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Tatort Theaterkahn

Auf Dresdens prominentestem Schiff soll eine Frau einer anderen Tenside in den Sprudel gemischt haben. Der letzte Vorhang dieses Schwanks fiel vor Gericht.

Stoff für ein irres Schauspiel der Justiz lieferte ein seltsamer Vorgang auf dem Dresdner Theaterkahn. Dort fanden sich Tenside in der Sprudelflasche einer Mitarbeiterin.
Stoff für ein irres Schauspiel der Justiz lieferte ein seltsamer Vorgang auf dem Dresdner Theaterkahn. Dort fanden sich Tenside in der Sprudelflasche einer Mitarbeiterin. © © PR/Theaterkahn

Dresden. Was einst als kleines Drama auf dem Dresdner Theaterkahn im Backstage-Bereich begonnen hatte, endete nun in einer Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht Dresden. Angeklagt ist die langjährige Reinigungskraft auf dem Kultschiff. Die 58-jährige Vietnamesin soll am Wochenende zwischen dem 19. und 21. Oktober 2019 angeblich ein tensidhaltiges Reinigungsmittel in eine Sprudelflasche gegeben haben. Davon habe dann die Assistentin der Geschäftsleitung getrunken und sich schlecht gefühlt.

Zwei Tage sei ihr Geschmackssinn gestört gewesen, heißt es in der Anklageschrift. Der Vorwurf daher: gefährliche Körperverletzung mit einer Mindeststrafe von sechs Monaten Haft. Über ein Motiv dieses heimtückischen Vorwurfs schweigt sich die Anklage aus.

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Schweigen war auch die Strategie der Angeklagten am Freitag in ihrem wohl ersten Strafprozess. Verteidiger Gerhard Rahn hatte das seiner Mandantin ausdrücklich empfohlen. Die Frau berichtete lediglich, dass sie viele Jahre als Reinigungskraft auf dem Schiff geringfügig beschäftigt gewesen sei.

Nach der Tat gefeuert

Doch nach der Sache sei seine Mandantin fristlos gefeuert worden, so Rahn. Die Kündigung hatte die Frau angefochten. Schon im Arbeitsgerichtsverfahren sei klar gewesen, dass an den Vorwürfen nichts dran sei, so Rahn. Ein Vergleich sei geschlossen, eine Abfindung gezahlt und die Kündigung in eine fristgemäße geändert worden. Trotzdem klagte die Staatsanwaltschaft die Frau im Herbst 2020 an.

Als erste Zeugin vernahm Richter Ralf Schamber die Geschädigte. Die 49-Jährige sagte, sie habe am Montagmittag aus der Sprudelflasche getrunken. Beim ersten Schluck habe sie noch nichts gemerkt, „den zweiten Schluck habe ich über den Tisch gespuckt“. Das sei es auch schon gewesen. „Ich bin nicht umgefallen oder so“, sagte die Frau.

Natürlich habe man sich gefragt, was das gewesen sei. Keiner habe eine Erklärung gehabt, wie das Zeug in die Flasche gekommen sei. Die Flasche habe bereits seit Freitag offen auf dem Schreibtisch gestanden. Sicherheitshalber sei die Assistentin von einer Kollegin zum Arzt gefahren worden.

Motiv? Fehlanzeige

Ein Motiv konnte die Frau nicht nennen. Sie habe zwar die Angeklagte wiederholt kritisiert, wenn es an ihrer Arbeit etwas zu beanstanden gab. Aber aufgrund unterschiedlicher Arbeitszeiten habe sie die 58-jährige Reinigungskraft damals schon etwa ein Jahr lang nicht mehr persönlich gesehen. Die Zeugin hatte die Angeklagte auch nicht im Verdacht gehabt, wie sie sagte.

Zweiter Zeuge war der Noch-Ehemann der Angeklagten. Er nutzte jedoch sein Zeugnisverweigerungsrecht und schwieg auch. Laut Rahn habe der 56-jährige Bühnentechniker in einer Polizeivernehmung ausgesagt, seine Frau habe „komisch gelacht“, als er ihr von der Sache mit dem Sprudel erzählte. „Das ist der einzige Grund, warum meine Mandantin angeklagt wurde“, sagte Anwalt Rahn.

Kriminaltechniker: Es riecht nach Spülmittel

Andere Hinweise oder gar Beweise gab es nicht. Weder Fingerabdruck noch anderes, was die Angeklagte mit dem Vorwurf in Verbindung gebracht hätte. Tatsächlich hatten alle Mitarbeiter und Schauspieler jenes Wochenendes, mindestens acht Personen, über einen Zeitraum von drei Tagen Zugang zum Tatort. Kurz: Jeder hätte etwas Reinigungsmittel in den Sprudel mischen können.

Auch Kriminaltechniker vom Landeskriminalamt hatten sich ausführlich mit den Hinterlassenschaften aus der Sprudelflasche befasst. Doch mehr als Tenside und einen erhöhten pH-Wert Richtung Lauge, einem beim Schütteln entstehenden Schaumbild und einem "Geruch nach Spülmittel" konnten auch sie nicht feststellen. Als gesundheitliche Folge sprach das Gutachten von einer lokalen Reizwirkung bis hin zum Erbrechen.

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