem aktuellen Prospekt.

Interessant: Zwar schwang fast immer ein bisschen Bedauern mit, dass der "Drecksche Löffel" jetzt bald Geschichte ist - aber diese Art von Hygiene im Restaurant wünscht sich dennoch niemand zurück.

Halber Liter Bier für 51 Pfennige

Michael Köhler hat von 1969 bis 1972 an der Ingenieurhochschule Dresden studiert. "Von unserem Wohnheim auf der Güntzstraße war es nicht weit zum 'Picknick', da bin ich oft mit meinen Kommilitonen gewesen", sagt der heute 69-Jährige. Viele Halbliter-Gläser Bier seien in der Zeit dort getrunken worden. "Für jeweils 51 Pfennige." Aber auch Bockwurst mit Brötchen für unter eine Mark oder eine Gulaschsuppe für 1,20 Mark standen öfter auf seinem Speiseplan im "Picknick".

"Wir jungen Kerle haben uns immer einen Spaß gemacht. Unter dem Laufband, auf dem man seine Speisen und Getränke abstellte, die dann auf diesem zur Kasse fuhren, gab es eine Metallverkleidung, an der zahlreiche Schaben liefen. Wir haben dann gewettet, welche Schabe zuerst an der Kasse war. Wer auf den Sieger gesetzt hatte, bekam ein Freibier von den anderen ausgegeben", sagt Köhler und muss heute noch darüber lachen.

In Erinnerung ist ihm auch die gute Seele vom "Picknick" geblieben. "Er hieß Abräumer-Kurtl und ist mit seinem Wagen durch die Gänge gefahren, um die leeren Teller und Gläser von den Tischen abzuräumen. Nicht nur ich habe beobachtet, wie er die Bierreste aus den Gläsern in einem zusammengekippt hat. Das so gewonnene Bier hat er dann auf einem Stuhl in der Küche getrunken."

Die ehemalige Selbstbedienungsgaststätte Picknick blieb mehrere Jahrzehnte ungenutzt.
Die ehemalige Selbstbedienungsgaststätte Picknick blieb mehrere Jahrzehnte ungenutzt. © Sven Ellger

Hygiene-Tabus

Eine ganz andere Sicht auf das "Picknick" hat Hans-Gert Kleinert. Er leitete von 1978 bis 1991 das Eiscafé auf der Prager Straße und war wie der Restaurantleiter vom "Dreckschen Löffel" beim HO-Gaststättenbetrieb Dresden-Mitte angestellt. Damals trafen sich die Chefs zu regelmäßigen Tagungen. Kleinert hat sich stets gewundert, dass Sauberkeit und Hygiene im "Picknick" nie eine Rolle bei den Leitungssitzungen gespielt haben, obwohl diese stark zu wünschen übrig ließen. "Ich war bloß zwei, drei Mal dort, aber es sah übel aus", erinnert sich der heute 75-Jährige.

In seinem Eiscafé gab es regelmäßig alle drei Monate zwei Schließtage, an denen ein Tag zur Schädlingsbekämpfung genutzt wurde und der darauffolgende zur Großreinigung. "Ohne ging es in solchen Einrichtungen einfach nicht."

Eine andere Welt

SZ-Redakteur Christoph Springer erinnert sich an seine Schulzeit, in der er auch den "Dreckschen Löffel" besucht hat. Es war Ende der 70er-Jahre. Damals bekamen die Schüler der Spezialschule für Musik ihren allgemeinbildenden Unterricht in einer DDR-Schule an der Canalettostraße. Die Musikausbildung fand in mehreren Gebäuden statt, unter anderem auch in der damaligen Zentrale der Hochschule für Musik, Blochmannstraße 2.

Gelegentlich gingen die Musikschüler zum "Dreckschen Löffel", der schon damals den Spitzname hatte und gleich gegenüber war. "Wir gingen gern dorthin und ich habe mir nie Gedanken über die Herkunft des Namens gemacht. Treppe rauf - nach rechts durch den Windfang rein und dann war links auch schon die lange Theke. Irgendwas gab's immer für kleines Geld, an die Gerichte kann ich mich aber nicht mehr erinnern. Gewiss waren es DDR-typische Speisen, vielleicht gab's auch Bockwurst."

