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Geflüchteter Moussa: "Bäcker ist mein Traumberuf"

Meistgelesen: Als Neunjähriger verlor Moussa Dialle in seiner Heimat beide Eltern und irrte dann allein durch die Welt - bis er in Dresden Bäckermeister Tino Gierig traf.

Moussa Dialle hat seine Ausbildung zum Bäcker im Dresdner Backhaus erfolgreich gemeistert.
Moussa Dialle hat seine Ausbildung zum Bäcker im Dresdner Backhaus erfolgreich gemeistert. © René Meinig

Dresden. Normalerweise läuft das doch so: Nach dem Schulabschluss überlegen sich die jungen Leute, wo ihre Interessen und Stärken liegen. Sie lassen sich mehr oder weniger von ihren Eltern beraten, besuchen Ausbildungsmessen und entscheiden sich irgendwann für ein Studium oder eine Ausbildung - beispielsweise die zum Bäcker.

Für Moussa Dialle war dieser Weg ungleich weiter. Im Jahr 2000 in Guinea im Westen Afrikas geboren, verlor er als Neunjähriger beide Eltern, als diese für den Protest gegen den damaligen Herrscher des Landes mit dem Leben bezahlten. Bei dem Massaker, das Soldaten in einem Fußballstadion der Hauptstadt Conakry verübten, wurden damals mehr als 150 Menschen getötet.

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Moussa war nicht mit im Stadion, wurde aber trotzdem selbst zum politisch Verfolgten und bald zum Flüchtling. Zunächst kümmerte sich ein Nachbar um den Jungen, bis ein Onkel ihn abholte und in einem Haus nahe der Landesgrenze versteckt hielt. "So wollte ich aber nicht länger leben", erinnert sich Moussa Dialle. Bald organisierte der Onkel die Flucht in den Senegal.

Die Fingerfertigkeit trainierte sich Moussa Dialle schon in Bäckereien in Afrika an.
Die Fingerfertigkeit trainierte sich Moussa Dialle schon in Bäckereien in Afrika an. © René Meinig

Mit neun Jahren kam Moussa zum ersten Mal allein in ein fremdes Land. Er versuchte, Arbeit zu finden, sammelte Holz, um es zu verkaufen. Bei einem Motorradunfall verletzte er sich schwer am Rücken, konnte nicht mehr laufen und wurde von einer Krankenschwester auf der Straße abgelegt, da er kein Geld für die Behandlung hatte.

Das alles erzählt Moussa Dialle, während er an einem Tisch vor der Bäckerei vom Dresdner Backhaus an der Augsburger Straße sitzt. Die Backstube ist jetzt sein Arbeitsplatz, und er kann sein Glück noch immer kaum glauben. "Bäcker ist mein Traumberuf" sagt der 21-jährige. "Ich habe diesem Unternehmen so viel zu verdanken."

Aber zunächst zurück in den Senegal: Immer wieder gab es Menschen, die sich zeitweise des Jungen annahmen. Einer vermittelte ihm eine Stelle als Reinigungskraft in einer Bäckerei. Allerdings erhielt er dort zunächst kein Geld, sondern wurde nur verpflegt. Nach einigen Monaten bekam er seine Chance in der Produktion, lernte mit den Händen den Teig zu kneten und schleppte 50 Kilogramm schwere Mehlsäcke.

Bäckermeister Tino Gierig begleitet Moussa seit dessen Ankunft in Dresden.
Bäckermeister Tino Gierig begleitet Moussa seit dessen Ankunft in Dresden. © Marion Doering

Über Libyen und weitere hilfsbereite Einheimische kam Moussa 2016 per Boot nach Italien, wo ihm jemand 100 Euro in die Hand drückte, damit er sich ein Ticket in Richtung Deutschland kaufen konnte. Nur dort, so sagte man ihm, könne er sein Glück finden: Sicherheit, Arbeit und eine Ausbildung. Bis dahin konnte er weder Lesen noch Schreiben, sprach weder Englisch noch Deutsch.

Nach wenigen Tagen in München wurde er als unbegleiteter Minderjähriger nach Dresden vermittelt, wo er sich in einem Wohnheim ein Zimmer mit vier anderen Bewohnern teilte.

Dann kam der Tag, der ihn endlich ankommen ließ: Auf einer Ausbildungsmesse lernte Moussa im Januar 2017 den Bäckermeister Tino Gierig kennen, erzählte ihm von seiner Odyssee und seinem Traum, eines Tages selbst Bäcker zu werden. Die beiden blieben in Kontakt und kurz darauf begann der junge Mann ein Praktikum in der Dresdner Backhaus GmbH.

"Jeder hat eine Chance verdient"

"Ich bin der Überzeugung, dass jeder eine Chance verdient", sagt Gierig, "ob er nun Deutsch spricht und lesen kann oder nicht". Als weltoffenes Unternehmen mit Mitarbeitern aus 17 Nationen sei das Dresdner Backhaus für Moussa der richtige Ort zur richtigen Zeit gewesen. "Er hat gute Laune und schon eine beachtliche Fingerfertigkeit mitgebracht", sagt Gierig, der nie Zweifel hatte: Dieser junge Kerl kann und will das.

Es ist kein Zufall, dass die Dresdner Backhaus GmbH für ihr Engagement und die Qualität der Ausbildung erst jüngst von der Handwerkskammer als eines von sieben Unternehmen in der Landeshauptstadt als „Vorbildlicher Ausbildungsbetrieb“ ausgezeichnet wurde. Das 1825 gegründete Familienunternehmen wird heute in fünfter Generation von Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller und Tino Gierig geführt.

Dutzende Bäcker, Konditoren und Verkäufer wurden hier schon für das Arbeitsleben fit gemacht, die meisten danach übernommen. Einige, die zunächst weggingen, fanden später den Weg zurück. "Da scheinen wir ja nicht alles falsch zu machen", sagt Gierig und lacht.

Ein motivierter Frühaufsteher

Sein Schützling Moussa Dialle war in der praktischen Abschlussprüfung zum Bäcker der Beste, für die theoretische Prüfung brauchte er in diesem Jahr einen zweiten Versuch. "Das durfte aber niemanden überraschen", betont Gierig, schließlich habe Moussa zunächst parallel Deutsch lernen müssen.

Inzwischen kann er sich ganz gut verständigen, im Team sei er äußerst beliebt. Dank einer Trauma-Therapie und der Behandlung seines Rückens ist Moussa inzwischen physisch und psychisch gesund. Zuletzt zog er in eine eigene Zweizimmerwohnung und hat viele Freunde gefunden. "All das war nur durch die Hilfe meines Chefs möglich", sagt Moussa. "Er hat mir immer 100 Prozent geholfen."

Die Sache mit dem frühen Auferstehen ist für den 21-Jährigen überhaupt kein Problem. Je nach Schicht, tritt er auch schon mal abends 22 Uhr oder nachts 1 Uhr zum Dienst in der Backstube an. "Die schlechtesten Tage sind andere", sagt er. "Die, an denen ich nicht arbeiten kann."

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