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Der Mann mit dem Eulen-Blick

Kaum jemand in Sachsen kennt die Verstecke von Waldkauz und Co. so gut wie Klaus Fabian aus Dresden. Doch einen gefiederten Traum hat er noch.

Ohne sein Fernglas um den Hals trifft man Klaus Fabian nie. Der Eulen-Versteher kennt alle Lieblingsplätze der Vögel in Dresden.
Ohne sein Fernglas um den Hals trifft man Klaus Fabian nie. Der Eulen-Versteher kennt alle Lieblingsplätze der Vögel in Dresden. © René Meinig

Dresden. Offenbar fühlt er sich ziemlich sicher da oben. In etwa zwölf Metern Höhe hockt der Waldkauz an diesem Nachmittag auf seinem hohlen Baum direkt neben der Hauptallee im Großen Garten. 

All die Fahrradfahrer, Spaziergänger und kreischenden Kinder lassen ihn unbeeindruckt. Bis zum Einbruch der Dämmerung  wird er regungslos dort oben sitzen. Dann beginnt sein Tag.

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Zumindest das weiß jeder Laie: Eulen sind nachtaktiv. "Nicht immer", schränkt Klaus Fabian mit einem freundlichen Lächeln ein. 

"Der Sperlingskauz jagt als einzige heimische Eulenart am Tag. Damit geht er seinen größeren Verwandten bei der Nahrungssuche aus dem Weg." Fabian muss es wissen. Der drahtige Mann mit dem weißen Bart kennt sich in Sachsen wohl besser mit Eulen aus, als jeder andere. 

Mehr als 90 Eulenplätze im Großen Garten

Mit zielsicheren Schritten durch das bunte Laub pirscht er sich nun an den Waldkauz heran. Um den perfekt getarnten Vogel überhaupt dort oben entdecken zu können, muss man schon selbst eulenmäßig gute Augen haben - oder ein Fernglas.

Wo der 76-Jährige auch unterwegs ist, immer spitzt er die Ohren und hat das Fernglas bereit. "Das ist quasi an mir festgewachsen", sagt er. Auf dem Weg zum Treffpunkt am Palais hat er schon wieder sieben Höhlen kontrolliert. 

Sie waren alle leer. Insgesamt nummerierte und dokumentierte er über die Jahre gemeinsam mit seinen Ornithologen-Freunden mehr als 90 Plätze im Großen Garten. 

Am Schimpfen der anderen Vögel erkennt Klaus Fabian, auf welchen Bäumen sich der Waldkauz eingenistet hat. Dieser hier hat sich seine Höhle direkt an der Hauptallee im Großen Garten gesucht und wartet auf die Dämmerung.
Am Schimpfen der anderen Vögel erkennt Klaus Fabian, auf welchen Bäumen sich der Waldkauz eingenistet hat. Dieser hier hat sich seine Höhle direkt an der Hauptallee im Großen Garten gesucht und wartet auf die Dämmerung. © René Meinig

Derzeit gibt es hier sieben Brutpaare des Waldkauzes. Gerade in diesem Jahr sei der Tisch durch die massenhafte Vermehrung der Mäuse reich gedeckt gewesen, während es in den Vorjahren zum Teil große Verluste gegeben habe. 

"Vermutlich durch den Waschbären", glaubt Fabian. In Deutschland und ganz Europa ist der Waldkauz die mit Abstand häufigste Eulenart und im Großen Garten gleichzeitig die einzige.

Und wo sind die anderen geblieben? Die Waldohreule als hierzulande zweithäufigste Eulenart wird im Dresdner Umland regelmäßig beobachtet. Der Sperlingskauz fühlt sich vor allem in der Heide wohl, während sich die Schleiereule und der Steinkauz fast gar nicht mehr in der Region blicken lassen. 

Der letzte lebende Uhu wurde 2013 gesehen

Ein Uhu wurde in Dresden zuletzt 2013 lebend gesehen, brütete allerdings nicht. In der Sächsischen Schweiz, im Radebeuler Lößnitzgrund und in der Meißner Region ist er weitaus regelmäßiger anzutreffen. "Es wäre ein Traum, wenn ich in Dresden noch mal einen Uhu beim Brüten beobachten könnte", sagt Fabian.

