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Der Ring als Lebenskreis

Die Dresdner Goldschmiedin Corinna Aurelia Garbe schafft individuelle Glanzstücke und achtet darauf, dass ihr Schmuck fair bleibt.

Von Nadja Laske
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Wie ein Fenster zu den vielfältigsten Lebensgeschichten wirkt Corinna Aurelia Garbes Arbeit als Goldschmiedin an ihren individuellen Schmuckstücken.
Wie ein Fenster zu den vielfältigsten Lebensgeschichten wirkt Corinna Aurelia Garbes Arbeit als Goldschmiedin an ihren individuellen Schmuckstücken. © Sven Ellger

Dresden. Dieser Ring könnte eine tragende Rolle in einem Shakespeare-Drama spielen. Welch Tragödie! Wie subtil der Giftmord, dessen Waffe nie gefunden wird! Denn sie steckt in Corinna Aurelias voller blonder Mähne und hält ihr langes Haar so unschuldig zusammen, als habe dieses Mordwerkzeug nie eine andere Aufgabe gehabt.

Corinna Aurelia Garbe sitzt in ihrem Atelier auf der Sebnitzer Straße und blättert in einer Mappe. Darin hat sie alle Skizzen, Zeichnungen, Berechnungen und Beschreibungen zu ihrem Gesellenstück gesammelt. Als die Goldschmiedin ihre Ausbildung beendete, schloss sie sie mit einem ebenso ausgefallenen wie anspruchsvollen Werk ab: einem sogenannten Giftring mit Geheimfach für tödliche Substanzen, der sich kurzerhand zur Haarnadel umfunktionieren lässt. Ein extrem aufwändiges Unterfangen.

Wahrscheinlich hätte die 37-Jährige einen ganz anderen beruflichen Weg genommen, wäre da nicht plötzlich in ihrem schwäbischen Heimatort diese Goldschmiedin ansässig geworden. Zu dem Zeitpunkt hatte Corinna ihren Plan fürs Leben nach dem Abitur bereits gemacht. Archäologie wollte sie studieren, inspiriert von ihrem Vater, einem ausgezeichneten Gestein-Kenner, der die seltensten Funde machte.

Voller Hoffnung auf die ewige Liebe oder auch in tiefer Trauer: So kommen Menschen zu Corinna Aurelia Garbe.
Voller Hoffnung auf die ewige Liebe oder auch in tiefer Trauer: So kommen Menschen zu Corinna Aurelia Garbe. © Amac Garbe/PR

"Als ich aber in ihren Laden kam und sah, was sie da tut, fühlte sich das an, als könne es für mich nichts anderes geben", erinnert sich Corinna Aurelia. Kurzentschlossen verwarft sie ihr Vorhaben und ließ sich zur Goldschmiedin ausbilden. Ihre Meisterin wurde ihr zum Wegweiser und ihr Metier zu genau dem Feld, auf dem sie sich verwirklichen kann: "Ich wollte weder am Rechner sitzen und entwerfen, noch etwas kreieren, das Kunst und nicht tragbar ist."

Gut wissend, wohin sie beruflich steuert, entschied sich Corinna für ein anschließendes Produktdesign-Studium im holländischen Maastricht und lernte unterdessen ihren Mann kennen. "Die Liebe hat mich nach Dresden geführt", sagt sie, "also habe ich begonnen, hier Arbeit zu suchen, was sehr schwer war." Kurzzeitig versuchte sie es mit einer Anstellung, wurde damit aber nicht glücklich. Wer in ihrem Fach vor gut zehn Jahren als Goldschmiedin nicht am Hungertuch nagen und kreativ verkümmern wollte, musste sich etwas einfallen lassen. Für Corinna Aurelia bedeutete das den Schritt in die Selbstständigkeit.

Am Tisch ihr gegenüber nehmen nun fast täglich Kundinnen und Kunden mit ihren besonderen Geschichten Platz. Sie kommen voller Hoffnung auf die ewige Liebe, mit dem großen Dank für das Geschenk Leben, in tiefer Trauer üben einen Verlust oder im Gedenken an einen lieben Menschen. Geburt, Krankheit, Tod, Hochzeit und Jubiläen, das sind die Ecksteine der Zeit, die Corinna sehr individuell in Gold gießt, in Silber schmiedet, mit Diamanten versetzt und mit Perlen verziert.

