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Freiwillig in Tschechien

Theo hat am Gymnasium Teplice Nachhilfe gegeben und wurde dort Tierpfleger auf Zeit. Zur Erfahrung Freiwilligendienst hat der 19-Jährige einiges zu sagen.

Theo Dziock hat sich nützlich gemacht und sich dabei selbst genützt.
Theo Dziock hat sich nützlich gemacht und sich dabei selbst genützt. © René Meinig

Dresden. Es hätte eine einsame Zeit für Theo werden können. Ungenutzte Monate, vorbei an Sinn und Zweck. Doch zum Glück gibt es genügend Tiere - an einem Ort, wo sie niemand vermutet.

Als sich Theo Dziock entschloss, als Freiwilliger zu arbeiten, fehlte ihm noch eine klare Vorstellung. Gerade vom Abi gekommen, suchte er Orientierung in der Flut der Angebote und Möglichkeiten. Studium? Ausbildung? Erst mal jobben gehen? "Ich habe mich ein bisschen schlau gemacht und bin beim Internationalen Jugendfreiwilligendienst gelandet", erzählt er. Ins Ausland zu gehen, das fand er ohnehin verlockend. Doch ganz so weit weg von der Heimat wollte er doch nicht.

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Der Paritätische Freiwilligendienst Sachsen bietet jungen und auch alten Menschen verschiedene Möglichkeiten an, sich zu engagieren, dabei Neues zu erleben, zu lernen, sich nützlich zu machen und dafür eine Art Taschengeld zu bekommen.

Theo entschied sich recht rasch für einen Einsatz im benachbarten Tschechien. In der Stadt Teplice suchte ein Gymnasium Unterstützung im Sprachunterricht und im hauseigenen Tierpark. Das ist ein Biopark, in dem Fauna und Flora kultiviert, gepflegt, beobachtet und erforscht werden.

Ein Jahr lang übers weitere Leben schlafen

"Eigentlich sollte ich auch Nachhilfe geben und zur Unterstützung des Deutschunterrichts Kommunikation anbieten", sagt Theo. "Aber während meinem Freiwilligenjahr war die Schule nur rund drei Monate geöffnet." Corona hatte Tschechien schwer getroffen und für einen langen Lockdown gesorgt.

Von anderen Freiwilligen wusste Theo, dass ihre Arbeit abrupt endete. Viele brachen ab und kehrten nach Hause zurück. "Aber die Tiere mussten ja weiterhin versorgt werden. Also brauchte man mich." So begann für den Tierpfleger auf Zeit jeden Morgen gegen 8 oder 9 Uhr die Arbeit im Biopark. Dort leben Kängurus, Krokodile, Lamas, Ziegen, Schafe, Meerschweinchen, Eidechsen, Schlangen und jede Menge Vögel.

Als Helfer des verantwortlichen Biologielehrers bereitete er ihr Futter zu und reinigte ihre Gehege und Terrarien. "Das war eine sehr schöne Aufgabe", sagt Theo, der seit September wieder zurück ist und sich sehr gern an seine Zeit im Nachbarland erinnert.

"Sprachlich bin ich gut klargekommen, auch wenn ich kein Tschechisch spreche", sagt er. Die meisten Schüler und Lehrer beherrschten super Englisch, viele auch Deutsch. "Leider hatte ich durch Corona letztlich wenig Kontakt zu den jungen Leuten." Das fehlte ihm. Trotz Arbeit kann sich Theo auch an einsame und lange Abende oder Wochenenden in seinem Wohnheimzimmer erinnern. Vorübergehend verbot der Lockdown es, zwischendurch nach Dresden zu fahren.

Jeder Freiwilligendienst sieht begleitend zur Arbeit am Einsatzort auch Schulungen und Exkursionen, einige sogar Fahrten in Camps vor. Theo und sein Jahrgang mussten sich, wie so viele Schüler und Menschen im Job auch, auf digitale Möglichkeiten verlegen. "Das war nicht ideal, aber immerhin eine Möglichkeit, sich auszutauschen und interessante Lehrgänge zu belegen."

Per Video besuchte er Konferenzen zu Themen wie Kultur, Medien, Gesellschaft, Arbeitsalltag und Corona. "Wir haben viel über die Geschichte und das Leben der Sinti und Roma gelernt und uns mit Flüchtlingsbiografien beschäftigt." In einem besonderen Projekt traf Theo auf andere internationale Freiwillige aus Indien, Eritrea, aber auch aus anderen tschechischen Städten. "Wir haben unter anderem darüber gesprochen, wie bestimmte historische Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg in den verschiedenen Ländern im Unterricht dargestellt und gelehrt worden sind."

Obwohl Theos Freiwilligenjahr nicht so verlief, wie es eigentlich sein sollte, ist er froh, sich dafür entschieden und es bis zum Ende fortgesetzt zu haben. "Ich kann so etwas jedem jungen Menschen empfehlen", sagt er. "Man kann auf diese Weise ein Jahr lang darüber schlafen, welchen Weg man beruflich einschlagen will." Außerdem habe ihm gut gefallen, Menschen zu helfen, Erfahrungen zu sammeln, Dinge zu lernen, nach denen er vielleicht nie aktiv gesucht hätte. "Ein freiwilliges Jahr ist generell sinnvoll fürs Leben - fürs eigene und für das der anderen."

Man muss sich den Dienst leisten können

Einen Kritikpunkt hat Theo jedoch. Die Taschengelder der verschiedenen Möglichkeiten im Freiwilligendienst fallen sehr unterschiedlich aus. Für die Tätigkeit in der tschechischen Schule und im Biopark erhielt er 200 Euro monatlich. Für sein Wohnheimzimmer musste Theo 3000 tschechische Kronen bezahlen. Das sind fast 120 Euro. Doch ein Freiwilliger muss auch essen, braucht die Dinge des täglichen Bedarfs, Kleidung und Fahrgeld - von Freizeitaktivitäten ganz abgesehen.

Das Taschengeld sei einfach zu wenig. "Es bedeutet nämlich, dass eine zusätzliche finanzielle Unterstützung nötig ist und sich nur junge Leute einen Freiwilligendienst leisten können, deren Eltern genug Geld haben." Das findet Theo nicht richtig. "Freiwillige werden an so vielen Stellen gebraucht. Doch sie müssen sich ihren Dienst an der Gesellschaft auch leisten können."

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