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"So einen Fall habe ich noch nicht erlebt"

Ein Gewohnheitsdieb versuchte sein Glück in einem Dresdner Juweliergeschäft, angeblich mit Handgranate. Offensichtlich wollte er unbedingt länger ins Gefängnis.

Das Gefängnis am Hammerweg war offenbar das Ziel eines Räubers, der im September ein Juweliergeschäft in Dresden überfallen hatte. Nach der erfolglosen Tat wartete er vor dem Geschäft am Altmarkt auf die Polizei.
Das Gefängnis am Hammerweg war offenbar das Ziel eines Räubers, der im September ein Juweliergeschäft in Dresden überfallen hatte. Nach der erfolglosen Tat wartete er vor dem Geschäft am Altmarkt auf die Polizei. © Symbolfoto: Robert Michael

Dresden. Jaroslav T. war abgebrannt und mit seinem Latein am Ende, als er am Nachmittag des 21. September, einem Montag, in ein Juweliergeschäft am Altmarkt marschierte, um es zu überfallen. Es spricht nun einiges dafür, dass der 55-jährige Tscheche tatsächlich auf einen Platz in der Justizvollzugsanstalt am Dresdner Hammerweg aus war.

In der Hand hatte der Räuber damals eine abgelaufene Eintrittskarte der Staatlichen Kunstsammlungen. Wichtiger als die Karte war das, was er kurz zuvor in großen Lettern auf die Rückseite auf das Papier gekritzelt hatte. "Ich habe Handgranat in Tasche – geben Sie Ihr Geld oder gestorben" stand da radebrechend zu lesen. So bewaffnet versuchte er sein Glück in dem Schmuckgeschäft – und scheiterte nach allen Regeln der Kunst. Am Ende wartete er vor dem Laden auf die Polizei, plauschte mit der Chefin des Geschäfts und ließ sich widerstandslos festnehmen.

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Heute blasser und schmaler

Am Montag, zwei Monate nach dem missglückten Überfall, sitzt Jaroslav T. wegen versuchter räuberischer Erpressung vor dem Amtsgericht Dresden. Zeugen beschreiben ihn als deutlich blasser und schmaler als damals. Laut Anklage hat T. seinen Zettel einem 33-jährigen Verkäufer in die Hand gedrückt und sei von diesem aus dem Laden gedrängt worden, ohne Geld und ohne Schmuck. Eine Handgranate habe er auch nicht dabei gehabt.

Der 55-Jährige gibt offen zu, dass er auf eine größere Summe an Bargeld gehofft habe. Doch als es nichts gab, sei die Sache für ihn beendet gewesen. "Auch ein kleiner Betrag", wie er ehrlich einräumt, "hätte die Ausweglosigkeit meiner Situation nicht geändert". Er habe sich mit einem halben Liter Weinbrand Mut angetrunken. Nein, nein, als Koch und Kellner sei er Alkohol gewohnt. Selbst mit zwei Promille Alkohol im Blut "erkennen die Leute nicht, dass ich überhaupt etwas getrunken habe", sagt er.

Verkäufer völlig irritiert

Dann kommen die Zeugen. Er dachte zuerst, bei dem Zettel handle es sich um ein Abholschein, sagt der 33-jährige Verkäufer. Doch als er die Drohung gelesen habe, habe er Angst verspürt: "Mir wurde anders." Völlig irritiert habe er den Räuber aufgefordert, den laden zu verlassen. Der Täter war längst draußen, da rief der Mann noch immer nicht die Polizei, sondern zuerst seine Chefin an, auch das zeigt seine Verwirrung.

Die Chefin kam aus dem 4. Stock nach unten, sah nach, ob auch alles in Ordnung war, ließ sich den Zettel zeigen – und ging dann hinaus zu Jaroslav T. "Sie machen uns Angst", habe sie zu ihm gesagt. Da er immer noch nicht gegangen sei, habe sie die Polizei alarmieren lassen.

Dann unterhielt sich die Frau unter den Altmarkt-Arkaden weiter mit dem gescheiterten Räuber. Der berichtete ihr, er habe Hunger, sagte, in Tschechien bekäme man Handgranaten für 20 Euro, damit könne er ja wieder kommen. Er drehte sich seelenruhig eine Zigarette. Als die Polizei dann endlich eintraf, so die 56-Jährige, habe sie selbst mehr Angst gehabt als der Täter.

