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Dresden ist im Lockdown auf den Hund gekommen

Immer mehr Dresdner haben sich 2020 für einen Hund als Haustier entschieden. Davon profitieren unter anderem dubiose Welpenhändler.

Sebastian Henn wollte schon immer einen eigenen Hund, jetzt hat er Lucy aufgenommen.
Sebastian Henn wollte schon immer einen eigenen Hund, jetzt hat er Lucy aufgenommen. © René Meinig

Dresden. Es war ein langgehegter Wunsch von Sebastian Henn: einen eigenen Hund zu haben, der genau seinen Vorstellungen entspricht. Groß und gelehrig sollte er sein. Genau wie Lucy.

Die Malinois-Hündin lebt jetzt seit vier Wochen bei Henn und seiner Frau. "Der Lockdown hat unsere Entscheidung beschleunigt, einen Hund anzuschaffen. Denn ich werde wohl nie wieder so viel Zeit für das Tier haben wie jetzt", sagt der Student.

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Die Vorlesungen in Sozialpädagogik und Management hört er online zu Hause am Computer, die schriftlichen Arbeiten kann er sich einteilen. Da bleibt ausreichend Gelegenheit für lange Spaziergänge in der nahen Heide mit der belgischen Schäferhündin und auch für das Einzeltraining von Lucy bei einer Hundetrainerin.

"Die ersten Monate sind sehr wichtig für die Sozialisierung und Erziehung des Hundes. Deshalb bin ich jetzt damit sehr konsequent", sagt der junge Mann.

Ansturm auf Hundezüchter

Henn ist kein Einzelfall in Dresden, wo sich 2020 deutlich mehr Menschen einen Hund angeschafft haben als im Jahr zuvor. Die Zahl der Hunde in der Stadt stieg um 500 auf insgesamt 14.500 gegenüber 2019. So erhöhten sich auch die Einnahmen aus der Hundesteuer um 6,2 Prozent zum Vorjahr.

Damit liegt Dresden aber noch unter dem bundesweiten Trend. Der Verband für das Deutsche Hundewesen spricht von rund 20 Prozent mehr Hunden, die 2020 im Vergleich zu Nicht-Corona-Jahren gekauft wurden.

Einen regelrechten Ansturm auf ihre Welpen verzeichnen derzeit Züchter wie Simone Sitte. Seit 2009 züchtet die Großhartauerin Labradore und hat eine Nachfrage wie bisher noch nie erlebt.

Illegaler Welpenhandel in Dresden boomt

"Ich bekomme Anrufe und E-Mails aus der Region, aber auch aus Brandenburg, der Leipziger Ecke und sogar aus Nordrhein-Westfalen. Die Leute bieten mir bis zu 5.000 Euro für einen Hund, das ist doch Wahnsinn", sagt Sitte und weiß, dass dies eine Folge der Corona-Einschränkungen ist. Nie zuvor habe es so einen Ansturm gegeben.

Doch das öffne auch Tür und Tor für den illegalen Welpenhandel. Simone Sitte arbeitet bei einem Tierarzt und sieht dort, dass nun verstärkt auch kranke Welpen behandelt werden müssen, die von ihren Besitzern irgendwo auf einem Autobahn-Parkplatz aus dem Kofferraum gekauft wurden. "Das sagen uns die Leute, die machen sich überhaupt keine Gedanken darüber, wie die Tiere gehalten werden."

Gerade an diesem Freitag haben die Dresdner Polizei und die Dresdner Staatsanwaltschaft Wohnungen aufgrund des Verdachtes von illegalem Welpenhandel durchsuchen lassen.

Ermittelt wird gegen zwei Rumänen und eine 41-jährige Deutsche unter anderem wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betrugs in mindestens 47 Fällen. Sie sollen mindestens seit 2019 in mehreren Fällen Welpen, insbesondere Golden Retriever, aber auch Cocker Spaniel und Lagotto Romagnolo illegal aus Rumänien und anderen osteuropäischen Ländern nach Deutschland gebracht haben, um sie hier gewinnbringend zu verkaufen.

Viele alte Hunde im Tierheim

Das Dresdner Tierheim hat von diesem Boom leider noch nicht so stark profitieren können, wie andere Einrichtungen dieser Art in Deutschland. "Junge Hunde und Welpen finden auch im Tierheim sehr schnell einen neuen Besitzer", sagt Stadtsprecherin Anke Hoffmann. Allerdings seien viele Hunde im Heim in Dresden-Stetzsch eher älter und zum Teil schon längere Zeit dort. Einige haben Verhaltensprobleme und gesundheitliche Defizite. Das erschwere neben dem höheren Lebensalter eine Vermittlung.

So sank die Zahl der Hunde, die im Tierheim einen neuen Besitzer fanden, von 99 im Jahr 2019 auf 57 im Vorjahr. Dennoch hat das Tierheim Dresden die Vermittlung nie eingestellt, es wurde immer nach telefonischer Rücksprache oder nach Absprache per E-Mail ein Termin gefunden, sagt Hoffmann.

Und die Corona-Beschränkungen bringen sogar Vorteile mit sich. Denn nun kann es individuelle Gespräche zwischen dem Tierpfleger, der das zu vermittelnde Tier direkt betreut, und dem Interessenten geben, in dem viele Details zum Hund ausgetauscht werden können. "Das ist bei normaler Tierheimöffnung nicht möglich", sagt Hoffmann.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Für die junge Hündin von Sebastian Henn sind Kontakte zu anderen Hunden jetzt besonders wichtig. Doch Welpenspielstunden, wie sie beispielsweise von Steffen Neumann in Weißig angeboten werden, sind derzeit aufgrund der Kontaktbeschränkungen untersagt.

Neumann sieht darin ein großes Problem. "Die Sozialisierung der Welpen ist besonders wichtig, darum müssen sich die Halter nun komplett selbst kümmern, was selten richtig gelingt", weiß der Inhaber einer Hundetagesstätte (Huta).

Damit Lucy dennoch diese Kontakte bekommt, hat Sebastian Henn sie für einige Wochen in die Huta gegeben. "Das hat aber nur deshalb so gut funktioniert, weil Lucy für ihr Alter sehr groß ist und sich auch gut zwischen den erwachsenen Hunden behaupten konnte", sagt der Student.

Er hofft, wenn das Leben wieder in normale Bahnen zurückkommt, eine gute Balance zwischen Studium und Zeit für den Hund zu finden. "Damit Lucy auch geistig gut ausgelastet wird, werde ich sie ausbilden lassen. Das könnte zum Beispiel in Richtung Rettungshund gehen", sagt er.

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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