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Als die Autobahn von Dresden nach Leipzig fertig wurde

Die Autobahnverbindung zwischen Dresden und Leipzig gilt als selbstverständlich. Vor 50 Jahren wurde sie fertiggestellt.

Von Ralf Hübner
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Schmucklos, modern, funktional: Die 378 Meter lange Stahlbinderkonstruktion der Alten Autobahnbrücke überspannte 1935 die Elbe bei Kaditz.
Schmucklos, modern, funktional: Die 378 Meter lange Stahlbinderkonstruktion der Alten Autobahnbrücke überspannte 1935 die Elbe bei Kaditz. © Archiv Frank Wache, Höhne und Pohl

Dresden. Etwa eine Stunde sollen Autofahrer von Dresden nach Leipzig durch die Autobahn an Fahrzeit sparen. Das zumindest verkündete die Sächsische Zeitung, als vor 50 Jahren, am 5. Oktober 1971, der letzte Teilabschnitt der Strecke bei Döbeln für den Verkehr freigegeben wurde. DDR-Verkehrsminister Otto Arndt dankte den Bauschaffenden, durchschnitt das weiße Band und begab sich auf die Eröffnungsfahrt. Junge Pioniere und FDJler grüßten mit Fähnchen in den Händen vom Fahrbahnrand aus.

Etwa 31 Monate hatte der Bau der letzten 74 Kilometer in Anspruch genommen, 58 Brücken mussten dem Zeitungsbericht zufolge gebaut werden. Die neue Trasse verband die damaligen Bezirksstädte Halle, Leipzig und Dresden. An der Autobahn war schon in den 1930er-Jahren geplant worden. Doch dann wurde das Projekt zurückgestellt, und der Krieg machte die Baupläne vorläufig zunichte.

Dresden war für den Autobahnbau eine wichtige Schnittstelle. Dort kreuzten sich die nach Norden und Berlin führende Strecke mit der nach Westen, Chemnitz und Hof sowie mit der in Richtung Osten nach Bautzen und Breslau. Schon ab 1926 waren in Deutschland die ersten Planungen für „Nur-Autostraßen“ konkret geworden. 1932 wurde zwischen Köln und Bonn das erste 20 Kilometer lange Teilstück in Betrieb genommen. Seit Ende der 1920er-Jahre gab es Planungen für eine „Nur-Autostraße“ von Kassel über Erfurt und Leipzig bis Breslau.

Klemperer: "Prachtvoll dieser gerade Weg"

Am 21. März 1934 vollzog der sächsische Reichsstatthalter Martin Mutschmann für die Reichsautobahn nach Chemnitz den ersten Spatenstich. Zeitgleich wurde auch in Chemnitz und in Hohenstein-Ernstthal mit dem Bau begonnen. Über die Elbe musste eine fast 500 Meter lange Brücke gebaut werden.

Der Literaturwissenschaftler und Romanist Victor Klemperer war 1936 nach der Freigabe auf der neuen Autobahn unterwegs. "Prachtvoll dieser gerade Weg, der aus vier abgesetzten Breiten besteht, aus je zwei überbreiten Einbahnstraßen nebeneinander, ein Rasenstreifen zwischen beiden Richtungen", notierte er in sein Tagebuch. "Und ein herrlicher Anblick, wie man gerade auf die Elbe und die Lößnitzhügel in der Abendsonne zufuhr. Wir fuhren die ganze Strecke hin und zurück, ich wagte zwei Mal 80 Kilometer Geschwindigkeit. Ein großer Genuss, aber auch welcher Luxus und wie viel Sand in die Augen des Volkes" schrieb Klemperer weiter. Tausende Verkehrswege seien in schlimmem Zustand. Diese blieben ungebessert.

Der Bau neuer Autobahnen, von den Nazis als die "Straßen des Führers" propagandistisch mystifiziert, ging weiter. Der Hellerauer Autobahnabzweig mit Anschlüssen nach Berlin und Bautzen wurde im April 1939 freigegeben. Seit 1935 war auch abschnittsweise in Richtung Bautzen gearbeitet worden. Die geplante Verlängerung bis nach Görlitz verhinderte der Zweite Weltkrieg. Aus dem gleichen Grund blieben auch die Pläne für eine Autobahn ins Böhmische, die jetzige A17, lange Zeit in der Schublade. Diese wurde erst 1998 begonnen und erreichte 2006 die tschechische Grenze.