Einladung auf einen Kaffee?

Wenn er gewusst hätte, so der Angeklagte, dass es so lange dauern würde, ehe die Polizei eintrifft, dann hätte er die Dame gerne auf einen Kaffee eingeladen, "weil sie mir sympathisch war". Schon zuvor hatte T. zugegeben, dass er krampfhaft auf der Suche nach Geld gewesen sei. Er habe sich "Objekte" angesehen, die sich für einen Diebstahl eigneten. Aber eigentlich habe er in Sachen Diebstahl schon alles durch: "Ich hatte keine Lust mehr", sagte er.

Sein Ziel sei es gewesen, wieder nach Belgien zu fahren, wo er den Sommer verbracht habe. Das könne nicht lange gewesen sein, entgegnete ihm die Vorsitzende Richterin des Schöffengerichts. "Sie sind doch erst am 14. Juli aus der Haft entlassen worden. T. überlegte. Ja, sagte er, das stimme. Die Beamten hätten ihn an die Grenze gebracht und in Petrovice den tschechischen Beamten übergeben.

Dann sei er aber von Prag aus wieder in die Niederlande gereist, habe dort keine Arbeit gefunden. Von Rotterdam sei er nach Brüssel gefahren, was offenbar auch nicht von Erfolg gekrönt gewesen war. Also sei er nach Chemnitz gefahren, weil er dort "von einem Kumpel" noch Geld zu bekommen hätte. Und weil er aber den Kumpel nicht angetroffen habe, sei er weiter nach Dresden gereist. Ein bewegtes Leben.

Täter will wiederkommen. Mit Blumen.

Jetzt schaut der Angeklagte der Zeugin ins Gesicht und raspelt Süßholz: "Ich möchte mich entschuldigen. Ich bewundere Ihren Mut und dass Sie bei mir standen. Sie konnten ja nicht wissen, ob ich nicht noch irgendwo ein Messer habe. Wenn ich mich noch einmal entscheiden sollte, ihr Juweliergeschäft aufzusuchen, dann mit einer Blume und zwei Karten fürs Theater", sagt Jaroslav T.

T. hat rund 30 Vorstrafen, neun davon stammen aus Deutschland. Immer wieder hat er auch Haftstrafen für Diebstähle, Betrügereien, aber auch Drogen- und Waffengeschichten absitzen müssen. Selten brummte er mehr als zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Das spricht für eine gewisse Strategie. Und wie es scheint, will er wieder dorthin.

Die Staatsanwältin wertet den Überfall als eine durchaus ernst gemeinte Tat und fordert zwei Jahre und drei Monate Haft für den 55-Jährigen. Sein Verteidiger Jürgen Saupe tut sich weit schwerer mit seinem Plädoyer. "So einen Fall habe ich noch nicht erlebt", sagte Saupe. Immerhin schildert der Verteidiger, dass nicht einmal die betroffenen Mitarbeiter in dem Juweliergeschäft von sich aus die Polizei gerufen hätten, nachdem T. den Laden verlassen hatte.

Richterin: "Schnapsidee"

Jaroslav T. hat es seinem Anwalt mit seiner Offenheit schwer gemacht, seinen erfolglosen Überfall möglichst milde erscheinen zu lassen. Doch auch mit seinem letzten Wort unterstützt der Angeklagte nicht seinen Verteidiger, sondern die Anklägerin: "Ich schließe mich dem Antrag der Staatsanwältin an", sagt er.

Diesen Gefallen macht ihm das Schöffengericht jedoch nicht. T. bekommt eineinhalb Jahre Haft. Ja, so die Vorsitzende, diese Tat weiche wirklich von allem ab. Sie spricht von einer "Schnapsidee", der Wille des Angeklagten, die Tat auch umzusetzen habe im untersten Bereich gelegen.

Allerdings zeige das Vorstrafenregister auch, dass T., wenn er mal nicht als Kellner arbeite, Straftaten begehe. Daher, also in Ermangelung einer positiven Kriminal- und Sozialprognose, könne die Strafe auch nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden. Auch den Haftbefehl hielt das Gericht in Vollzug.

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Auf diesen letzten Satz hat T. lange warten müssen. Er ist sichtlich erleichtert, als der Dolmetscher ihm erklärt, dass er tatsächlich in der Haft bleibt.

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