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Dresdner Gymnasien kämpfen mit Ausfall

Lehrermangel, Langzeitkranke, Familienplanung - wie die Corona-Pandemie das Problem an Dresdner Schulen noch verschärft.

Neben dem allgemeinen Lehrermangel machen Dresdner Schulen nun auch die Folgen der Corona-Pandemie zu schaffen.
Neben dem allgemeinen Lehrermangel machen Dresdner Schulen nun auch die Folgen der Corona-Pandemie zu schaffen. © Symbolbild: Marijan Murat/dpa

Dresden. Wochenlang kein Sport, kein Kunst- oder kein Physikunterricht - was die meisten Schüler insgeheim freut, bereitet den Eltern und auch den Schulleitern Kopfzerbrechen. Vor allem, wenn im Frühjahr die Abiturprüfungen anstehen. 

Aktuell fällt an Dresdner Gymnasien etlicher Unterricht aus. Die Erkältungszeit, aber auch Corona verschärfen die ohnehin knappe Personalsituation an den Schulen zusätzlich. Und noch ein Problem kommt dazu.

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Wie ist die Situation an Dresdner Gymnasien?

Vor allem mit Ausfall in Deutsch und Geschichte kämpft Frank Haubitz, Schulleiter am Gymnasium Klotzsche. Eines der Hauptprobleme bei der ohnehin überall angespannten Personalsituation gibt es auch in Klotzsche: Wegen der Corona-Pandemie müssen alle schwangeren Lehrerinnen sofort ins Beschäftigungsverbot und dürfen keinen Präsenzunterricht mehr geben. 

"Das ist ein Problem, denn wir haben Sorgen, den Unterricht abzudecken", so Haubitz. Er könne mit Vertretungen arbeiten, aber nur in den unteren Klassen. "In der 11. und 12. Klasse geht es um die Wurst, da kann ich keinen Vertretungslehrer hinschicken."

Auch Arnhild Göllner, Schulleiterin am Vitzthum-Gymnasium in Zschertnitz, kennt das Thema Unterrichtsausfall. "Wir sind mit Personal nicht gerade überfüllt, kann man sagen, und das schon seit vielen Jahren." Sie arbeite schon länger mit dem Lehrermangel - jetzt, in Corona-Zeiten, verschärft sich das Problem zusätzlich. 

"Die Kollegen sind wegen Corona natürlich aktuell sehr vorsichtig, bleiben eher mal daheim, wenn sie nicht nicht wohlfühlen - und das bringt uns beim Vertretungsplan ab und zu an die Grenzen", sagt sie. Das "Problem" mit den schwangeren Kolleginnen ist nicht neu, nur, dass die werdenden Mütter jetzt sofort ins Beschäftigungsverbot müssten.

Den Kampf an den Stundenplänen kennt auch Jens Reichel, Schulleiter am Gymnasium Bürgerwiese in der Dresdner Seevorstadt. "Ja, wir haben gegenüber den Vorjahren einen erhöhten Unterrichtsausfall." Gründe seien Schwangerschaften, Langzeitkranke und begrenzte Elternzeiten. Das heißt: Lehrer nehmen diese nur für wenige Monate in Anspruch, für die Reichel keinen Ersatz bekommt. Und auch er spürt die unmittelbaren Corona-Folgen: Immer wieder gebe es aufgrund von auftretenden Symptomen kurzfristige Ausfälle. 

Insbesondere diese könnten nicht vollständig kompensiert werden. "Teilweise gelingt das durch das Programm 'Unterrichtsversorgung' und durch Mehrarbeitsstunden anderer Kollegen und Kolleginnen." Konkrete Zahlen zum Umfang des Ausfalls könne er jetzt aber nicht nennen.

Was sagt das Kultusministerium?

Auch hier mangelt es an belastbaren Zahlen. Das sächsische Kultusministerium kann zum Ausfall weder Zahlen für Dresden noch für das aktuelle Schuljahr nennen. Die gebe es nur für das erste Halbjahr 2019/2020 und nur sachsenweit - Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Unterricht an Sachsens Schulen sind derzeit also nicht aus der Statistik ablesbar. 