Häufig arbeitet die Goldschmiedin Schmuckstücke um, die für die Besitzer mit Erinnerungen verbunden sind, die sie in dieser Form aber nicht mehr tragen möchten.
Häufig arbeitet die Goldschmiedin Schmuckstücke um, die für die Besitzer mit Erinnerungen verbunden sind, die sie in dieser Form aber nicht mehr tragen möchten. © Sven Ellger

Allein im Jahr 2022 haben rund 100 Paare ihre Ringe zu Verlobung oder Hochzeit von ihr anfertigen lassen. Dabei sucht sie mit jedem der beiden den Ring, der am besten zu ihm passt, und das Ergebnis fällt häufig unterschiedlich aus. Es sei inzwischen überhaupt nicht unüblich, sagt sie, dass Paare verschiedene Ringe tragen.

Rund 90 Prozent ihrer Arbeiten sind neue Kreationen und zu zehn Prozent arbeitet sie alten Schmuck auf oder um. "Manchmal kommt jemand mit Omas Brosche zu mir, einem Erbstück, an dem Erinnerungen hängen", erzählt Corinna. Ein solches Schmuckstück will die Kundin jedoch nicht mehr tragen. So verwandelt die Goldschmiedin die Schmuckspange beispielsweise in einen Ring oder einen Kettenanhänger.

"Allerdings werde ich das neue Schmuckstück nicht stempeln", erklärt sie. Grund dafür ist, dass es sich nie hundertprozentig nachweisen lässt, dass die Angabe im Material wirklich stimmt. "Wenn sie nicht stimmt, und es sich um eine andere Zusammensetzung handelt, ich aber den Stempel setze, mache ich mich strafbar." Erfahrungsgemäß sei ein solches Label jedoch den Kunden nicht wichtig. Im Herzen wissen sie, dass sie Omas Andenken nun in anderer Form bei sich tragen, und darauf kommt es wirklich an.

Bei den verwendeten Materialien achtet Corinna Aurelia Garbe auf Nachhaltigkeit und Fairness: Sie will möglichst keinen Raubbau unterstützen.
Bei den verwendeten Materialien achtet Corinna Aurelia Garbe auf Nachhaltigkeit und Fairness: Sie will möglichst keinen Raubbau unterstützen. © Amac Garbe/PR

Die Wiederverwertung von Edelmetallen ist für Corinna Aurelia auch eine Frage der Nachhaltigkeit. Ganz abgesehen davon, dass der Goldpreis im Laufe der vergangenen Jahre immens gestiegen ist, sollten Ressourcen geschont und vor allem Quellen hinterfragt werden. Im Jahr 2004 habe das Gramm Gold zehn Euro gekostet. Heute zahle man für ein Gramm 60 Euro. Dass Goldschmuck damit für immer mehr Menschen unerschwinglich wird, bedauert sie. Noch relevanter sind für sie die Fragen: Woher stammen das Gold, die Diamanten, die Perlen? Wer hat sie zu welchen Bedingungen gewonnen?

"Ich achte darauf, nur Gold zu verarbeiten, das hundertprozentig recycelt, beziehungsweise fair produziert und gehandelt ist." Gern nutze sie Flussgold aus deutschen Flüssen. Es fällt überwiegend beim Kiesabbau als Nebenprodukt an. Außerdem verwendet Corinna am liebsten historische Edelsteine. Wie die früher einmal gewonnen wurden, könne sie zwar nicht nachvollziehen. Aber sie seien schon im Umlauf und weder Mensch noch Umwelt leiden erneut darunter. Nur für Perlen habe sie bisher noch keine Möglichkeit gefunden, sie fair gehandelt zu kaufen. Doch auch da hilft es, auf alte Stücke zurückzugreifen, um wenigstens aktuell keinen Raubbau zu unterstützen.

So verbindet Corinna Aurelia in ihren Schmuckstücken innere mit äußerer Schönheit, am liebsten in Form von Ringen. In ihnen findet sie die perfekte Form, um Kreise zu schließen. Lebenskreise im Kleinen wie im Großen.