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"Wir sind Lotsen und keine Hebammen"

Als Familienpatin begleitet die Dresdnerin Linda Lehmann junge Mütter in ihren ersten Jahren mit einem Kleinkind. Die Idee soll weiter wachsen.

Familienpatin Linda Lehmann (r.) kümmert sich seit einem Jahr um Nadine Hempel und begleitete ihre Schwangerschaft.
Familienpatin Linda Lehmann (r.) kümmert sich seit einem Jahr um Nadine Hempel und begleitete ihre Schwangerschaft. © Marion Doering

Dresden. Es ist schon eine Weile her, dass Linda Lehmann sich um ein eigenes Baby kümmern musste. Fünf Jahre, um genau zu sein. "Für mich fühlt es sich an, als seien erst drei Monate vergangen", sagt die 38-Jährige Dresdnerin. "Ich mag einfach Babys und Kleinkinder so sehr. Das ist mein Alter."

Ihr Geld verdient Linda Lehmann im Büro der Zahnmedizin am Uniklinikum. Der Job erfüllt sie und doch gab es da immer diesen Wunsch in ihr, der lange unerfüllt blieb. "Ich wollte früher immer im sozialpädagogischen Bereich arbeiten", sagt sie. Sie sei einfach ein Helfertyp. Als sie dann 2019 zufällig im Intranet des Klinikums einen Aufruf las, spürte sie spontan: Ja, das muss es sein.

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Gesucht wurden Paten, die sich um junge Familien kümmern, die ein Kind erwarten und unsicher sind, was da alles auf sie zukommt. Hinter den Patenschaften steht ein Gemeinschaftsprojekt des Kinder-Frauenzentrums am Dresdner Uniklinikum und der Carus Consilium Sachsen (CCS) GmbH, das vor zehn Jahren ins Leben gerufen wurde.

Vertraute, Sensoren, gute Seelen und Lotsen

Durch das Projekt soll die gesundheitlich-soziale Entwicklung von Kleinkindern gefördert werden. Außerdem geht es um die Stärkung der Eltern-Kind-Bindung und Kompetenz der Familien, wie Projektkoordination Susanne Nestler erklärt.

Die ehrenamtlichen Paten sollen für die Familien Vertraute, Sensoren, gute Seelen und Lotsen sein. Sie werden ausgebildet, weitergebildet und betreut. Für die Familie ist die Teilnahme freiwillig. Die einzige Bedingung: Mindestens zehn Mal sollen sie innerhalb von drei Jahren Kontakt zu ihren Paten aufnehmen.

Linda Lehmann hatte bis dahin noch nichts von den Familiengesundheitspaten gehört. "Dieser Aufruf kam genau zur richtigen Zeit", sagt sie. Einige Jahre früher hätte sie wohl noch mit ihren eigenen Kindern genug zu tun gehabt, die heute fünf und elf Jahre alt sind. Nun aber fühlte sie sich bereit, etwas mehr Verantwortung zu übernehmen.

Im Laufe des Jahres 2019 ließ sie sich ausbilden, erfuhr dabei viel über Hebammenwissen, Sprachentwicklung und Erste Hilfe, und erhielt im Sommer offiziell ihre Patenurkunde. Danach dauerte es noch mal ein Dreivierteljahr, bis eine Familie für sie gefunden werden konnte, bei der alles zusammenpasste.

Kein Ersatz für Hebammen

Nadine Hempel erwartete mit 19 ihr erstes Baby. Mit dem Vater des Kindes war sie nicht zusammen und damit in dieser Zeit auf sich allein gestellt und froh darüber, dass sich eine erfahrene Mutter ihrer annahm. Auch Linda Lehmann hatte einst lernen müssen, wie es sich anfühlt, ein Kind allein aufzuziehen.

"Vor dem ersten Treffen war ich schon aufgeregt", erinnert sich Linda Lehmann, "aber wir hatten gleich einen guten Draht zueinander." Nadine habe ihr schon beim ersten Treffen viel anvertraut. Sie hatte jede Mengen Fragen zur Erstausstattung, dem richtigen Krankenhaus, den nötigen Anträgen und wollte einfach auch wissen, wie so eine Geburt abläuft.

Das alles sind Fragen, die normalerweise Hebammen beantworten. Sollen die Gesundheitspaten nun deren Aufgaben übernehmen? Mitnichten. "Die Hebammen raten sogar dazu und viele sind froh, etwas entlastet zu werden", sagt Linda Lehmann. Während Hebammen gleichzeitig für Dutzende Mütter da sein müssten und auch nur für begrenzte Zeiten, könne sie sich als Patin auf eine Familie konzentrieren und diese drei Jahre lang begleiten.

30 Paten in Dresden

Da die Gesundheitspaten keine rechtliche Autorität haben, sondern "von Bürger zu Bürger" im Einsatz sind, sind sie bei besonders problematischen Familienverhältnissen auch keine Option. Dann ist das Jugendamt gefragt. Genau das ist auch der Grund, warum die Projektverantwortlichen sich viel Zeit für die Vermittlung nehmen, um zu erfahren, ob ein Pate im Einzelfall auch weiterhelfen kann.

Seit Januar betreut Linda Lehmann eine zweite Mutter, die im April ihr erstes Kind erwartet, keine Angehörigen in Dresden hat und auch keine Freunde mit Kindern, die ihre Erfahrungen weitergeben könnten.

Insgesamt gibt es in Dresden derzeit 30 Familienpaten im Projekt, die sich um etwa 40 Familien kümmern. 16 weitere Paten engagieren sich in Görlitz. Ziel der Initiatoren ist es, künftig ein überregionales Netzwerk in Sachsen wachsen zu lassen, wie Susanne Nestler sagt.

Patinnen wie Linda Lehmann könnten viele wichtige Aufgaben leisten. Allerdings hat ihre Tätigkeit auch Grenzen. "Paten sind keine Sozialpädagogen, Therapeuten, Ärzte oder Babysitter und ersetzen diese in keinem Fall", heißt es im Informationsmaterial.

"Das beste Zeichen"

Eine kleiner Spaziergang allein mit dem Baby im Kinderwagen ist für Linda Lehmann trotzdem kein Problem. "Das wird zwar nicht so gern gesehen, aber toleriert", sagt sie. Letztlich blieben den Patinnen und Familien viele Freiräume, auf welche Weise sie sich austauschen wollen.

"Jetzt in Corona-Zeiten sind die persönlichen Treffen fast komplett weggefallen", sagt Linda Lehmann. "Leider konnte ich Nadines Sohn deswegen erst einmal sehen." Stattdessen sei sie vor allem über Handy mit Nadine in Kontakt geblieben und habe viele Sprachnachrichten verschickt.

In den vergangenen Wochen seien Nadines Anfragen seltener geworden. Für ihre Patin ist das kein Problem. Im Gegenteil. "Wenn ich weniger gefragt bin, ist das doch das beste Zeichen dafür, dass alles in Ordnung ist", sagt sie. Die nächste hilfesuchende Mama mit Tausenden Fragen kommt bestimmt.

Das Angebot der Familiengesundheitspaten richtet sich ausdrücklich an alle Familien aus dem Stadtgebiet Dresden, die ein Kind erwarten oder bereits bekommen haben. Unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Nationalität und ihrem sozialen Status.

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