Doch schon die Zahlen vom Schulhalbjahr vor der Pandemie zeigen, dass den Schülern etliche Unterrichtsstunden fehlen: An den Grundschulen und Gymnasien sind im Schnitt vier Prozent aller Stunden ausgefallen, an Oberschulen fünf Prozent und an Förderschulen sogar fast elf Prozent.

Warum dürfen Schwangere nicht mehr arbeiten?

Dass Corona die Situation mit dem sofortigen Beschäftigungsverbot für Schwangere verschärft, bestätigt auch das Kultusministerium auf SZ-Anfrage. Obwohl längst nicht jede werdende Mutter den Lehrerjob gleich aufgeben wollte. 

"Da sich tatsächlich einige schwangere Lehrerinnen ans Landesamt für Schule und Bildung gewandt hatten, um trotz Beschäftigungsverbot unterrichten zu dürfen, haben wir die Frage auch mit den Betriebsärzten erörtert", so Sprecher Dirk Reelfs.

Die Betriebsärzte hätten sich dagegen ausgesprochen. Der Einsatz von Schwangeren im Präsenzunterricht sei auch im Ausnahmefall und auf freiwilliger Basis nicht verantwortbar, so die Ärzte. "Damit dürfen Schwangere nicht im Unterricht und in unmittelbarer Betreuung von Kindern und Jugendlichen an Schulen eingesetzt werden." 

Wie ist die allgemeine Personallage an Sachsens Schulen?

Zu Beginn des neuen Schuljahres sind von 1.100 offenen Lehrerstellen in Sachsen 922 besetzt worden. Damit sei das Einstellungsergebnis geringfügig besser ausgefallen als im Vorjahr. "Die Lehrerversorgung bleibt dennoch angespannt. 1.271 grundständig ausgebildete Lehrkräfte hatten sich beworben, mit 589 Bewerbern die meisten für die Schulart Gymnasium und insgesamt über 70 Prozent für die Ballungsräume Dresden und Leipzig", so Susann Meerheim aus dem Sächsischen Kultusministerium. In Dresden konnten konkret 288 neue Lehrer eingestellt werden.

Was sagen die Bildungspolitiker?

Matthias Dietze, selbst Lehrer und CDU-Bildungsexperte, hat für das Problem einen Lösungsvorschlag: "Auf meiner Wunschliste steht eine 'Lehrerfeuerwehr', die sofort für ausfallende Kollegen einspringt, ganz oben." 

Dietze räumt aber auch ein: Dem Arbeitsmarkt könne allerdings nur mit viel Mühe das Personal für den laufenden Betrieb abgerungen werden. Die Schaffung eines ausreichenden Reservepools bleibe damit vorerst ein Traum und solange heiße es: "notdürftig Löcher stopfen und Ausfallstunden hinnehmen". 

Man könne nicht jeden einstellen, der ein Stück Kreide benutzen kann. "Halten wir nicht an den grundständig ausgebildeten Lehrer fest, droht den Schülern als auch dem Ansehen des Lehrerberufs Schaden", so Dietze.

Den völligen Ausschluss schwangerer Lehrerinnen kritisiert auch die Dresdner Grünen-Stadträtin Agnes Scharnetzky. "Die Gesundheit der werdenden Mütter steht im Vordergrund. Wie so oft in dieser Corona-Pandemie werden aber auch hier Entscheidungen pauschal und ad hoc getroffen, die in einer Einzelfallabwägung vielleicht besonnener fallen könnten", so die Bildungsexpertin. 

Im Einzelfall müssten sicher nicht alle Lehrerinnen ins absolute Beschäftigungsverbot, sondern könnten bei entsprechender Flexibilität des Landesamtes für Schule und Bildung zu Hause Aufgaben für die Schule bearbeiten, die den Unterrichtsausfall abmildern würden. 

Es sei an der Zeit, eine Task Force aus Verantwortlichen von Stadt und Land zu bilden, die coronabedingte Entscheidungen für die Schulen allgemein verbindlich treffen kann, so Scharnetzky. 

Auch Linken-Stadträtin Anne Holowenko fordert schnelle Lösungen, damit die Lücken aus dem Lockdown bei den Kindern nicht noch größer werden.

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