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Mittlerinnen zwischen den Welten

Fragen rund um Alltag mit Kindern, Ehe, religiösem Leben: Darüber tauschen sich Frauen in einem internationalen Dresdner Projekt aus. Nun steht es auf der Kippe.

Claudia Nicko (l.) und Zozan Almohammad haben das Vertrauen vieler Frauen gewonnen. Nun würden sie ihr erfolgreiches Angebot gern weiterführen können.
Claudia Nicko (l.) und Zozan Almohammad haben das Vertrauen vieler Frauen gewonnen. Nun würden sie ihr erfolgreiches Angebot gern weiterführen können. © René Meinig

Dresden. Als Zozan ihr Leben in Deutschland begann, flog ihr förmlich die Welt um den Kopf. Das ist schon rund fünf Jahre her, doch sie erinnert sich noch gut. Zusammen mit ihrem Mann war sie zunächst in Hamburg gelandet, dann nach Berlin gegangen und von dort über Chemnitz nach Dresden geschickt worden.

Es war die Zeit der ersten großen Ankunft Tausender Flüchtlinge aus überwiegend arabischen und nordafrikanischen Ländern. Zozan Almohammad hatte schon 2014 ihre Heimat Syrien verlassen. Wie sehr viele syrische Kurden war sie in der Region Al-Hasaka zu Hause gewesen. Von dort ging sie in den Irak.

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"Ich habe als Englischlehrerin gearbeitet", erzählt die 35-Jährige. Weil das im Irak nicht möglich war, engagierte sie sich in einer Hilfsorganisation für Menschen, denen Gewalt angetan wurde. "Ein halbes Jahr war ich dort Sozialarbeiterin."

Sich in einem anderen Land zurechtzufinden und einen neuen Platz in der Lebens- und Arbeitswelt zu finden, das war ihr also bereits gelungen, bevor sie nach Dresden kam. Vergleichbar mit Deutschland sei das jedoch nicht gewesen, sagt sie. Fragt man Zozan danach, was sie hierzulande als besonders anders, überraschend, befremdlich erlebt hat, lacht sie herzlich und sagt: "Alles!"

Entwurzelt und ratlos in der Fremde

Dieses Empfinden nicht vergessen zu haben, macht sie heute zu einer guten Ansprechpartnerin für Frauen, die nach ihr herkamen und einen ähnlich verwirrenden Weg der Eingewöhnung gehen mussten. Seit drei Jahren gehört Zozan Almohammad zum dreiköpfigen Team der Interkulturellen Familienwerkstatt des Kaleb Zentrums Dresden. Für die Stelle wurde sie geradezu entdeckt.

"Ich war dabei, Antrag auf Förderung eines neuen Projektes zu stellen, als Zozan die ersten Male zu unserem Frauentreff kam", erinnert sich Claudia Nicko. Die Sozialpädagogin hatte den Plan, Migrantinnen aus den verschiedensten Ländern eine Anlaufstelle für Lebenshilfe in der neuen Umgebung zu bieten.

Anders als in Deutschland leben Familien in der arabischen Welt nicht viele Kilometer getrennt voneinander. Frauen haben stets ihre Mütter, Großmütter, Schwestern, Cousinen, Schwägerinnen um sich. Sie geben ihnen das soziale Netz, das Deutsche über ihre Freundeskreise bilden. Im Familienverband die Kinder großzuziehen, stets Ältere um Rat fragen zu können, das war auch Zozan gewohnt.

Doch ihr erstes Kind bekam sie in Dresden, fern von der Familie, ohne Freunde und ohne die Sprache zu sprechen. "Arabische Frauen beschäftigen sich nicht auf die Art und Weise mit ihren Kindern, wie das die meisten deutschen Mütter tun", sagt sie. Während diese schon Pekip-Kurse buchen, noch bevor das Baby überhaupt auf der Welt ist, beeinflusse der Familienkreis das Aufwachsen arabischer Kinder ganz selbstverständlich und wie nebenbei.

Überfordert und ratlos habe sich Zozan anfangs mit ihrem Sohn Adam gefühlt. "Ich wusste einfach nicht, was er will und braucht und was ich für ihn tun kann." Über ihren Mann, der in seinem Deutschkurs davon gehört hatte, lernte sie Kaleb kennen. Dort traf sie Frauen aus ihrem Kulturkreis, aber auch Deutsche wie Claudia Nicko. Der Babymassage-Kurs mit Adam tat ihr und dem Kleinen gut. Außerdem die Möglichkeit, Fragen loszuwerden, zu lernen und Kontakte zu knüpfen.

So ging es im Laufe der vergangenen drei Jahre auch vielen anderen Frauen, die regelmäßig die Interkulturelle Familienwerkstatt besuchten, in der Zozan inzwischen als Teilzeitkraft mitarbeitet. "Im Zuge des Förderantrages war mir klar geworden, dass sie perfekt in das Projekt passt und ganz wichtige Aufgaben übernehmen kann", sagt Claudia Nicko: übersetzen, erklären, vermitteln, bei Behördenpost helfen und so schneller Zugang zu den Migrantinnen finden, als es ihre deutschen Kolleginnen können.

"Es dauert lange, bis die Frauen in der Gruppe Vertrauen gewinnen und private Probleme ansprechen", weiß die 38-Jährige. Viele haben Angst, als schlechte Mütter oder Ehefrauen dazustehen, wenn sie Schwierigkeiten in der Familie zugeben.

Nicht ohne Männer, Väter und Söhne

Bevor der Lockdown die Kurse unmöglich machte, war dieses Eis gerade gebrochen: "Die Frauen hatten begonnen, sich offen auszutauschen - über Probleme mit heranwachsenden Töchtern, die kein Kopftuch tragen wollen, über Angehörige in der Heimat, die den westlichen Lebensstil missbilligen, sogar über Unterdrückung und Gewalt in der Ehe.

Auf dieser Basis hätte die Familienwerkstatt erfolgreich weitergehen sollen. "Wir hatten vor, auch die Väter mit einzubeziehen", sagt Claudia Nicko. Sich beispielsweise Fragen der Erziehung der Söhne zu widmen, wäre ein wichtiger Ansatz.

Doch die Förderung über den Topf für "Integrative Maßnahmen Sachsen" ist zum Ende des vergangenen Jahres ausgelaufen. Noch ruht die Projektarbeit coronabedingt ohnehin. Doch danach wird sich der Verein die Stellen der Mitarbeiterinnen nicht mehr leisten können.

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"Noch halten wir per Videochats Kontakt zu den Frauen", sagt Zozan. Doch Zeit für ehrenamtliche Arbeit wird sie nur haben, bis sie einen neuen Job findet. Genau wie Claudia. "Dann stirbt die Werkstatt und alles, was wir geschafft haben, verschwindet."

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