Schon vor 20 Jahren fragte er sich, warum denn die Populationen der Eulen innerhalb kurzer Zeiträume so stark variieren. Seit 1980 war er Mitglied der Fachgruppe Ornithologie im damaligen Kulturbund. 

Mit der Wende wurde die Gruppe an den Naturschutzbund Nabu angekoppelt. "Ich habe dann drei, vier Mal die Frage nach den Eulen gestellt und irgendwann sagten die anderen: Dann mach du es doch." 

Fabian: "In der DDR mangelte es an Bestimmungsliteratur"

Genau das tat er und verliebte sich bald in die lautlosen Jäger. "Eulen sind wirklich faszinierende Geschöpfe, die eine große Ruhe ausstrahlen." Schon als Kind in der Oberlausitz lief Klaus Fabian gern mit seiner zwei Jahre älteren Schwestern durch den Wald und verfolgte aufmerksam das Aufhängen von Nistkästen. 

"Nur an der Bestimmungsliteratur mangelte es in der DDR", sagt er. Als ihm ein Cousin im Westen irgendwann ein solches buntes Buch mit den Abbildungen aller einheimischen Vögel schickte, war sein Ehrgeiz endgültig geweckt.

Waldkauz: Ist er wirklich ein Totenvogel?

Heute kann er um die 300 Vögel am Gesang erkennen. Was für andere Gezwitscher ist, sind für Klaus Fabian Gespräche, an denen er sich gern beteiligt. In seiner Tasche hat er stets eine Stimmenattrappe dabei, die auf Knopfdruck heult oder "ku-witt, ku-witt" ruft, so wie der Waldkauz. 

Das klingt fast wie "Komm mit, Komm mit". "Deswegen galt der Waldkauz im Mittelalter auch als Totenvogel, der immer ruft, wenn ein Mensch im Sterben liegt", weiß Fabian. 

Noch seine Großmutter habe ihm davon erzählt. Ihn als Wissenschaftler interessiert heute eher, was die Vögel wirklich mit ihren Rufen bezwecken. Sind sie auf Brautschau? Oder verteidigen sie gerade ihr Revier? 

Uhus sind in Deutschland nicht mehr bedroht - in Dresden aber immer noch eine Seltenheit.
Uhus sind in Deutschland nicht mehr bedroht - in Dresden aber immer noch eine Seltenheit. © dpa/Patrick Pleul

Eigentlich ist Dr. rer. nat. Klaus Fabian ja Chemiker. Er studierte und promovierte an der Uni in Dresden. Später ging er ins Gesundheitswesen und beschäftigte sich als Fachwissenschaftler der Medizin mit der gezielten Trainingssteuerung von Profisportlern.

"Dadurch konnte ich weltweit mit in Trainingslager reisen und hatte tagsüber viel Zeit für die Vogelschau-" Als Rentner beschränkt er sich heute meist auf die heimische Fauna. 

Noch immer erarbeitet er jährlich einen Eulenbericht für Dresden und organisiert Ende Januar die traditionelle Euleninventur im Großen Garten, die bei Tee und Keksen im Warmen gemeinsam ausgewertet wird.

Fabians Mails landen oft in den USA

Seine Führungen haben inzwischen Kollegen übernommen. "Ich klettere auch auf keine Bäume mehr", sagt Fabian. Seine Expertise als Eulen-Versteher ist landesweit aber immer noch regelmäßig gefragt.

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Anekdote am Rande:  In seiner E-Mail-Adresse schreibt Klaus Fabian seinen Vornamen mit Z statt S. Da das die meisten allerdings für ein Versehen halten, landen wichtige Beobachtungsergebnisse statt in Dresden regelmäßig bei einem Herrn gleichen Namens in den Vereinigten Staaten. "Der weiß aber schon Bescheid", sagt der Dresdner Klaus Fabian und lacht. "Alles, was mit Eulen zu tun hat, schickt er zu mir."

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