Für ihn war der "Drecksche Löffel" so etwas wie eine andere Welt im Vergleich zur Beschäftigung mit Bach, Chopin, Mozart und Beethoven gegenüber in den Lehr- und Übezimmern der Hochschule - und deshalb durchaus willkommen.

Wertmarken für Essen

Mehrere Leser des Beitrages zum Abriss des Restaurants "Picknick" haben auch auf Facebook kommentiert. So schreibt René Schmidt, dass er als Student der Musikhochschule Wertmarken für das "Picknick" und das "Gastronom" am Postplatz erhalten hat und sie dort als Zahlungsmittel einsetzen konnte. Es gab beispielsweise Broiler mit Krautsalat.

Schmidt findet es schade, dass das "Picknick" abgerissen wird, die Architektur sei nicht schlecht. "Und was danach kommt, sieht man 200 Meter weiter westlich, wo anstelle des Verkaufspavillons für Teppiche nun ein hässlicher Wohnblock steht mit offenen Stellplätzen im Erdgeschoss. Und das an einer der wichtigsten Ausfallstraßen der Innenstadt. Unterste Schublade."

Michael Melerski kommentiert: "Wäre schön, wenn es wieder offen wär, aber original mit warmer Mandora und kalter Bockwurst ."

Werner Löwe erinnert sich auf Facebook, dass er als Student dort oft gefrühstückt hat. "Tasse Kaffee und Leberwurstbrot mit bisschen Gewürzgurke drauf oder ne Bockwurst mit Senf. Das war trotzdem ne schöne Zeit, die nie wieder kommen wird."

Auch Karin Wittek war zu Besuch im Pavillon. "Hab dort immer noch schnell paar Tomatenbrote hinter die Kiemen geschoben, ehe es in die Garde zum Konzert ging", schreibt sie auf.

Nun kommen Wohnungen

Die Immobilienfirma Immvest Wolf hat das ehemalige Picknick 2019 gekauft, als klar war, dass es abgerissen werden konnte. Die Stadtverwaltung bestand an dieser sensiblen Stelle auf einem architektonischen Werkstattverfahren, um eine gute Lösung für den Bereich nahe dem Straßburger Platz zu finden.

Vier Büros wurden beauftragt, um ein niveauvolles Gebäude zu entwerfen. "Gewonnen haben Leinert Lorenz Architekten aus Dresden", sagt Funk. Sie haben ein siebenstöckiges Wohn- und Geschäftshaus entworfen, das einen großen Dachgarten bekommen soll.

Weiterführende Artikel

Ex-DDR-Imbiss "Dreckscher Löffel" muss weichen

Ex-DDR-Imbiss "Dreckscher Löffel" muss weichen

Fast jeder Dresdner über 40 kennt das einstige Schnellrestaurant an der Grunaer Straße. Lange verfiel der Pavillon, jetzt gibt es neue Pläne für den Standort.

Architekt der begrabenen Gastronomie

Architekt der begrabenen Gastronomie

Holunder überwuchert die bröckelnde Eingangstreppe. Schmutziggraue Buchstaben sind auf die mannshohen Fenster geschmiert. „Jämmerlich“, sagt Günter Gruner, als er vor der einstigen Selbstbedienungs-Gaststätte Picknick auf der Grunaer Straße steht.

Im dritten Quartal des Jahres könnte Baubeginn sein, sagt Niederlassungsleiter Steffen Funk von Immvest Wolf. Knapp zwei Jahre später soll das Gebäude fertig sein. Vor ihm soll zur Grunaer Straße und zum Straßburger Platz ein schöner gepflasterter Platz mit viel Grün entstehen, an dem sich nicht nur die Hausbewohner erfreuen werden. Wie viele Mietwohnungen es werden und in welchen Größen, steht noch nicht fest. Im Erdgeschoss sollen Läden einziehen.

So soll das Gebäude aussehen, das anstelle des "Dreckschen Löffels" gebaut wird.
So soll das Gebäude aussehen, das anstelle des "Dreckschen Löffels" gebaut wird. © Visualisierung: Immvest Wolf

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden